"Operation Gomorrha": Günter Lucks über den Hamburger Feuersturm - DER SPIEGEL
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Hamburger Feuersturm: "Genau so muss die Hölle aussehen"

Foto: Willi Beutler/ Landesbildarchiv/ dpa

75 Jahre "Operation Gomorrha" Wie ich im Bombeninferno meinen Bruder verlor

Der Hamburger Feuersturm riss 35.000 Menschen in den Tod: 1943 flogen Briten und Amerikaner die bis dahin schwersten Angriffe in der Geschichte des Luftkriegs. Zeitzeuge Günter Lucks, 89, kämpft bis heute mit dem Trauma.
Von Harald Stutte
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
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Foto: Florian Quandt

Günter Lucks, Jahrgang 1928, erlebte die "Operation Gomorrha" als Teenager. Der Sohn überzeugter Kommunisten kämpfte während des Zweiten Weltkriegs als Kindersoldat in Deutschlands letztem Aufgebot. Lucks geriet in russische Kriegsgefangenschaft, erst 1950 kehrte er nach Deutschland zurück.

Uns Großstadtkindern bescherte der Krieg zunächst so etwas wie Unterhaltung. In den Nächten, in denen es Fliegeralarm gab, beobachtete ich mit meinem zwei Jahre älteren Bruder Herrmann am Fenster fasziniert das Spiel der Suchscheinwerfer.

Erfassten die einen Bomber, freuten wir uns wie heute die Kinder beim Computerspiel - denn dann gab es kein Entrinnen mehr vor der deutschen Flak. Tags darauf suchten wir die Straßen nach Granatsplittern der Flakgeschosse ab, tauschten diese. Wies ein Splitter noch ein Stück des Führungsringes auf, war er so wertvoll wie fünf andere.

Weil das Angebot im Kriegsverlauf größer wurde, sank der Tauschwert - ein untrügliches Zeichen für die Forcierung des Bombenkriegs. Dann kam der Juli 1943 mit der "Operation Gomorrha": Es waren die schwersten Luftangriffe, die bis dahin jemals gegen eine Stadt geflogen worden waren.

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Hamburger Feuersturm: "Genau so muss die Hölle aussehen"

Foto: Willi Beutler/ Landesbildarchiv/ dpa

Rund 35.000 Menschen starben während des zehn Tage währenden Bombardements, etwa 900.000 wurden obdachlos. Hamburg, die stolze, alte Hansestadt, sollte untergehen. Ein Grauen in Fortsetzungen, beginnend in der Nacht zum 25. Juli.

Gleißendes Meer aus Licht

Unsere Eltern lebten damals im tschechischen Mähren, wo mein Stiefvater als Flugzeugtechniker arbeitete. Weil ich, 14, bei der Post in die Lehre ging, durfte ich mit meinem ebenfalls berufstätigen Bruder in der elterlichen Wohnung am Nagelsweg bleiben. Meine Tante Olga und die Großeltern versorgten uns.

Der 24. Juli ist mir als warmer Sommertag in Erinnerung. "Heute passiert bestimmt nichts, Goschoi", versuchte Hermann mich zu beruhigen, Goschoi war mein Spitzname seit Kindheitstagen. Hermann war für mich längst Vaterersatz, er war reif für sein Alter - anders als ich.

Doch nachts wurde es ernst. Nach dem Voralarm eilten wir in den Keller. In jedem Erdgeschoss stand mit Kreide geschrieben "LSR", versehen mit einem Pfeil, der die Richtung zum "Luftschutzraum" wies. Unser Luftschutzraum war eine Wäscherei, wir saßen mit 20 Leuten im unterirdischen Wohnzimmer der Betreiber.

Das schwache Licht wurde gelöscht - die Menschen glaubten, es locke die Bomber an. Was natürlich Unsinn war: Die sogenannten Christbäume, von der ersten Bomberwelle abgeworfene brennende Markierungen, hatten das Stadtgebiet für die Besatzungen der viermotorigen Lancaster- oder Halifax-Bomber in 7000 Metern Höhe längst in ein gleißendes Meer aus Licht verwandelt.

Als die ersten Bomben fielen, erstarben die Gespräche. Man umklammerte sich, Frauen schluchzten, Kinder wimmerten. Wir hatten bereits das Gefühl für Zeit verloren, als das Brummen und die dumpfen, fernen Detonationen da draußen endeten. Der erste Angriff hatte dem Zentrum und dem Hamburger Westen gegolten. Uns im dichtbesiedelten Arbeiterbezirk des Ostens gönnte man eine Pause: Wir durften noch einmal zwei halbwegs normale Sommertage erleben.

Es regnet Stanniolstreifen

Hamburg war angezählt wie ein taumelnder Boxer, stand aber noch. Die folgenden zwei Tage gab es kleinere Angriffe auf Industrie- und Hafenanlagen. Wir hatten uns an die nervigen Attacken schon fast gewöhnt, da kam der Dienstag, der 27. Juli. Ein drückend heißer Tag, der mein Leben verändern sollte.

Am Nachmittag machte ich mich von der Post auf den Heimweg. Und wunderte mich, dass es über der Stadt Stanniolstreifen regnete. Niemand ahnte, dass es sich um ein neues Mittel der Alliierten gegen den deutschen Radar handelte. Wir fanden das lustig: Hamburg sah aus wie nach einer dieser amerikanischen Siegerparaden. Doch die Erwachsenen waren beunruhigt. "Wollen die uns damit vergiften?", raunte man. Einige prophezeiten: "Da kommt noch ein dickes Ding".

Auch ich hatte kein gutes Gefühl, nachdem ich am Erdkampsweg ein Flugblatt in Postkartengröße gefunden hatte, abgeworfen von der Royal Air Force. Auf Deutsch wurden wir vor weiteren Angriffen gewarnt und aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Ich warf es weg - auf den Besitz von Feindpropaganda stand die Todesstrafe.

Am Abend ließen wir das Radio dudeln. Wir waren gerade eingenickt, da wurde die Musik unterbrochen und eine sonore Stimme verkündete: "Reichssender Hamburg! Großer feindlicher Kampfverband im Anflug auf Nordwestdeutschland. Es folgt in Kürze eine Vorwarnung."

Höllisches Flammenmeer

20 Minuten später ertönten in Intervallen die langgezogenen Sirenentöne. Voralarm! Wir schnappten die Nottasche mit den wichtigen Papieren, rannten in den Keller. Das Sirenengeheul dieser Nacht sollte für Tausende Hamburger zum Requiem werden.

Angstvoll, die Volksgasmasken umgehängt, standen wir im Keller und schauten an die Decke, hinter der Einschläge in unmittelbarer Nähe wummerten. Schnell war klar: Diese Welle galt uns im Hamburger Osten! Nach einer gefühlten Ewigkeit schlug es tatsächlich bei uns ein. Es war nicht mal besonders laut. Etwa so, als würde zwei Stockwerke über uns ein schwerer Schrank mit einem dumpfen "Rumms" umfallen.

Fünf Männer, mein Bruder und ich stülpten Gasmasken über, liefen über die Treppen zum Dachboden. Wir wollten löschen, wie man es uns beigebracht hatte. Ein hoffnungsloses Unterfangen: Es war Sommer, hatte lange nicht geregnet, der Dachboden war aus massiven Holzbalken gezimmert. Und in den Verschlägen lagen Kohlen, gedacht als Wintervorrat. Das Feuer hatte leichtes Spiel.

Eine Sprengbombe hatte Teile des Dachs abgedeckt, kleine Phosphorbomben hatten ein höllisches Flammenmeer entfacht, alles brannte. Wir griffen zu Feuerklatschen, Wassereimern und Kisten mit Sand. Doch das war so, als wollte man mit einer Gießkanne einen Waldbrand löschen.

Während wir gegen das Flammenmeer "anpatschten", traf mich ein Schlag gegen den Hals. Eine brennende Holzwand brach krachend zusammen. Ich spürte, wie das vom brennenden Holz flüssig gewordene Gummi meiner Schutzmaske auf der Haut klebte. In Panik riss ich mir die Maske vom Gesicht und wurde durch toxische Gase ohnmächtig.

Erwachsene, auf Kindergröße geschrumpft

Was dann geschah, kann ich nur ahnen: Hermann muss mich nach unten getragen und in den noch intakten Hausflur im Parterre auf die Steintreppe gelegt haben. Wir befanden uns zwischen einer großen Flügeltür, hinter der das hölzerne Treppenhaus begann, und der zur Straße führenden Haustür.

Als ich wieder zu mir kam, sah ich, wie brennende Teile des Treppengeländers im Treppenhaus herabstürzten. Und da kam Hermann auf die verhängnisvolle Idee, Tante Olga holen zu wollen, deren Gemüseladen sich nur ein paar Häuser weiter befand: "Bleib ruhig liegen, Goschoi, ich hole Hilfe."

Mir war der Gedanke, jetzt allein gelassen zu werden, nicht geheuer. Da draußen war inzwischen ein wahrer Feuersturm ausgebrochen. "Ich komme ja gleich wieder", sagte er noch. Rannte los - und kam nie zurück.

Die Leute, die mit uns im Keller ausgeharrt hatten, waren längst weg. Ich lag noch immer im Hausflur, wartete auf Hermann, eine gefühlte Ewigkeit lang. Durch die offene Tür sah ich schreckliche Dinge: Menschen liefen, krümmten sich im heißen Atem des Feuersturms, sanken zu Boden, starben. Erwachsene, auf Kindergröße geschrumpft.

Taumelnd wie ein Zombie

Unter Trümmern erschlagen werden oder draußen gegen Backofen-Winde anrennen? Ich entschloss mich für letzteres, ohne Hermann. Ich eilte auf die Straße, links und rechts stürzten Häuserfassaden ein. Unterwegs begegnete ich einem alten Mütterlein, aneinander geklammert schleppten wir uns durch die brennenden Häuserzeilen, durch die der heiße Atem fauchte.

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»Tod über Hamburg«: Fotos und Notizen aus dem »Feuersturm« – 25. Juli bis 1. August 1943

Verlag: Junius Verlag
Seitenzahl: 144
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Von Zeit zu Zeit pressten wir die Gesichter auf das Kopfsteinpflaster - nur in den Ritzen zwischen den Steinen gab es noch kühle Luft, die sich einatmen ließ. Irgendwann erreichten wir eine Schule in der Norderstraße, meine Mutter hatte sie einst besucht. Viele Menschen suchten dort Schutz, einige hatten gar keine Kleider mehr an, andere trugen versengte Fetzen.

Ich blieb, bis auch der dritte Großangriff am 29. Juli vorüber war. Am Tag darauf geisterte ich wie benommen in versengter HJ-Uniform durch die Stadt. Taumelnd wie ein Zombie, drehte ich Leichen um, nahm das, was ich an Elend sah, nicht wirklich wahr.

Ein Soldat zog mich von einem Toten weg, schrie: "Das ist Leichenfledderei, dafür müsste ich dich erschießen." Ich schrie zurück: "Dann tu es doch!" Als er mich aufforderte, beim Bergen zu helfen, rannte ich weg.

Hamburg hatte plötzlich ein Gebirge

Wie ein Besessener suchte ich Hermann. Doch es gab keine Spur, keine Hinweise, nicht einmal eine Leiche. Hermann blieb verschollen, für immer. Hammerbrook und Rothenburgsort, die Stadtteile meiner Kindheit, waren ausgelöscht.

Ich hätte meine Großeltern oder Tante Olga suchen können. Doch Hamburg hatte plötzlich ein Gebirge, unüberwindlich und gefährlich. Der gesamte Osten der Stadt war nicht mehr zugänglich, Schluchten und Felsbarrieren aus Trümmern versperrten den Weg. An einer Sammelstelle für Ausgebombte im Univiertel erhielt ich eine Fahrkarte.

Ich fuhr mit der Bahn nach Mähren zu meinen Eltern. Der Verlust meines geliebten Bruders in der Bombennacht von "Gomorrha" wurde für mich zum Trauma, das mich bis heute nicht loslässt.

Zum Weiterlesen: Günter Lucks/ Harald Stutte: Ich war Hitlers letztes Aufgebot (2010), Hitlers vergessene Kinderarmee (2014), Der Rote Hitlerjunge (2015).