Reizreaktionen Wieso sind die Fußsohlen so kitzelig?
Frau in einer Hängematte: Der Fußsohle entgeht keine Berührung
Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpaWer sich schon mal den Spaß erlaubt hat, einen Schlafenden mit einer Feder an der Fußsohle zu berühren, weiß, wie empfindlich diese sind. Die kleinste Berührung hat durchschlagende Effekte: Das Opfer zuckt und tritt erst einmal abwehrend um sich. Und auch wenn man einem Wachen sanft über die Sohlen streift, zieht das unweigerlich Reaktionen nach sich: vielleicht ein anhaltendes Lachen, vielleicht ein empörtes Wegziehen des Fußes.
Die Fußsohlen sind mit vielen kleinen Rezeptoren gespickt, die Wärme, Kälte und jede Berührung registrieren. Sie leiten ihre Informationen ans Gehirn weiter, damit schützende Reflexe möglich sind. Wie wichtig die Informationen der Fußsohlen sind, zeigt sich im Gehirn. "Die Fußsohlen, aber auch die Lippen, die Zunge und die Hände nehmen im Gehirn mehr Repräsentationsfläche ein als andere Körperteile, weil sie einfach deutlich mehr spüren", sagt der Psychiater und Neurobiologe Manfred Spitzer vom Universitätsklinikum Ulm.
Der Preis dafür ist wohl, dass die meisten Menschen an den Füßen kitzelig sind. Das Gehirn stuft die kitzelnde Feder oder Hand als fremden Reiz ein, der zum Beispiel auch von einem stechenden Insekt stammen könnte.
Kitzeln verbindet
Allerdings konnte die Wissenschaft das Phänomen noch nicht ganz klären. Es wird angenommen, dass das Kitzeln eine soziale Komponente hat. "Wenn Menschen sich gegenseitig kitzeln und dabei lachen, dann verbindet das", sagt Spitzer. Dazu würde passen, dass es vermutlich eine Rolle spielt, ob wir den Menschen mögen, der uns kitzelt: Zuneigung scheint das Kitzeligsein zu verstärken.
Nicht alle Menschen sind gleich stark kitzelig, es scheint Unterschiede in der Empfänglichkeit für Kitzelreize zu geben. Das könnte mit dem Persönlichkeitstyp zu tun haben, sagt Spitzer.
Die US-amerikanische Psychologin und Kitzelforscherin Christine Harris von der University of California in San Diego sieht das Kitzeligsein dagegen vor allem als Reflex, um empfindliche Körperteile zu schützen. Menschen sind ja nicht nur an den Fußsohlen kitzelig, sondern auch an den Handinnenflächen, unter den Achselhöhlen und an der Taille. Wie wirksam der Schutzreflex ist, merkt man, wenn etwa ein langes, einzelnes Haar auf die nackte Haut des Oberarms fällt. Es ist ein unangenehmer Kitzelreiz, der statt vom Haar auch von einer Stechmücke stammen könnte.
"Auch in der Genitalregion sind wir kitzelig. Das soll vermutlich positive Gefühle verursachen. Offenbar hat das Gehirn gelernt, aus dem Kitzelreiz unterschiedliche Empfindungen zu machen", sagt Ingrid Moll, Direktorin der Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Sich selbst kitzeln, gelingt fast nie
Die wenigsten Menschen können sich selbst so kitzeln, dass sie lachen müssen. Eine Ausnahme stellen Schizophrenie-Patienten dar. Und Menschen, die man aus einem Traum aufweckt .
Warum ist es fast unmöglich, sich selbst zu kitzeln? "Dies liegt möglicherweise daran, dass wir in diesen Fällen ja wissen, woher die Signale kommen und daher zugleich wissen, dass keine Gefahr droht", sagt Spitzer. "Davon kann man ableiten, dass man an Körperstellen, die man normalerweise nicht sehen kann - wie etwa die Fußsohlen oder die Achselhöhlen - kitzeliger ist als an anderen Körperstellen."
Untersuchungen zufolge verhindert das Kleinhirn, dass Menschen sich selbst kitzeln können: Es überwacht die eigenen Bewegungen und berechnet auch voraus, wann zum Beispiel der eigene Finger die Fußsohle berührt. Dies stuft es dann als ungefährlich ein, so dass der Reiz ignoriert wird. Die Nervensignale, die von der Fußsohle kommen, werden gedämpft. Berührt dagegen eine fremde Hand die Fußsohlen, kitzelt es.
Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.