Achilles' Verse Annas neue Wanderlust
Bergpanorama
Foto: Anna AchillesDer Schweiß klebt im Nacken. Die Haare pappen an der Stirn. Ich stinke. Das T-Shirt trage ich bereits den zweiten Tag. Was würde ich jetzt für eine Dusche geben. Aber hier in den Bergen ist fließend Wasser so selten wie Schatten in der Wüste. Oben am Berg gibt es Wichtigeres, als sich zu waschen.
Ich sitze auf 2071 Meter und esse slowenischen Kuchen. Den besten der Welt, eine Mischung aus Mohn, Apfelcreme, Nüssen und Frischkäse.
Jeden Bissen kaue ich genüsslich, so langsam wie möglich. Mein Rücken lehnt an der Hütte, in der ich übernachten werde. Vor mir erstrecken sich sämtliche Berggipfel des slowenischen Nationalparks Triglav. Ich wünschte, ich könnte diesen Augenblick in Frischhaltefolie einpacken, um ihn aufzubewahren. Denn er ist perfekt.
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Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Als Kind habe ich Wandern gehasst. Einen Berg hochstapfen? Wozu? Sport kann ich auch unkomplizierter haben. Aber Wandern ist das Slow Food unter den Sportarten. Man nimmt sich Zeit dafür. Insofern passt es nicht zu unserer durchoptimierten Gesellschaft.
Denn Wandern dauert.
Mehrere Stunden, manchmal mehrere Tage. Aber genau deshalb ist Wandern so gut. Denn es ist nicht nur Sport, sondern Erholung. Urlaub vom Alltag. Dafür muss man noch nicht mal um den halben Globus fliegen. Das haben viele erkannt, es wird immer beliebter. Der deutsche Alpenverein kann sich vor Mitgliedern kaum retten. Jedes Jahr werden es mehr, mittlerweile hat er über eine Million.
Früher sind nur Naturfreaks in die Berge gefahren. Bergsteigen war was für Typen wie Reinhold Messner oder die Huberbuam . Jetzt schwärmen Stadtmenschen in ihren Mittzwanzigern vom Großglockner, Trekkinghosen sehen schick aus. Und auf Partys unterhält man sich über den Alpe-Adria-Trail.
Nach Stricken und Gärtnern jetzt Bergsteigen
Wandern zählt offiziell als cool. Und auch ich bin mit dem Wandervirus infiziert. Aus folgenden Gründen:
- Im Alltag sind meine Gedanken ständig in alle Winde zerstreut. Da ist das Großraumbüro, ein klingelndes Handy, WhatsApp. Mein Kopf ist überall, nur nicht da, wo mein Körper ist. Wandern fühlt sich wie Nachhausekommen an. Geist und Körper sind an einem Ort. Sollten sie auch. Denn jeder Schritt in den Bergen erfordert Konzentration. Man muss aufpassen, wo man hintritt. Sonst übersieht man schnell einen losen Stein, stolpert, knickt um oder Schlimmeres.
- Außerdem ist Wandern eine Herausforderung. Das Ziel klar definiert: den Gipfel erklimmen. Oben anzukommen fühlt sich großartig an. Denn man hat erstens wahnsinnig viele Kalorien verbrannt, zweitens eine grandiose Aussicht und drittens dieses stolze Gefühl, etwas geschafft zu haben. Und das ist viel stärker als beispielsweise nach einer Joggingrunde im Park oder einer Fahrradtour. Denn man fühlt sich nicht nur erhabener, man ist es wirklich. Man steht hoch oben und blickt runter ins Tal.
- Aber die noch spannendere Herausforderung ist der Verzicht auf Luxus. Wir checken im Alltag ja gar nicht, wie gut es uns geht. Ein eigenes Bett haben, Duschen können, eine Toilette mit Spülung - für uns selbstverständlich. In 2000 Metern Höhe sind diese Dinge aber nicht normal.
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Und hier beginnt das Abenteuer, die vielen kleinen Herausforderungen. Zum Beispiel: Wie schaffe ich es, im Dunkeln die einzige Toilette zu finden, ein Plumpsklo, das sich außerhalb der Hütte am Fuße eines steilen Hangs befindet? Wie schaffe ich es einzuschlafen, wenn das Schnarchen des Mannes neben mir so angenehm klingt wie ein Presslufthammer? Wie macht man sich den Kaffee am nächsten Morgen schmackhaft, in dem noch Kaffeesatz schwimmt?
Die Antwort lautet: Alle Dinge sind machbar. Auch wenn sie gerade alles andere als reizvoll klingen. Das Schöne am Leben ist doch aber, dass man Dinge nur zu schätzen weiß, wenn man hin und wieder auf sie verzichtet.
Wollen Sie also wissen, was das allerbeste Gefühl beim Wandern ist? Als ich mich, wieder im Tal angekommen, nach mehreren Tagen ohne Waschen, unter eine richtige Dusche stellen konnte. Das volle Programm. Warmes Wasser, Brausekopf, Shampoo. Das war der perfekte Moment, um die nächste Wandertour zu planen.
Anna Achilles und Achim Achilles (Hg.):
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Jahrgang 1987 und Nichte von Achim Achilles. Für den Wunderläufer stellt sie aber keine Konkurrenz dar: Anna ist notorisch trainingsfaul und mindestens so untalentiert wie ihr Onkel. Ihr Motto: Bewegung soll Spaß machen und muss nicht wehtun. Anna lebt in München und macht zurzeit ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk.Facebookseite von Anna Achilles