Arzneimittelbehörde gibt Zustimmung Erste Pille speziell gegen Wochenbettdepressionen in den USA zugelassen
Die Mütter empfinden keine Freude, wollen nicht essen, können nicht schlafen, fühlen sich wertlos, einige haben gar Selbstmordgedanken: Laut Schätzungen entwickeln zehn bis 15 Prozent aller Frauen nach der Geburt eine Wochenbettdepression, im Fachjargon auch postpartale Depression genannt. In den USA ist nun erstmals eine Tablette gegen genau dieses Krankheitsbild zugelassen worden.
Die Pille, die unter dem Namen Zurzuvae vermarktet werden soll, muss über 14 Tage hinweg einmal täglich eingenommen werden, am besten abends, heißt es von der US-Arzneimittelbehörde FDA . Es gibt bereits andere Therapiemöglichkeiten, die bei Wochenbettdepressionen eingesetzt werden, allerdings ist das nun zugelassene orale Präparat das erste, das eigens für diesen Zweck entwickelt worden ist.
Extreme und manchmal lebensbedrohliche Gefühle
Postpartale Depressionen sind laut der FDA eine ernsthafte Erkrankung. Die betroffenen Frauen plagten Traurigkeit, Schuldgefühle, das Gefühl von Wertlosigkeit. Einige hätten sogar Gedanken, sich selbst oder ihrem Kind etwas anzutun. »Der Zugang zu einem oralen Medikament wird für viele dieser Frauen eine nützliche Option sein, die mit extremen und manchmal lebensbedrohlichen Gefühlen zu kämpfen haben«, sagte Tiffany R. Farchione von der FDA.
Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Wochenbettdepressionen auch postnatale Depressionen genannt. Postnatal meint zwar die Zeit nach der Geburt, allerdings bezogen auf das Kind. Da aber die Mütter betroffen sind, ist postpartal der korrekte Begriff – denn er beschreibt die Zeit nach der Geburt üblicherweise bezogen auf die Mutter.
Die Beschwerden treten meist zum Ende der Schwangerschaft oder innerhalb der ersten Wochen nach der Geburt auf. Nicht zu verwechseln ist das Krankheitsbild mit dem sogenannten Babyblues, betont die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention . Etwa 50 bis 80 Prozent aller Mütter zeigten innerhalb der ersten Woche nach der Entbindung Anzeichen einer depressiven Verstimmung, meist zwischen dem dritten und fünften Tag nach der Entbindung. Diese dauere in der Regel einige Stunden bis Tage und klinge danach wieder ab.
Postpartale Depressionen dagegen sind eine schwerere, länger anhaltende depressive Erkrankung, die behandlungsbedürftig ist. Die »Apotheken Umschau« bietet einen Selbsttest an, um das eigene Risiko für eine postpartale Depression einschätzen zu können.
Studien zeigten Wirksamkeit
Die Zulassung von Zurzuvae basiert auf zwei medizinischen Studien, welche die Wirksamkeit des Medikaments belegen. Bei Patientinnen, die Zurzuvae bekamen, verbesserten sich die Symptome deutlicher und schneller als bei Frauen, die ein Placebo bekamen. An den Studien hatten etwa 350 Frauen teilgenommen, bei denen eine postpartale Depression diagnostiziert worden war.
In den USA ist laut FDA ein weiteres Medikament eigens für die Therapie von postpartalen Depressionen zugelassen. Dieses muss jedoch über 60 Stunden hinweg intravenös verabreicht werden und kostet laut »New York Times« 34.000 Dollar, umgerechnet gut 30.000 Euro. Bisher sei das Mittel deshalb nur etwa tausend Patientinnen verabreicht worden.
Pille enthält synthetisches Hirnhormon
Zurzuvae enthält eine synthetische Version des Neurosteroids Allopregnanolone, das zur Regulierung eines stimmungsbezogenen Neurotransmitters beiträgt, erklärt Samantha Meltzer-Brody von der University of North Carolina, die die Studien geprüft hat. Während der Schwangerschaft »steigt der Östrogen- und Progesteronspiegel um ein Vielfaches an und fällt dann zum Zeitpunkt der Entbindung rapide ab«, sagte sie der »New York Times«. Frauen, die eine postpartale Depression entwickelten, reagierten besonders auf diesen Anstieg und Abfall, der auch den Spiegel von Allopregnanolone senkt.
Allerdings ist Zurzuvae laut Experten nicht für jede Patientin geeignet. Bei Schwangeren etwa wird das Medikament nicht empfohlen. Außerdem wurde es nicht an stillenden Müttern getestet.
Bevor Zurzuvae auf den Markt kommt, muss es noch weitere Überprüfungen durchlaufen. Zu welchem Preis das Medikament verkauft werden soll, ist bisher nicht bekannt. Entwickelt wurde es von Sage Therapeutics, einem Unternehmen aus dem US-Bundesstaat Massachusetts. Die Produktion läuft in Kooperation mit dem Biotechnologiekonzern Biogen.
Ob und wann Zurzuvae auch in Europa verfügbar sein wird, ist unklar. Es gibt jedoch bereits medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Häufig eingesetzt, auch in Deutschland, werden Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI, etwa Sertralin, das auch in der Schwangerschaft und während der Stillzeit eingenommen werden kann.
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