Geiseldrama "In die Falle gelockt"
Es ist kurz nach Sonnenuntergang, als am Ostersonntag, dem 23. April, auf der malaysischen Taucherinsel Sipadan zwei Fischerboote mit schwer bewaffneten Männern landen. Sie entführen 21 Touristen und Angestellte, darunter die Göttinger Familie Renate, Werner und Marc Wallert.
Nach 20 Stunden Fahrt durch die Sulu-See erreichen sie die philippinische Insel Jolo. Die Täter: ein Kommando der muslimischen Gruppe Abu Sayyaf, die seit Anfang der neunziger Jahre im Süden der Philippinen Lösegeld erpresst und Bomben legt - im Kampf für einen eigenen islamischen Staat, wie die Terroristen behaupten.
Auch diesmal verlangen sie für die Freilassung ihrer Gefangenen die Unabhängigkeit Mindanaos und der Inseln in der Sulu-See. Außerdem soll eine Kommission die angeblichen Menschenrechtsverletzungen an muslimischen Bürgern im malaysischen Bundesstaat Sabah untersuchen. Anführer der Kidnapper: Galib Andang, alias Commander Robot, und sein Cousin Mujib Susukan.
In den folgenden Wochen nimmt die Truppe weitere Geiseln, zeitweise befinden sich 40 Menschen in ihrer Gewalt. Zu ihnen gehören ab Juli 13 philippinische Evangelisten und drei französische TV-Journalisten.
Eine Woche vor den Franzosen war ich von einer Splittergruppe der Abu Sayyaf entführt worden, die mich 26 Tage in ihrer Gewalt hielt. Die Kidnapper unter einem Commander Daga ("Die Ratte, die Katzen frisst") hatten mich in der Stadt Jolo in eine Falle gelockt: Sie wollten mir, wie ein Kontaktmann namens Philip erklärte, ein Tonband der deutschen Geisel Renate Wallert übergeben. Auf der Fahrt zum Treffpunkt überwältigten sie mich und zwangen mich in ein Dschungellager.
Ich habe fast ständig an Flucht gedacht. Ich ahnte, dass mein Gefängnis nicht allzu weit von Jolo entfernt war. Mit der Zeit wurde die Aufmerksamkeit meiner Bewacher geringer. Anfangs hatten sie mich nachts regelmäßig mit ihren Taschenlampen angeleuchtet. Manchmal ließen sie nun sogar ihre Gewehre herumliegen. Sie erlaubten mir, am Hang herumzuklettern, so dass ich die Gegend erkunden konnte.
Doch da war das steile Gefälle, das ich hätte überwinden müssen. Und da waren die Wachen, die - wie ich wusste - in der Nähe des Lagers aufgestellt waren.
Nur in absoluter Finsternis und bei strömendem Regen hätte ich womöglich die Chance gehabt, mich unbemerkt fortzuschleichen. Mein Kalkül: Es musste mir gelingen, einen sicheren Vorsprung zu gewinnen und mich zum Meer durchzuschlagen. In Küstennähe wollte ich Richtung Jolo schwimmen. Auf dem Land wäre die Wahrscheinlichkeit, von den Entführern oder ihren Sympathisanten entdeckt zu werden, zu groß gewesen.
Das Risiko war enorm. Wäre die Flucht missglückt, hätten die Kidnapper mit Sicherheit mehr Geld gefordert. Außerdem wäre ich wohl ständig gefesselt worden und hätte nicht mehr lesen und schreiben können.
Als meine Entführer mich freiließen, stellte sich heraus: Vom Lager zur Straße nach Jolo war es weiter, als ich in Erinnerung hatte. Zudem hatte ich die Stadt in der falschen Richtung vermutet. Der rettende Minibus mit den Unterhändlern fuhr nach links, ich wäre nach rechts gelaufen.
Die Abu-Sayyaf verhandeln viereinhalb Monate und lassen nach und nach - gegen Lösegeld - Gefangene frei, erst Renate, später, als die wohl über 15 Millionen Dollar des libyschen Staatschefs Gaddafi gezahlt werden, auch Werner und schließlich Marc Wallert.
Journalisten sind ständige Besucher im Geiselcamp, das löst in Deutschland heftige Diskussionen aus. Es sei unmoralisch, so die Kritiker, sich zu sehr in die Nähe von Kriminellen zu begeben. Die Berichterstatter würden mit ihrer Anwesenheit das Lösegeld in die Höhe treiben.
Den Geiseln geht die häufige Medienpräsenz zwar mitunter auf die Nerven, später allerdings bestätigt der Göttinger Werner Wallert: "Ich werte die Besuche der Presse ganz eindeutig positiv ... Wir hatten anfangs ja ein ureigenes Interesse, Öffentlichkeit herzustellen."
Kaum sind die ersten Lösegelder geflossen, rüsten die Abu Sayyaf auf. Sie kaufen Waffen und Munition, Motorräder und Boote. Immer mehr Bewohner der verarmten Region schließen sich ihnen an, in der Hoffnung auf leicht verdiente Peso. Die Gruppe wächst schnell auf mehrere tausend Männer und Jugendliche an, und es gibt Streit.
Die Entführer geraten sich über die Verteilung des Gewinns in die Haare. Deshalb scheitert am 9. September um ein Haar die Freilassung der letzten vier europäischen Gefangenen, darunter Marc Wallert. Im letzten Moment greift eine rivalisierende Truppe den Abu-Sayyaf-Anführer Commander Robot an, um ihm die Geiseln oder Lösegeld abzujagen.
Mitte September - alle europäischen Gefangenen sind jetzt frei - beginnt der letzte Akt im Geiseldrama. Im Morgengrauen des 16. September greifen Kampfflugzeuge, Schützenpanzer und Infanterie die Camps der Kidnapper an.
Jolo wird vom Krisengebiet zum Schlachtfeld, streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Doch mit der Offensive geht es dem philippinischen Staatschef Estrada und seinen Generälen weniger um die Rettung der Opfer, sondern um Vergeltung: Die Abu Sayyaf sollte endgültig "pulverisiert" werden (Estrada). Zu lange hatten die Abu-Sayyaf-Führer die Regierung in Manila gedemütigt, zu stark war der innenpolitische Druck geworden, um das irrwitzige Treiben weiter hinzunehmen.
Während meiner Geiselhaft vom 2. bis zum 27. Juli habe ich in schlaflosen Nächten die Erfolgschancen eines Militärangriffs erwogen. Ich hatte vor meiner eigenen Entführung die Sipadan-Geiseln interviewt und wusste, dass sie einen Befreiungsschlag sehr fürchteten. Das Leben der Gefangenen, so etwa Marc Wallert in dem SPIEGEL-Interview , werde damit "leichtfertig aufs Spiel gesetzt".
Ohne Zweifel hatte Wallert Recht. Meine Gefühle aber waren zwiespältig: Vielleicht würde mich das Militär doch befreien und meinen skrupellosen Entführern das Handwerk legen können.
Die Kidnapper versuchten, sich gegen einen Angriff zu schützen: Sie brachten mich in ein Dschungellager am Fuß eines hohen Berges. Mein tropisches Gefängnis, eine verlassene Manilahanf-Plantage, lag in einem nur nach einer Seite offenen Talkessel mit steilen Hängen, die mit hohen Bäumen und Sträuchern dicht bewachsen waren.
Eine Attacke von unten wäre deshalb unmöglich gewesen. Meine mit M-16-Gewehren und Pistolen bewaffneten Wärter hätten ohne Zweifel die Soldaten bemerkt. Zudem waren Posten in der Nähe des Verstecks aufgestellt.
Die Entführer blieben stets in meiner Nähe. Mein Bambusbett unter freiem Himmel befand sich nur rund acht Meter von ihnen entfernt. Ein Befreiungskommando hätte den Hang herunterschleichen müssen und nur mit viel Glück bei Dunkelheit und bei starkem Regen, der die Geräusche verschluckte, eine Chance gehabt.
Für den Fall eines Militärschlags hatte ich mir bereits einen Zufluchtsort ausgesucht: In einem ausgetrockneten Bach, nur wenige Meter von meinem Lager entfernt, hoffte ich, eine Schießerei überleben zu können. Ich war mir sicher, dass die Soldaten bei einer gewaltsamen Befreiungsaktion versuchen würden, die Geiselnehmer zu töten.
Ende Oktober hat die Armee nach eigenen Angaben 136 Abu-Sayyaf-Kämpfer getötet und 124 gefangen genommen. Über hundert strecken zermürbt ihre Waffen. Zehntausende Bewohner der kleinen Insel müssen Schutz suchen vor Bomben, Granaten und Gewehrkugeln.
Seit dem Beginn des Angriffs auf die Abu Sayyaf versuche ich zu erfahren, was aus meinen Entführern geworden ist. Wurden sie gefangen oder getötet? Sind sie untergetaucht? Haben sie sich womöglich ergeben? In den wenigen veröffentlichten Listen von Toten und Gefangenen fahnde ich nach bekannt klingenden Namen. Da sich die Kidnapper nur mit Deck- oder Spitznamen vorgestellt hatten, ist die Identifizierung schwer.
Verlässliche Informationen sind rar. Commander Daga wurde zuletzt in der nächsten größeren Hafenstadt Zamboanga gesichtet, als er Motorräder kaufte. Er sei, so berichten Bewohner von Jolo, eigentlich als Auftragskiller und nicht als Geiselnehmer bekannt.
Die Abu Sayyaf bestanden aus mehreren lose miteinander verbundenen und zugleich gegeneinander operierenden Fraktionen. Ich verdächtige den Abu-Sayyaf-Anführer Raddulan Sahiron, hinter meiner Entführung zu stecken. Daga ist zu jung, um ohne die Erlaubnis von älteren Kämpfern eine solche Operation zu planen und durchzuziehen. Sahiron soll nach unbestätigten Berichten mittlerweile während eines Streits von seinen Weggefährten erschossen worden sein. Die Kidnapper der Sipadan-Geiseln, Commander Robot und sein arroganter Cousin Mujib Susukan, wurden, wie es heißt, verwundet.
Einer meiner Wächter hatte angekündigt, er werde mir schreiben, falls er den schon damals erwarteten Angriff des Militärs überlebt. Post aus Jolo ist noch nicht gekommen.
Ich werde oft gefragt, ob ich Genugtuung empfinde, wenn es der Kidnappertruppe an den Kragen geht. Davon kann keine Rede sein. Wenn Soldaten den Familien und Nachbarn der Abu Sayyaf das Dach über dem Kopf anzünden, wird sich die Spirale der Gewalt weiterdrehen. Der Zorn auf die Armee wird neue Märtyrer und Gangster gebären, die Bomben werfen und Menschen rauben. Meine Entführer gehören vor Gericht und ins Gefängnis, nicht ins Grab.
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