Gadgets für Spione: Schuss statt Kuss
Spionage-Utensilien Erschossen mit der Taschenlampe
Zweimal ist dem Mörder schon der Schlüssel in der Münchner Kreittmayrstraße 7 abgebrochen. Dann erst schafft er es in den Hausflur seines Opfers. Dort, im Treppenhaus, wartet der stämmige, glatzköpfige Eindringling, der sich wahlweise Joseph Lehmann oder Siegfried Dräger nennt, geduldig ab. Angstfrei von den enthemmenden Medikamenten, die er geschluckt hat. Und ausgerüstet mit einer Spezialwaffe für den perfekten Mord.
Dann hat das Warten ein Ende: Beladen mit Einkaufstüten und Paketen kehrt der ukrainische Exilpolitiker Stepan Bandera aus der Stadt zurück. Sein Mörder gibt sich freundlich. Ob er vielleicht helfen könne? Bandera dreht sich um, in diesem Moment hebt Lehmann seine Zeitung, unter der eine dreiteilige Rohrkonstruktion aus Leichtmetall verborgen ist. Damit schießt er seinem Opfer atemlähmende Blausäure ins Gesicht. Gleichzeitig zerbricht er eine Phiole mit Gegengift, tränkt sein Taschentuch damit und hält es sich vor die Nase. Bandera dagegen erstickt und das Gift verflüchtigt sich binnen Minuten. Alles sieht aus wie ein Herzinfarkt - und Moskau ist einen verhassten Regimegegner los.
Gadgets für Spione: Schuss statt Kuss
Selbst als KGB-Agent Bogdan Staschinski, wie Joseph Lehmann alias Siegfried Dräger in Wirklichkeit heißt, von Gewissensbissen geplagt wird, 1961 in die Bundesrepublik überläuft und alles beichtet, glaubt ihm zunächst niemand. Zu sehr erinnern die Tatumstände an Hollywood. Der Mörder muss erst mit Details beweisen, dass er der Mörder ist. Ein Doppelmörder sogar, denn neben Bandera liquidierte Staschinski noch einen weiteren emigrierten Nationalisten aus der Ukraine mit seiner Spezial-Giftpistole.
Schießende Lippenstifte, funkender Dung
50 Jahre liegt Staschinskis spektakuläres Geständnis zurück, das der verblüfften Weltöffentlichkeit erstmals einen detaillierten Einblick in die Praktiken der Geheimdienste lieferte. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entwickelten die Techniker von KGB und CIA abenteuerliche Agenten-Utensilien - und die Tüftler waren weit kreativer, als einfach nur doppelte Böden in Schuhen oder Münzen zu bauen. Viele der alten Agentenhilfsmittel aus den fünfziger und sechziger Jahren wirken heute sogar so, als ob sie extra für unrealistische Agentenfilme hergestellt wurden.
Da gab es etwa einen Lippenstift, aus dem ein 4,5 Millimeter Geschoss abgefeuert werden konnte. Und eine harmlos wirkende Reisetasche, deren Griff der Abzug einer eingebauten Maschinenpistole war. Einen als getrockneten Dung getarnten Funksender. Manschettenknöpfe mit Kompass-Funktion. Und, falls die Geheimmission mal nicht so gut laufen sollte: ein Brillengestell, an dessen Ende ein tödliches Zyanidkügelchen versteckt war. Die CIA dachte sogar an den gelungenen Selbstmord seiner geschnappten Schnüffler.
Luftschlösser von morbider Kreativität
Doch nicht selten überdrehten die Tüftler und Spezialisten mit ihren bizarren Plänen und entwickelten fast schon slapstickhafte Ideen: So plante die CIA etwa allen Ernstes, den begeisterten Sporttaucher Fidel Castro mit Hilfe einer riesigen, mit Sprengstoff gefüllten Muschel umzubringen. Ein Mini-U-Boot sollte sie nach Kuba bringen und in einem von Castros Tauchrevieren platzieren; ungewöhnlich leuchtende Farben sollten die Aufmerksamkeit des Máximo Líder dann auf die "richtige" Muschel lenken. Gegen solch ein Luftschloss wirken Versuche, Castro mit explodierenden Zigarren oder durch einen mit Pilzgift imprägnierten Taucheranzugs zu beseitigen, fast schon realistisch.
Heute sind viele der ausgefallenen Werkzeuge für Spione in Museen wie dem International Spy Museum in Washington oder dem Deutschen Spionagemuseum in Berlin ausgestellt. Ausgeleuchtet, in profanen Glasvitrinen, haben sie zwar viel von ihrem einstigen Schrecken verloren - aber wenig von ihrem bizarr-morbiden Charme.