Operation Shamrock: Neue Heimat Irland
Operation Shamrock Rettung auf der grünen Insel
Dem Mädchen zitterten die Knie. Hungrig und krank hatte die Achtjährige in ihrem blumenbestickten Wollpullover die Fahrt auf dem Schiff durch die Irische See überstanden. An einem kalten Tag im November 1946 betrat Elisabeth Kohlberg aus Aachen irischen Boden. In der Hafenstadt Dún Laoghaire, südlich von Dublin, warteten Helfer vom Irischen Roten Kreuz bereits mit Essenspaketen und warmen Decken auf das Mädchen, ihren Zwillingsbruder August und die anderen Kinder.
Lange verschnaufen konnten die Kleinen allerdings nicht. Noch am gleichen Abend reiste Elisabeth eingehüllt in eine Decke weiter ins Landesinnere. Schließlich erreichten die Kinder das provisorische Krankenhaus in der ehemaligen Kaserne Glencree. Dort sollten sie eine dreiwöchige medizinische Quarantäne überstehen - und aufgepäppelt werden. "Die Schwestern in Glencree begrüßten uns mit heißer Schokolade. So etwas hatte ich noch nie", erinnert sich Elisabeth an diese Zeit.
Ihren dortigen Aufenthalt verdankte sie der Kinderärztin Dr. Kathleen Murphy. Am 16. Oktober 1945 hatte sie die Organisation "Save the German Children Society" mit dem Ziel gegründet, hungernde deutsche Kinder in irischen Familien versorgen zu lassen. Zusammen mit dem Irischen Roten Kreuz überzeugte sie im März 1946 den Alliierten Kontrollrat, der im besiegten Deutschland die Befehlsgewalt ausübte, 100 Waisen oder andere hilfsbedürftige Minderjährige nach Irland bringen zu lassen.
Am Ende sollten es sogar über tausend Kinder aus Deutschland, Österreich und Frankreich sein, die aus ihren vom Zweiten Weltkrieg verwüsteten Ländern in Irland Zuflucht fanden. "Operation Shamrock", zu Deutsch: Kleeblatt, hatten die Verantwortlichen das Unternehmen getauft. Die Kinder zwischen 5 und 15 Jahren sollten in irischer Obhut aufgepäppelt werden - und höchstens einige Jahre bleiben. Elisabeth blieb dagegen ein ganzes Leben.
"Viel zu verlieren hatten wir nicht "
Drei Wochen nach ihrer Ankunft in Glencree besuchte ein junges Ehepaar das Krankenhaus. Die McNicholls wollten eines der deutschen Kinder bei sich aufnehmen. Das Rote Kreuz teilte ihnen Elisabeth zu. Die ersten Eindrücke ihres neuen Zuhauses verzauberten die kleine Deutsche: "Wir fuhren zur Weihnachtszeit in einem Doppeldecker durch Dublin. Überall waren bunte Lichter in den Straßen. Es war so anders als in Deutschland."
Sie musste sich allerdings von ihrem Zwillingsbruder trennen: "Wir kamen beide in eine Familie nach Dublin. Er in den Norden der Stadt, ich in den Süden. Seine Familie wollte nicht, dass er Kontakt zu seinem alten Leben hat. Dazu gehörte auch ich. Sie trennten ihn von seinen Wurzeln."
Diese Wurzeln liegen in Aachen. Dort war Elisabeths siebenköpfige Familie mit ihren drei Töchtern und zwei Söhnen zu Hause. "Uns fehlte es an nichts", sagt sie über diese Zeit. Doch der Zweite Weltkrieg sollte die Familie zerstören. Die von Krankheit geschwächte Mutter hatte 1943 die Bombardierung der Stadt nicht überlebt, im selben Jahr fiel der Vater an der Ostfront. Elisabeth, August und ihr großer Bruder Gottfried mussten ins Waisenhaus gehen. Die beiden älteren Schwestern waren auf sich allein gestellt.
Operation Shamrock: Neue Heimat Irland
Zum Glück stand das Aachener Waisenhaus auf der Liste der "Operation Shamrock". Aber nur zwei Plätze waren zu vergeben. Die Wahl fiel auf die Geschwister Elisabeth und August. "Eine Schwester rief uns in den Saal. Plötzlich hieß es, August und ich gehen auf eine Reise. Mir war es recht, viel zu verlieren hatten wir nicht."
Gescheiterte Rückkehr
Dafür hatte sie viel zu gewinnen: Nur ein Jahr nach ihrer Ankunft in Irland wurde Elisabeth von ihrer Gastfamilie adoptiert. Obwohl sie kein Englisch konnte und die McNicholls kein Deutsch sprachen, gewöhnte sich Elisabeth schnell an das neue Leben. Das deutsche Mädchen hatte jetzt wieder eine Mutter und einen Vater. Etwas Wehmut empfindet Elisabeth aber doch: "Das Traurige ist, dass ich auch eine Familie verloren habe. Erst meine Eltern, dann meine Geschwister. Ich sehnte mich nach ihnen."
Mit 18 Jahren zog es sie wieder nach Aachen zurück. Doch der Versuch scheiterte. Von ihren Geschwistern hatte sie sich entfremdet, und so fühlte sie sich auch in Deutschland fremd. Jetzt verstand sie, dass sie ihr eigentliches Zuhause längst in Irland gefunden hatte.
Ihrem Bruder August erging es ähnlich. Auch seine Adoptiveltern behandelten ihn gut. Als er älter wurde, durfte er wieder Kontakt mit Elisabeth aufnehmen. Doch die beiden waren keine unzertrennlichen Zwillinge mehr. Ihn zog es nach der Schule in die Ferne, bei seiner Schwester meldete er sich nur sporadisch. Viele Jahre später schrieb er ihr, dass er zurück zu Elisabeth nach Irland heimkehren wolle. Doch vor seiner Rückkehr starb er bei einem Unfall.
Elisabeth lebt dagegen bis heute in Irland. Aus der deutschen Schreibweise ihres Vornamens wurde das englische "Elizabeth". Sie sagt: "Das 'S' ging einfach irgendwann verloren. Ich habe selbst bis vor ein paar Jahren nicht gewusst, dass ich mit einem 'S' geschrieben werde." Auch ihr Nachname ist irisch geworden: O'Gorman.
"Jetzt habe ich das alles"
Zusammen mit ihrem Mann Jack lebt sie im Süden Dublins. Statt einer Nummer trägt ihr Haus einen Namen: "Aachen". Auch wenn Elizabeth kein Deutsch mehr spricht, sieht sie sich immer noch als Deutsche. Ihre irische Identität kam irgendwann einfach dazu. "Ich muss mich nicht für eine Identität entscheiden. Da komme ich her, nun lebe ich hier. Ich bin deutsch, aber auch irisch."
Ihre erste deutsche Familie zählte damals sieben Köpfe. "Der Krieg hat unsere Familie getrennt. Und als der Krieg vorbei war, haben uns die Folgen des Kriegs getrennt", sagt Elizabeth O'Gorman und blickt zu Boden. Heute hat sie eine eigene siebenköpfige Familie. "Das sind alles meine", sagt sie und zeigt auf das Familienporträt hinter sich. Auch ihre sieben Enkel sind zu sehen. Stolz erzählt Elizabeth: "Ich kam nach Irland und hatte nichts, jetzt habe ich das alles."