Berlin Man 2012: Achim Achilles beim Triathlon - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Ich fühl mich so Griechenland

Panik erfasst Wunderläufer Achim Achilles kurz vor seinem wichtigsten Rennen: dem BerlinMan Triathlon. Falsche Schuhe, zu wenig trainiert, reichlich Eisen im Blut, aber keine Kraft in den Schenkeln. Ein Protokoll der wichtigsten Woche des Jahres.
Schwimmer beim Triathlon in Potsdam: Plutonium gegen die Verstopfung, wenn's denn hilft
Schwimmer beim Triathlon in Potsdam: Plutonium gegen die Verstopfung, wenn's denn hilft

Schwimmer beim Triathlon in Potsdam: Plutonium gegen die Verstopfung, wenn's denn hilft

Foto: Michael Hanschke/ picture-alliance / dpa/dpaweb
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Ich hau ab. Heimlich. Kein Abschiedsbrief. Es muss aussehen wie ein Unfall. Pass, Klamotten - alles bleibt zu Hause. Geld ist eh keins mehr da, alles in Material investiert. Nur ein einsames Handtuch am Seeufer. Dass ich ersoffen bin, glaubt jeder. Einfach in Badehose türmen. Die neue Leichtigkeit. Und als Bademeister auf Kalymnos ein neues Leben beginnen. Noch mal anfangen, ganz von vorn, ein Leben ohne Sport, vor allem ohne Wettkämpfe.

In fünf Tagen ist es soweit: der BerlinMan, ein netter kleiner Triathlon, bei dem ich vor zwei Jahren leider nicht ins Ziel kam . Es macht mir echt nichts aus. Ich kann das wegstecken, längst vergessen. Ich bin total locker. Der Trainer war schuld, ich schwöre. Und die Hitze. Die Algen im Wannsee erst. Falsche Riegel. Schuhprobleme. Und mental. Diesmal muss es klappen. Ich habe sogar trainiert, wenn auch nicht gerade akribisch. Ich bin so was von locker, verdammter Fersensporn.

Tigern durch die Wohnung, Augenränder wie Autoreifen. Ich sollte mich erholen. Aber wie? Ich habe "Tapering"  auf dem Plan, kluges Vorbereiten in den Tagen davor. Einfach mal nichts tun. Wie geht das? Es ist die schrecklichste Woche des Jahres, schlimmer als Weihnachten und Schlussverkauf. Wenn man nicht wegrennen darf, bleibt plötzlich Zeit zum Bilanzziehen. Ergebnis: Ich fühl mich so Griechenland. Nichts als Schulden: Sauerstoffschuld, Trainingsschuld, Briefe von der Bank ewig nicht mehr geöffnet. Wenn Mona Merkel rauskriegt, was das neue Rad gekostet hat, wird sie mich aus der Euro-Zone werfen. Fortan bekomme ich mein Taschengeld in Drachmen ausgezahlt. Dabei bräuchte ich gerade jetzt eine Runde therapeutisches Shoppen. Ein neuer Rennanzug muss her, der das welke Fleisch in Form hält. Ein Zeitfahrhelm. Vor allem aber Schuhe. Keines meiner zwölf Paar Schuhe sitzt optimal.

Abgelaufene Hustentropfen? Notfalls hilft Ouzo!

Mir ist schlecht, seit meiner kleinen Versuchsreihe mit den Energieriegeln. Hunger und Übelkeit wechseln sich ab. Vielleicht hätte ich die Extraportion Eisen weglassen sollen. Der Verdauungstrakt ist zugeschweißt, bestimmt bis Sonntag. Und mitten im Rennen passiert es dann. Was ist schlimmer? Schon in der Neoprenpelle unerträglicher Druck oder erst auf dem Rad? Ich werde mit Magnesium gegenarbeiten. Und Kalzium. Ein Ideechen Mangan dazu. Meinetwegen auch Plutonium, wenn's hilft. Nochmal die abgelaufenen Hustentropfen auf Kodein überprüfen. Zur Not Ouzo.

Jede Nacht Alpträume: Der Neoprenanzug hat ein Loch. Der Schwimmbrillenriemen wird reißen. Ein gegnerischer Fuß wird meine Milz zermatschen. Millionen Menschen mit Schildern an der Strecke: "Du schaffst es sowieso nicht, Klappspaten!" Sie warten auf den Moment, wenn ich auf allen Vieren durch den Wald robbe. Nur Mona schweigt am Wegesrand. Aber ihr Blick sagt alles: Für diese erbärmliche Performance hast du deine Familie ein halbes Jahr lang terrorisiert? Wirklich Schatz, es lag an den Schuhen. An der Kühle. Und am fehlenden Zeitfahrhelm.

Profi-Triathlet Jan Frodeno sagt: "Eine schnelle Einheit zu viel in den Tagen davor, und der Wettkampf ist gelaufen." Was aber, wenn man ungefähr 100 Tempoläufe zu wenig gemacht hat? Soll ich noch mal heimlich den Berg rauffahren? Straf-Liegestütze? Besser als rumsitzen.

Ich könnte den Keller aufräumen. Lieber nicht. Akute Verletzungsgefahr. Seit Monaten habe ich wahllos weiteres Sportgerät nachgestopft. Öffne ich die Tür, werde ich von Laufrädern und Schuhkartons erschlagen, die Modelle vom letzten Jahr.

Ich brauche Regeneration . Vielleicht kann man sich eine Form herbeischlafen . Dafür müsste man allerdings zur Ruhe kommen. Die einen schlafen sich hoch, ich wache mich runter. Die ganze Nacht lang fahre ich die Strecke ab, meist im Notarztwagen. Nur noch fünf Tage, dann ist es soweit. Ich freu mich so.

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