Vormann Bünting: Rettung wieder Willen
Kapitäne erzählen Hooligan auf hoher See
Der Hilferuf erreichte uns an einem Sommertag, kurz nach Mittag, als die Sonne aus einem Himmel ohne Wolken schien und die Nordsee ruhig da lag wie eine große Pfütze. Ein Ausflugsdampfer auf Butterfahrt meldete: "Mann über Bord!" Seine Position: im Mündungsgebiet der Elbe, etwa auf Höhe von Tonne Nummer 44. "Mann über Bord" ist das Schlimmste für einen Seemann. Höchste Alarmstufe.
Für uns bedeutet der Notruf: "Hebel auf den Tisch!", weil wir die Metallgriffe, mit denen wir das Tempo regulieren, fast auf die Tischplatte drücken. Innerhalb von drei Minuten sind wir einsatzbereit, die Motoren werden jederzeit vorgewärmt. Es kam schon vor, dass der Vormann (so heißt der Kapitän eines Rettungskreuzers) im Schlafanzug losraste, weil er länger brauchte, um einsatzbereit zu sein, als sein Schiff.
Man muss wissen: Vier Mann arbeiten rund um die Uhr auf unseren Kreuzern, zwei Kapitäne und zwei Ingenieure, zuständig für die Maschine. Die Hermann Helms - 27 Meter lang, 6,53 Meter breit und 3194 PS stark - liegt am Ende einer langen Pier, am Rande des Fährhafens von Cuxhaven. In weniger als einer halben Stunde würden wir die Position des Ausflugsschiffs erreicht haben.
Der Schiffbrüchige schlug nach seinen Rettern
Wir pflügten mit 23 Knoten durch die See, äußerste Kraft voraus. Ich konnte durch mein Fernglas schon aus einiger Entfernung erkennen, dass das Ausflugsschiff ein Beiboot ausgesetzt hatte, um den Schiffbrüchigen zu bergen. Was nicht unbedingt erfolgversprechend aussah, denn ich konnte einen jungen Mann in tadellos weißer Uniform erkennen, der damit beschäftigt war, sich an Bord des Beiboots zu halten, statt wirklich zu helfen. Vor allem aber schien es, als wollte sich der Schiffbrüchige gar nicht helfen lassen. Immer, wenn das Boot in seine Nähe kam, tauchte er wieder ab.
Seltsam.
Auch ein Schiff des Wasser- und Schifffahrtsamtes war zu Hilfe geeilt. Die Matrosen im Rettungsboot zögerten nicht lange. Wir waren jetzt so nah dran, dass ich sehen konnte, wie kräftige, tätowierte Arme ins Meer griffen, den Schiffbrüchigen packten und mit einem Ruck herauszogen. Den schien das gar nicht zu freuen, denn er schlug nach seinen Rettern, was sich die Matrosen gefühlte fünf Sekunden lang gefallen ließen. Nach einigen Ohrfeigen beruhigte sich der Schreihals.
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Stefan KrückenDer Tumult hatte sich gelegt, aber es war klar, dass neuer Ärger drohte, weil der Mann offenbar nicht ganz bei Sinnen war. Wie bekamen wir ihn ohne Gefahr für ihn und uns an Land? Wir entschieden, für den ersten Schritt unser Tochterboot "Biene" auszusetzen, mit dem das Rettungsboot leichter zu erreichen war. Ich fuhr damit hinüber, dankte den Matrosen und nahm den Verwirrten in Empfang. Zack, zog ich ihn mit einem kräftigen Griff von Bord zu Bord.
Ein wirklich starker Ostfriese
Sofort begann der Mann - Mitte 30, ziemlich groß und breitschultrig gebaut - auch nach mir zu schlagen, zu spucken und wüste Beschimpfungen zu brüllen. Ich drückte ihn vorsichtshalber auf den Boden der "Biene". In meiner Freizeit arbeite ich in der Nähe von Aurich als Landwirt, man sagt mir nach, dass ich ein wirklich starker Ostfriese bin. Einmal zum Beispiel mussten wir bei einem Einsatz ein Pferd retten, das von einer Weide ins Watt entlaufen war und beim Einsetzen der Flut zu ertrinken drohte. Ich bekam das Zaumzeug zu fassen und zog den Gaul solange hinter dem Schlauchboot her, bis er wieder festen Boden unter den Hufen hatte. Das dauerte knapp eine Stunde, machte mir aber nichts aus.
Wer jetzt aber denkt: Oha, diese Seenotretter, die haben aber einen aufregenden Beruf! Die brausen durch den Sturm, die retten sogar Leute, die sich gar nicht retten lassen wollen - der weiß nichts von unserem Alltag. Tatsächlich ist unser Job manchmal spektakulär, wenn wir losrasen, angeschnallt in unsere Schalen auf dem Steuerturm. Aber es gibt auch viel Routine, sehr viele Stunden Warterei, noch mehr Training. Immer wieder üben wir auch einfache Manöver und Handgriffe, um in einer Ausnahmesituation, bei elf Beaufort oder neben einem brennenden Kutter, perfekt reagieren zu können. Als Seenotretter zu arbeiten heißt, Teil eines Teams zu sein. Für Egoisten und Einzelkämpfer ist kein Platz auf einem Kreuzer.
Vormann Bünting: Rettung wieder Willen
Wobei man bei manchem Einsatz gewisse Nahkampfqualitäten beweisen muss. Am Wirkungsvollsten schien mir zu sein, dem Randalierer, wenn es drohte, kritisch zu werden, an den Hals zu packen. Ich sage mal: Ihm den Gashahn zuzudrehen, dann war Ruhe an Bord. Ob ich die Situation als bedrohlich empfand? Wieso? Ich hatte doch alles im Griff.
Als ginge es gegen eine Horde Hooligans
Ein Polizeiboot traf ein. Der Beamte stieg auf die "Biene" ein und schaffte es, beruhigend auf den Krakeeler einzureden. Er hatte in der psychologischen Schulung offenbar besser aufgepasst als ich. Weil wir Worten alleine nicht trauten, ketteten wir ihn vorsichtshalber mit Handschellen an Bord, damit er nicht noch mal ins Meer sprang. Alles schon passiert: Da war beispielsweise ein Autodieb, der auf der Flucht vor der Polizei versucht hatte, rüber nach Schleswig-Holstein zu entkommen. Als Brustschwimmer.
An Bord der Hermann Helms begleiteten wir den Schiffbrüchigen von Tonne 44 in die Mannschaftsmesse. Die Messe ist unser Wohnzimmer, das aber zweckmäßig eingerichtet sein muss, weil wir dort im Ernstfall auch Verletzte versorgen. Trotzdem versuchen wir, die Unterkunft so gemütlich wie möglich zu gestalten, zum Beispiel mit Plaketten an den Wänden und einem kleinen Teddy im orangefarbenen Überlebensanzug.
Im Abstand von Minuten bekam unser Passagier einen merkwürdigen Glanz in den Augen und flippte aus. Einmal versuchte er, sich loszureißen und nach der Dienstwaffe des Polizisten zu greifen. Ich schloss die Pistole lieber in der Kombüse weg, in den Brotschrank, um genau zu sein. Einigermaßen angesäuert warnte ich den Mann, nicht unsere Einrichtung zu beschädigen, sonst ... na ja, es waren recht deutliche Worte, die er nicht missverstehen konnte. Man muss auch mal zeigen, wer Herr an Bord ist.
Meine Ansage und die etwas liebevollere Betreuung durch den Polizisten bewirkten, dass wir ohne weitere Aufregungen in Cuxhaven einlaufen konnten, wo ein Großaufgebot der Polizei an den Kai aufgefahren war. Die Einsatzkräfte trugen Helme, Protektoren und sogar Schienbeinschützer, als ginge es gleich gegen eine Horde Hooligans. Ich wollte den Trupp aber nicht an Bord haben, weil ich finde, dass wir unsere Probleme selber regeln können. Tatsächlich ließ sich der Gerettete ohne weiteren Widerstand an Land begleiten und wurde mit einem Krankenwagen weggefahren.
Kurz darauf stellte sich heraus, dass er unter dem Einfluss diverser Rauschmittel stand. Und dass er mehrfach vorbestraft war, wegen schwerer Körperverletzung, wegen Gewaltdelikten und wegen Raubes.
Vormann Jörg Bünting, Jahrgang 1946, begann seine Seemannslaufbahn als Schiffsjunge. 17 Jahre lang fuhr er auf Frachtschiffen. Seit 1978 arbeitet er für die "Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger". Zunächst war er auf Helgoland stationiert, seit 21 Jahren ist seine Basis Cuxhaven. Wie viele Leben er im Laufe der Jahre rettete, hat der Vater von drei Kindern nicht gezählt. Er lebt auf einem Bauernhof am Rande von Aurich, Ostfriesland.