Türkische Gastarbeiter 1964: "Hoffnungsfroh und optimistisch" - DER SPIEGEL
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Türkische Gastarbeiter: Von Istanbul in den Ruhrpott

Foto: Hans Rudolf Uthoff / v-like-vintage

Fotoserie über türkische Gastarbeiter "Hoffnungsfroh und optimistisch"

Nie war das deutsch-türkische Verhältnis so vergiftet wie heute. Dabei begann es ganz anders – mit dem Mut junger Männer, die ihre Heimat verließen und das deutsche Wirtschaftswunder mitstemmten.
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Zur Person
Foto: Katja Iken

Hans Rudolf Uthoff, 1927 in Hannover geboren, ist gelernter Glasmaler. Seine Fotoleidenschaft entdeckte er 1955 beim Besuch des Schahs von Persien in Bonn. Als Pressefotograf in der deutschen Stahlindustrie und im Bergbau lichtete er zehn Jahre lang den Alltag im Ruhrgebiet ab. Seit 1967 lebt Uthoff in Hamburg, seine Fotoreportagen führten ihn in mehr als 120 Länder.

Die Frau mit dem kurzen, weißen Kleid sitzt am Dortmunder Bahnhof. So vertieft ist sie in ihre "Pardon", dass sie überhaupt nicht bemerkt, wer da an ihr vorbeiläuft: 100 Männer, jeder mit einem Koffer oder einer Reisetasche in der Hand, manche riskieren einen scheuen Blick auf die Frau, andere blicken erwartungsvoll in Richtung Kamera.

Viele von ihnen tragen Anzug und Hemd, sie haben sich schick gemacht - für eine Reise, die ihr Leben verändern wird: Es handelt sich um türkische Arbeitsmigranten, damals "Gastarbeiter" genannt, die der Bochumer Verein für Gussstahlproduktion AG im Juni 1964 ins Ruhrgebiet holte. Eine Delegation des Montankonzerns hatte die Männer in Istanbul ausgewählt und auf ihrer Zugfahrt nach Deutschland begleitet.

Mit dabei: Hans Rudolf Uthoff, der Pressefotograf des Bochumer Vereins. Mit seiner Leica MP 85 dokumentierte er den tränenreichen Abschied der Männer von ihren Familien, die strapaziöse Zugfahrt, die Ankunft in der Fremde.

Sehnsuchtsort Almanya

"Ich kannte damals nur zwei türkische Wörter, iyi günler, das heißt Guten Tag", erzählt der 89-Jährige mit dem halblangen, schlohweißen Haar. Doch selbst die konnte er sich nicht merken und begrüßte die Menschen mit "iyi güler". Was so viel heißt wie "gut lächelnd" - und die Grundstimmung jener Tage treffend beschreibt. "Die meisten Männer waren euphorisch, ausgewählt worden zu sein", sagt Uthoff. "Almanya, das war ein Sehnsuchtsort für sie."

Und für die Deutschen war es ein Glücksfall, dass die türkischen Gastarbeiter das Wagnis auf sich nahmen. Eine Win-win-Situation. Im Dezember 1955 hatte die deutsche Bundesregierung das erste Anwerbeabkommen mit Italien abgeschlossen, Spanien und Griechenland folgten. Am 30. Oktober 1961 kam es auf Initiative aus Ankara zu einer weiteren Vereinbarung zwischen Deutschland und der Türkei, danach noch mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien.

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Türkische Gastarbeiter: Von Istanbul in den Ruhrpott

Foto: Hans Rudolf Uthoff / v-like-vintage

Denn die deutsche Wirtschaft brummte, es fehlten Arbeitskräfte - in der Türkei indes waren viele Menschen arbeitslos. Bis zum Anwerbestopp 1973 bewarben sich 2,6 Millionen Türkinnen und Türken um Arbeitsplätze in Deutschland. Nur jeder Vierte bestand das rigorose, teils demütigende Auswahlverfahren in der "Deutschen Verbindungsstelle" im Istanbuler Stadtteil Tophane.

"Nur die Fittesten" habe sein Arbeitgeber, der "Bochumer Verein", mitgenommen, erinnert sich Uthoff. Für Arbeiten, die den deutschen Fachkräften zu unattraktiv, zu gefährlich, zu dreckig waren. "Putzer zum Beispiel", sagt Uthoff. Männer, die Stahlgussstücke reinigten. Andere malochten im Bergbau.

Den hervorragenden Ruf der türkischen Arbeitsmigranten hob 1964 das Auswärtige Amt hervor: "Deutsche Betriebe weisen auf die ausgezeichnete Disziplin und Einordnungsfähigkeit der türkischen Arbeiter, ihre physische Leistungsfähigkeit und ihre Leistungsbereitschaft bei großer Anspruchslosigkeit hin."

Drei Nächte und zwei Tage unterwegs

An einem sommerlichen Junitag stiegen die 100 vom "Bochumer Verein" ausgewählten Männer am Bahnhof Istanbul-Sirkeci in den Zug gen Deutschland und wurden von ihren Familien verabschiedet. Auch sie hat der gelernter Glasmaler mit der Kamera porträtiert: in ihrem Schmerz, ihrer Unsicherheit, ihren Ängsten. Herzzerreißend sei die Situation auf dem Bahnhof gewesen. "Viele wussten nicht: Wann werden wir uns wiedersehen, werden wir uns überhaupt jemals wiedersehen?"

Rund 50 Stunden - drei Nächte und zwei Tage - dauerte in den Sechzigerjahren die Fahrt von Istanbul über Sofia, Belgrad und Salzburg bis München, wo die Männer Richtung Ruhrgebiet umsteigen mussten. Der sogenannte Schnellzug mit seinen unkomfortablen Holzbänken habe an jeder Wasserpumpe gehalten, erzählt der Fotograf. Auf der oft eingleisigen Strecke musste der Zug an Ausweichstellen warten, wenn ein Gegenzug kam.

Die Stimmung im Zug beschreibt Uthoff als "gedämpft, voller verborgener Ängste und gleichzeitig voller Erwartungen". Er erinnert sich an zwei junge Männer, die blaue Glassteine aus ihren Hosentasche holten: Das augenförmige Amulett, "boncuk" genannt, sollte vor dem bösen Blick schützen - fotografieren durfte er nicht.

Im Ruhrgebiet wurden die Männer in Lehrlingsheimen des Konzerns untergebracht, oftmals in Mehrbettzimmern. "Sie lebten unter den einfachsten Bedingungen, gönnten sich nichts, schickten jeden Pfennig in die Heimat", so Uthoff.

"Das haben sie einfach nicht verdient"

Was aus ihnen geworden sein mag? Uthoff lieferte seine Fotoreportage für die Werkszeitschrift ab, konzentrierte sich auf andere Dinge, verlor die Männer aus den Augen. Dafür begegnete er in den zwölf Jahren, in denen er im Ruhrgebiet unter Stahlarbeitern und Bergleuten lebte, zahlreichen anderen der insgesamt 640.000 angeworbenen Türkinnen und Türken. Ebenso wie die Gastarbeiter anderer Nationalitäten, etwa aus Italien, Spanien, Griechenland und Portugal, trugen sie maßgeblich zum Aufblühen der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bei.

"Wir haben ihnen so viel zu verdanken", sagt der Fotograf. Mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen möchte er daran erinnern. An den Mut, den Fleiß, das Engagement der jungen Männer von einst. Und an ein Projekt, das vor fünf Jahrzehnten so "hoffnungsfroh und optimistisch" gestartet sei.

Heute stecke es in einer Abwärtsspirale aus Beschimpfungen, Vorurteilen, Frust. "Plötzlich ist hierzulande jeder Türke ein Erdogan", sagt Uthoff empört. "Das haben sie einfach nicht verdient." Vielleicht, so seine Hoffnung, hilft in der aktuell so verfahrenen Situation ja der Blick zurück in die Vergangenheit - zu einem neuen, konstruktiveren Verständnis füreinander.