Massentierhaltung in der DDR - DER SPIEGEL
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Massentierhaltung in der DDR: Von Menschen und Schweinen

Foto: Dr. Ernst Woll

Massentierhaltung in der DDR Von Menschen und Schweinen

Platznot, Kannibalismus und Kastrationen ohne Betäubung: Auch in der DDR war die auf Effizienz ausgerichtete industrielle Nutztierhaltung oft alles andere als artgerecht. Tierarzt Ernst Woll erinnert sich an die damaligen Haltungsbedingungen - in einem fiktiven Interview mit den Tieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Viele Jahre arbeitete ich als Chef-Tierarzt in einem großen Schlachthof der DDR. Meine Aufgabe war es unter anderem, den Gesundheitszustand der Tiere zu prüfen, bevor sie geschlachtet wurden. Zuvor hatte ich in traditionellen Bauernwirtschaften, landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) und auf Volkseigenen Gütern (VG) die unterschiedlichsten Schweinehaltungsmethoden kennengerlernt. Immer wieder hatte ich daran mitgewirkt, den Versuch zu unternehmen sie tiergerechter zu gestalten.

Doch das war in der DDR der sechziger Jahre ein wenig aussichtsreiches Unterfangen: Die Mauer war gerade erst gebaut, in der Kunst wurde der sozialistische Realismus proklamiert und mit dem gesellschaftlichen Wandel veränderte sich auch die Landwirtschaft der Arbeiter- und Bauernrepublik damals drastisch. Die Zwangskollektivierungen waren weit vorangeschritten und nun bestand das Hauptziel darin, die Produktionsabläufe so effizient wie möglich zu gestalten und damit die Produktivität zu steigern. Das Wohl der Tier spielte damals, nicht anders als heute, nur eine untergeordnete Rolle.

Die Schweine, die zu uns in den Schlachthof kamen, stammten aus den unterschiedlichsten Haltungen. Oft fragte ich mich, welche Leidensgeschichten die Tiere, die bei uns ankamen, bereits hinter sich haben mussten. Ich stellte mir vor, man könnte mit den intelligenten Vierbeinern reden und sie selbst nach ihren Haltungsbedingungen befragen. Was sie wohl sagen würden? Hören Sie einfach mal hin! Die Berichte der Schweine behalten übrigens nach wie vor - leider - ihre Gültigkeit.

Betonödnis statt Schlammgrube

"„Ich komme aus einem LPG-Stall", unterrichtete eines Tages eine Zuchtsau ihre Artgenossen über ihren Herkunftsort, "in dem über 100 Sauen mit ihren Ferkeln unter einem Dach lebten. Die Menschen haben uns einen betonierten Auslauf an die Stalllängsseiten gebaut. Ausgerechnet Beton! Eine Beleidigung für uns Schweine! Wie sollte man sich denn da im Schlamm suhlen? Das wäre so, als würde man den Menschen ihr Grundbedürfnis nach fließendem Wasser nicht zugestehen.

Übrigens, viele Menschen sind doch tatsächlich so dumm zu glauben, dass wir uns deshalb im Schlamm suhlen, weil wir es toll finden uns vollzusauen, wie sie das unverschämterweise nennen. Dass wir unsere Haut aber lediglich vor Insektenstichen und Sonnenbrand schützen und mit dem Schlamm unsere Körpertemperatur regulieren, weil wir nicht schwitzen können, davon haben diese ignoranten, gefräßigen Zweibeiner wahrscheinlich keinen blassen Schimmer."

Ich fragte: "Du warst also nicht zufrieden, obwohl eure Stallungen jetzt neu und sauber waren? Ich könnte von alten Ställen vor der LPG-Zeit berichten, die mehr als primitiv waren. In denen hättet ihr euch sicher nicht wohl gefühlt. Geht es euch denn jetzt nicht viel besser?" Die Schweine horchten auf. Eine prächtige Zuchtsau bedeutete mir durch energisches Grunzen, dass sie etwas erwidern wollte.

Ein Leben in Ketten

„Ich komme aus einem Volkseigenen Gut, in dem immer wieder die neuesten Haltungsmethoden getestet wurden. Zur Welt gekommen bin ich in einem sogenannten Kastenstand, in dem unsere Mutter zwar direkt an unserer Seite blieb, aber durch Metallgitter von uns getrennt war, damit sie uns nicht erdrücken konnte. Wir Ferkel konnten zwar unter der Absperrung durchkriechen und uns recht frei bewegen, aber unsere Mutter stand und lag sehr eng eingepfercht.

Die erste wirklich schockierende Erfahrung machte ich als junge Sau, als ich für ein Experiment zur sogenannten Anbindehaltung ausgewählt wurde. Was das heißt? Dass ich Zeit meines Lebens, egal ob als tragende, werfende oder Ferkel säugende Sau ein Halsband tragen musste und angebunden blieb. Resultat: Ich warf meist nur sieben Ferkel, eines weniger als im Durchschnitt. Und aus irgendeinem Grund glaubten die Menschen noch immer, dieser Anbinde-Irrsinn würde höhere Leistungen erzielen."

Die Sau schien aufgebracht. Ich unterbrach sie: "Es stimmt, was wir Menschen als sinnvoll ansehen, muss nicht unbedingt in eurem Sinn sein, und ob es Sinn macht, euer Wohlbefinden vordergründig und allein an guten oder schlechten Leistungen zu messen, bleibt mehr als fraglich. Die Fruchtbarkeit sowie die Anzahl der aufgezogenen Ferkel soll bei euch Sauen der Maßstab dafür sein, ob eure Haltungsbedingungen tiergerecht sind. Wenn dem so wäre, dann müsstet ihr euch in den neuen genossenschaftlichen oder volkseigenen Ställen der DDR aber sehr wohl fühlen, denn eure Leistungen sind dort in der Regel gut.“

Kastration ohne Betäubung

Die Sau, die die längste Zeit ihres Lebens angebunden zugebracht hatte, war jetzt nicht mehr zu halten und begann aufgewühlt zu reden: „Alles Unsinn. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Auch ihr Menschen vermehrt euch unter den widrigsten Bedingungen. Sieh dir ruhig die Striemen an, die der Halsbügel in mein Fleisch geschnitten hat. Ich war gerade sechs Monate alt und musste ihn schon tragen! Unsagbar schmerzhaft war das, einige Druckstellen entzündeten sich sogar. Nur weil man mich mit Antibiotika vollgestopft hat, bin ich nicht ernsthaft krank geworden.

Und jetzt frage ich dich: Haben sich unsere Verhältnisse seit der Einführung dieser Neuerungen verbessert? Pustekuchen! Wenn ihr uns schon den Garaus machen wollt, um uns anschließend zu verschlingen, dann sollet ihr uns wenigstens das gewähren, was ihr euch selbst niemals vorenthalten würdet: Bewegungsfreiheit, Licht und Luft."

In einer anderen Bucht des Wartestalls im Schlachthof hatten Mastschweine aufmerksam zugehört. Eines der Tiere machte sich zum Wortführer. "Ich wuchs als Mastschwein in einem kleinen Schweinezuchtbetrieb auf, in dem wir passable Unterkünfte hatten. Schon sechs Wochen nach unserer Geburt wurden wir unseren Müttern weggenommen. Wir waren für die Mast vorgesehen, durften also nicht für Nachwuchs sorgen. Und wie habt ihr uns daran gehindert? Indem ihr uns operiert habt! Ohne Betäubung! Kastrieren nennen sie das, diese Barbaren! Danach brachten sie uns in einen gesonderten Stall, wo wir bleiben mussten, bis wir uns ungefähr 30 Kilogramm angefressen hatten.

In dieser Gewichtsgruppe hießen wir "Läufer". Blanker Hohn! Das Laufen auf den Böden unserer Verschläge war kaum möglich. Nur eine Hälfte des Fußbodens bestand aus einer festen Fläche. Dort hielt ich mich meistens auf. Nur wenn ich mal musste, traute ich mich auf den Spaltenboden. Aber die Spalten-Elemente waren aus Beton und teilweise beschädigt. Oft blieb man in den Öffnungen hängen und riss sich tiefe Wunden. Kümmerte aber keinen. Was macht es schon, wenn einer, der dem Tode geweiht ist, schon zu Lebzeiten blutet."

"Ihr Menschen macht Schweine zu Schweinefressern!"

Ich wollte für meine menschlichen Artgenossen in die Bresche springen und warf ein, dass man anderswo bessere Spaltenböden aus Metall und Grauguss ausprobiert hatte. Aber das Mastschwein zeigte sich unbeeindruckt: "Unsinn. Das Beste für uns Schweine ist Stroh, und das weißt du genau. Aber Stroh macht Arbeit, und die wollt ihr Menschen euch nicht mehr machen. Übrigens, der wirklich hässliche Teil meiner Geschichte kommt erst noch.

Mein wahres Martyrium begann nämlich im Maststall. Der gehörte zu einer Anlage für sage und schreibe 25.000 Schweine. Hier hatte man überhaupt keinen durchgehenden Boden mehr unter den Klauen. Es war eine Kunst, über den sogenannten Ganzspaltenboden zu laufen. Balancieren musste man geradezu. Aber leider gab es nur wenige begnadete Artisten unter uns. Noch schlimmer war das Schwanzbeißen. Wenn es in der kahlen Umgebung nichts anderes gibt, dann müssen eben die Schwänze der anderen herhalten! Anfangs ist es bloß Spaß, aber später wird es ernst, wenn nämlich die Schmerzenslaute und die blutenden Bisswunden dazu kommen! Ihr Menschen macht uns zu Schweinefressern!"

Die Tiere wurden zunehmend unruhiger, eine Sau sagte leise und fragend und so als wolle sie, so kurz vor dem Ende, Frieden stiften: "Es heißt, es gebe Menschen, die kein Fleisch essen, weil sie uns Tiere so sehr lieben und weil sie glauben, dass ihnen unser Fleisch nicht gut tut. Vielleicht bleibt unseren Nachkommen eines Tages unser Schicksal erspart, weil die Menschen sich mit Grünzeug begnügen? Vielleicht überraschen die Menschen unsere Kindeskinder eines Tages ja doch noch und behandeln sie mit Respekt?"

Ihre Artgenossen blickten ungläubig und resigniert, sie grunzten verächtlich. "Träum nur weiter", sagten sie, "solange du noch kannst. Die Menschen werden sich nie ändern." Panisches Gegrunze und Geschrei hob an, als der Fleischer kam. Gnadenlos trieb er die Tiere zur Schlachthalle. Eines der Tiere rief mir erbittert zu: "Wären wir wie ihr, wir würden euch allen den Garaus machen." Dann wurde es still. Totenstill.

Zum Weiterlesen:

In seinem autobiographischen Buch "Schwein sollte kein Schimpfwort sein" berichtet der Autor ausführlich über die Schweinehaltung in der DDR. Verlag Book on Demand, ISBN 978-3-8391-5183-9