So schnell ihn seine Füße trugen, rannte Alexander A. Drabik am 7. März 1945 über die Ludendorff-Brücke bei Remagen. Während Drabik und seine Begleiter über die Brücke hechteten, waren sie dem Beschuss deutscher Verteidiger ausgesetzt. Als sie es auf die andere Seite der Brücke geschafft hatten, war der Sergeant der erste alliierte Soldat, der einen für die Alliierten so wichtigen Rheinübergang überquert hatte.
»Wir rannten die Mitte der Brücke entlang und schrien dabei. Ich blieb nicht stehen, weil ich wusste, dass sie mich nicht treffen konnten, wenn ich in Bewegung blieb. Meine Männer waren in einer Kolonne, und keiner von ihnen wurde getroffen. Wir gingen in einigen Bombenkratern in Deckung. Dann saßen wir da und warteten, bis andere kamen. So war das«, erklärte Drabik wenige Tage später amerikanischen Reportern. Der Bericht über die mutige Tat des »Metzgerjungen aus Holland, Ohio« wurde überall in amerikanischen Zeitungen gedruckt.
Im Frühjahr 1945 tobten in Europa die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Westen rückten die Streitkräfte der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und anderer Verbündeter vor, von Osten die sowjetische Rote Armee. In dieser Serie blenden wir zurück in die Zeit vor 80 Jahren, vermitteln mit Texten, Fotos, Videos und Zeitzeugenberichten einen Eindruck davon, was damals geschah und wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erlebten.
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Denn mit der Einnahme der Brücke in Remagen konnten die Amerikaner endlich tiefer ins »Dritte Reich« und ins Ruhrgebiet vordringen. An der Einfahrt zur Brücke befestigten Soldaten der 9. Panzerdivision, zu der Drabik gehörte, bald darauf ein Schild: »Cross the Rhine with dry feet. Courtesy of the 9th armored division.« (»Überquert den Rhein trockenen Fußes. Mit freundlicher Genehmigung der 9. Panzerdivision.«)
Militärpolizist am Uferpfeiler, zwei Tage nach der Einnahme der Brücke: Die 9. Panzerdivision ließ die Nachhut wissen, wer die Brücke gesichert hatte.
Foto: ullstein bildIn den folgenden Tagen rumpelten Panzer, Jeeps und Material über die zweigleisige Eisenbahnbrücke, Tausende Soldaten marschierten über ihren schmalen Fußgängersteg zur anderen Seite des Rheins.
Genau das hatte nach dem Willen Adolf Hitlers nicht passieren sollen. Er hatte die Wehrmacht angewiesen, auf ihrem Rückzug alle Brücken über den Rhein zu sprengen, um den aus Westen vorstoßenden Alliierten den Vormarsch ins Ruhrgebiet zu versagen.
Doch die Zerstörung der Ludendorff-Brücke scheiterte unter anderem daran, dass die Deutschen nur minderwertigen Sprengstoff verwenden konnten, und davon auch nur eine geringere Menge. Als sie die Ladung gegen Mittag des 7. März zündeten, hob die Explosion die Brücke zwar kurzzeitig aus ihren Lagern und beschädigte einen Teil des Fußgängerstegs und der Gleise, stürzte aber nicht ein. Noch am selben Tag gelang den Amerikanern die Eroberung der Brücke.
Für die Nachrichtensendungen in der Heimat stellten die Amerikaner die Eroberung der Brücke einige Tage nach der Einnahme noch einmal nach.
Mit schwerem Geschütz gesichert: Einmal erobert, postierten sich US-Soldaten mit Flugabwehreinheiten nahe der Brücke, um sie gegen deutsche Angriffe zu verteidigen (Aufnahme vom 20. März).
Foto: Granger / IMAGOPanisch versuchte die Wehrmacht, den Rheinübergang in den folgenden Stunden und Tagen zu zerstören und die Amerikaner am Vormarsch zu hindern. Sie feuerte Granaten auf die Brücke, entsandte Kampfschwimmer, flog Angriffe aus der Luft und schoss schließlich sogar V2-Raketen auf die Brücke ab. Vollständig zerstören oder zurückerobern konnte die Wehrmacht sie nicht.
Adolf Hitler war außer sich. Noch am 9. März setzte er ein Standgericht ein, das fünf Offiziere wegen der gescheiterten Sprengung und erfolglosen Verteidigung der Brücke zum Tode verurteilte. Vier der fünf Todesurteile wurden sofort vollstreckt.
US-Soldaten vor kollabierter Brücke: Vom Dauerbeschuss geschwächt, brach die Ludendorff-Brücke am 17. März 1945 zusammen und riss 32 US-Soldaten in den Tod (Aufnahme vom 23. März 1945).
Foto: Bettmann Archive / Getty ImagesNur zehn Tage nach der Eroberung, am Nachmittag des 17. März 1945, kollabierte die Ludendorff-Brücke und stürzte in den Rhein. Den Vormarsch der Alliierten konnte das nicht mehr aufhalten. Die Amerikaner hatten den Übergang schon wenige Tage nach der Eroberung für schweren Militärtransport gesperrt und stattdessen Pontonbrücken über den Rhein errichtet. Die Zange um Adolf Hitlers Reich schloss sich immer enger.
Was in dieser Woche vor 80 Jahren passierte
Wegen der andauernden Bombenangriffe und deren Zerstörungen gibt es in Berlin mehrmals täglich eine zweistündige Stromsperre.
Die westlichen Alliierten feiern bei ihrer Offensive Erfolge: Neuss wird ohne deutschen Widerstand von den US-Amerikanern besetzt.
Von der untergetauchten Jüdin über den US-Soldaten bis zum NS-Propagandaminister: Begleiten Sie mit uns sieben Menschen bis zum Kriegsende – in jeder Folge kommen vier von ihnen zu Wort.
Während die Alliierten immer weiter vorrückten und der britische Premier Winston Churchill mit seinen Generälen auf den eroberten Westwall pinkelte, harrte der niederländische KZ-Häftling Nico Rost in Dachau aus.
»Immer mehr Tote«, notierte er am 2. März, »Heute, bis jetzt schon hundertzweiunddreißig.« Rost leistete einen inneren Schwur: Er gelobte, alles daranzusetzen, um zu überleben und die Toten durch sein Schreiben zu würdigen. »Diese Gestorbenen müssen leben, damit die Lebenden, die nach ihnen kommen, nicht sterben müssen. Ich will am Leben bleiben, um sie wieder leben zu lassen.«
Rost, der im Krankenrevier des KZs als Pförtner und Läufer tätig war, rang der alltäglichen Begegnung mit dem Tod auch etwas Positives ab: »Stelle heute fest«, schrieb er am Abend des 5. März, dass ich in gewisser Hinsicht hier in Dachau eigentlich viel freier bin … als ich jemals war. Frei von jeder Angst vor dem Tode!«
Bereits 1933 von den Nationalsozialisten ins KZ Oranienburg verschleppt, war der niederländische Kommunist und Schriftsteller Nicolaas Rost nach seiner erneuten Verhaftung erst im KZ Herzogenbusch und dann in Dachau interniert. Rost war im Lager als Pförtner und Läufer tätig, unter enormen Risiken führte er heimlich Tagebuch.
Quelle: Nico Rost: Goethe in Dachau: Ein Tagebuch. Ullstein 2000.
In Dachau begleitete KZ-Häftling Rost die Sterbenden – weiter westlich, im Elsass, freute sich US-Soldat Melvin Lasky über Post aus den USA. »Mooney bekam ein Paket aus den Staaten«, schrieb er am 4. März. »Viele Süßigkeiten und Bonbons, die wir alle genüsslich und schleunigst vertilgten.«
Außerdem berichtete der 25-Jährige von Deutschen, die sich bereitwillig ergaben – und ihren »Führer« auf Englisch zum Teufel wünschten: »In Hausen forderten die Amerikaner energisch zum Desertieren auf. ›Hindy ho! Hindy ho!‹, die Infanteristen-Version von ›Hände hoch!‹ Erstaunlich genug, es wurde verstanden, und etliche Feinde folgten dem Befehl«, so Lasky in seinem Tagebuch.
»Um ihre Friedfertigkeit noch deutlicher zu machen – die Hände hatten sie schon über dem Kopf –, brüllten die Deutschen, manche in perfektem Englisch: ›Fuck Hitler!‹ Das überzeugte die GIs.«
Melvin J. Lasky (1920–2004) wurde 1943 in die U.S. Army einberufen. Als »Combat Historian« begleitete der Sohn polnischer Juden aus New York die Truppen der 7. US-Armee bei ihrem Vormarsch auf Deutschland.
Quelle: Melvin Lasky: »Alles war still: Deutsches Tagebuch 1945«, aus dem Englischen von Christa Krüger und Henning Thies. Rowohlt 2014.
Just diese von Lasky geschilderte rasche Aufgabe vieler Deutschen bereitete NS-Propagandaminister Joseph Goebbels Kopfzerbrechen: »Ein schwieriges Problem erwächst uns jetzt daraus, dass unsere Bevölkerung in den von den Anglo-Amerikanern eroberten Westgebieten sich ihnen gegenüber verhältnismäßig günstig verhält«, diktierte er am 5. März.
Goebbels äußerte sich enttäuscht, aber verständnisvoll: »Ich hatte das eigentlich nicht erwartet«, so der Politiker. »Aber man muss immer mit in Betracht ziehen, dass diese Bevölkerung durch den Luftkrieg so schweres Leid erfahren hat, dass sie völlig zermürbt ist.«
Auch Hitlers Zustand ließ laut Goebbels zu wünschen übrig: »Ich finde ihn im Gegensatz zum letzten Mal etwas niedergedrückt, was ja auch durch die militärische Entwicklung erklärlich ist«, so Goebbels am 5. März. »Auch ist er gesundheitlich etwas behindert; sein Nervenzittern an der linken Hand hat sehr zugenommen, was ich mit Entsetzen bemerke.«
Seit 1923 führte Joseph Goebbels (1897–1945) regelmäßig Tagebuch, die Aufzeichnungen des NS-Propagandaministers wurden in mehreren Bänden posthum veröffentlicht.
Quelle: Joseph Goebbels: Tagebücher in fünf Bänden 1924–1945, Band 5: 1943–1945, Piper Verlag 2008.
Am 4. März nahm die Berliner Sekretärin Brigitte Eicke die Heidekrautbahn in Richtung Norden und fuhr raus nach Stolzenhagen, gelegen rund 35 nördlich von Berlin. Von dort aus beobachtete sie die Bombardierung der Stadt durch die Alliierten.
Aus sicherer Entfernung kamen ihr die todbringenden Angriffe vor wie ein imposantes Schauspiel: »Fliegeralarm von 3–4 Uhr. Wir sind auf den Hof gegangen und haben uns das Feuerwerk von Berlin angesehen, die Weihnachtsbäume und das Schießen sieht ja von Weitem wirklich schön aus«, notierte Eicke in ihr Tagebuch.
Zudem traf die 18-Jährige in Stolzenhagen auf Kriegsgegner. »Franzosen waren auch auf dem Hof«, schrieb Eicke. »Es waren Gefangene, aber sehr anständige Menschen.«
Brigitte Eicke (1927–2016) begann 1942 als 15-Jährige mit ihren Stenografieaufzeichnungen. Die Sekretärin lebte gemeinsam mit Mutter und Hund in Berlin. 1945 arbeitete sie im Berliner Warenhaus der Bekleidungsgesellschaft, das vormals den Namen N. Israel trug, dann aber zwangsarisiert wurde.
Quelle: Brigitte: Backfisch im Bombenkrieg. Notizen in Steno, hrsg. von Barbara Felsmann, Annett Gröschner und Grischa Meyer, Matthes & Seitz 2013.
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