Innovationen aus der Medizin Der 24-Stunden-Kardiologe
Stellen Sie sich vor, es gäbe da einen Arzt, einen Herzspezialisten, der 24 Stunden für Sie erreichbar ist. Immer wenn Sie ihn anrufen, hat er Ihre Patientenakte schon vor sich. Wenn Sie zum Beispiel mitten in der Nacht Herzstolpern haben und sich beunruhigt an ihn wenden, kennt er Ihre Vorgeschichte. Vielleicht bittet er Sie, ein einfach zu bedienendes EKG-Gerät bei sich anzulegen, das die Daten automatisch an ihn sendet. Wenn ein Notfall vorliegt, bestellt er für Sie einen Rettungswagen. Wenn es kleine Unregelmäßigkeiten gibt, rät er Ihnen, die nächsten Tage Ihren Kardiologen aufzusuchen. Und wenn es keinen Grund zur Sorge gibt, beruhigt er Sie.
Das ist, grob zusammengefasst, was ein neues Start-up aus Hamburg sein will: Cardiogo richtet sich an Patienten mit Herzerkrankungen oder mit einem hohen Risiko dafür. Bei der Anmeldung bekommt man ein EKG-Gerät samt Bedienungsanleitung und lädt sich eine App herunter, mit der die medizinischen Berichte verwaltet werden können, auf die Cardiogo dann Zugriff hat. Die Ärzte von Cardiogo - allesamt erfahrene Kardiologen - können so die Beschwerden und Probleme des Patienten einordnen.
24-Stunden-Monitoring
Einfach anzulegende EKG-Geräte zum Bestellen und entsprechende Apps, die das EKG entweder automatisch analysieren oder an Ärzte schicken, gibt es schon seit Jahren. Doch mit der 24-Stunden-Erreichbarkeit und der digitalen Patientenakte, die bei den Kardiologen bei einem Anruf des Patienten automatisch auf den Bildschirm geladen wird, setzt Cardiogo qualitativ neue Maßstäbe. "Das EKG ist natürlich wichtig, im Vordergrund steht aber das Gespräch zwischen Patient und Kardiologe", sagt Jens Beermann, selbst Kardiologe und einer der Gründer von Cardiogo.
Dass ständig ein Facharzt erreichbar ist, lässt sich Cardiogo natürlich bezahlen: 175 Euro im Monat kostet der Service, jedes Jahr darf man dafür zweimal einen Arzt ohne zusätzliche Kosten anrufen. Ab dem dritten Anruf von Seiten des Patienten fallen jeweils 94,54 Euro an. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten bislang nicht, und das ist in naher Zukunft auch nicht absehbar - dazu ist Cardiogo noch lange nicht etabliert genug. Gerade einmal gut 50 Patienten hat das Start-up in den vergangenen Wochen seit Geschäftsstart gewinnen können.
Medizinischer Nutzen muss noch untersucht werden
"Prinzipiell ist das eine gute Sache", findet der Kardiologe Felix Gramley von der Heidelberger Privatklinik für Kardiologie, der nicht bei Cardiogo beteiligt ist. "Allerdings lässt sich damit ein Herzinfarkt nicht ausschließen. Eher könnte man bestimmte Herzrhythmusstörungen identifizieren und interpretieren."
Vor allem für Herzrhythmusstörungen hält auch Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin an der Charité in Berlin, den Ansatz erst einmal für vielversprechend. "Allerdings setzt eine breite Anwendung voraus, dass wissenschaftliche Studien nachweisen, dass das Angebot einen medizinischen Nutzen hat", sagt Köhler, "also etwa die Zahl der Krankenhauseinweisungen senkt oder sogar die Sterblichkeit verringert." Dieser Beleg steht bislang aus.
Auf mögliche rechtliche Probleme weist Christian Butter hin, Chefarzt des Herzzentrums Brandenburg: "Die Datensicherheit zu gewährleisten, dürfte extrem schwierig sein." Außerdem sei eine Ferndiagnose immer kritisch. "Natürlich kann man sich am Telefon einiges beschreiben lassen", so Butter. "Aber wirklich zuverlässig kann man die Diagnose nur stellen, wenn man den Patienten auch vor sich hat." In den meisten Fällen, vermutet er, rieten die Ärzte am Cardiogo-Telefon dazu, den Notarzt zu rufen, weil sie kein Risiko eingehen wollen und dürfen. Trotz allem sei es nicht verkehrt, sich in die Obhut des Netzwerks aus Kardiologen zu geben. "Der Patient hat jederzeit einen Arzt an der Leitung, wenn er einen braucht, und der kennt auch noch seine Akte. Das kann durchaus nützlich sein", so Butter. "Man darf sich eben nur nicht in falscher Sicherheit wiegen."
Fest steht, dass für einige Patienten die Rufbereitschaft von Cardiogo eine enorme Beruhigung sein dürfte, die sich auch auf die akute Situation positiv auswirken könnte. Auf breiter Ebene - also mit finanzieller Beteiligung der Krankenkassen - kann sich die Idee aber nur durchsetzen, wenn Studien belegen, dass der Service die Versorgung von Patienten messbar verbessert.