Achtenmeyer wird Pessimist, da in jeder Chance auch eine Krise steckt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Nach Diktat verreist Das soll eine Chance sein? Das ist eine Krise!

Mittelmanager Achtenmeyer ist sie leid, die Berufsoptimisten, die Tschakka-Rufer und all jene, die es "total großartig" finden, in seiner Firma zu arbeiten. Also wird er Pessimist. Das fördert seine Karriere, verleidet ihm aber die Mittagspausen.
Foto: SPIEGEL ONLINE
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einmal im Quartal lässt sich ein Lunch mit Ruger nicht vermeiden. Bis jetzt hat sich Achtenmeyer vorbildlich zusammengerissen. Er hat nicht die Augen verdreht, als die Nervensäge aus dem Vertrieb das chinesische Reisgericht bestellte ("Einmal Stasi Goreng, bitte, haha"), er hat noch nicht mal herablassend gelächelt, als Ruger "Zwei Espressos" orderte. Geschlagene dreiundvierzigeinhalb Minuten war er fleischgewordene Contenance.

Doch jetzt pustet Ruger über seinen Espresso, hebt bedeutungsvoll die Augenbrauen und sagt tatsächlich: "Wussten Sie eigentlich, dass das chinesische Schriftzeichen für 'Krise' auch 'Chance' bedeutet?" Achtenmeyer bietet alle verfügbare Willenskraft auf, aber viel ist davon nicht mehr übrig, und so schüttet er erst "versehentlich" Espresso über Rugers Motivkrawatte und antwortet dann schneidend: "Und wussten Sie schon, dass Plattitüden der Tod jeder Konversation sind?"

Fotostrecke

Cartoons zur Bürowelt: Ziemlich beste Feinde

Foto: Leo Leowald

Während Ruger noch "Plattitüde" googelt, entwickelt Achtenmeyer auf dem Weg zum Büro eine Strategie gegen die grassierende Positiv-Seuche. Im Ernst: Warum müssen ständig alle alles super, toll und grandios finden? Warum immer gut drauf sein? Was ist aus den Höhen und Tiefen des Lebens geworden? Aus einer richtig schlechten Laune, aus Gesichtern wie drei Tage Regenwetter, aus Morgenmuffeln und Dauernörglern? Alle verschwunden im Orkus der Tschaka!- und "Hey-total-großartig-dass-ich-heute-hier-arbeiten-darf!"-Rufer. Achtenmeyer startet jetzt den Aufstand: Er wird Pessimist.

Noch am selben Tag hat er Gelegenheit, seine ganz persönliche Anleitung zum Unglücklichsein in die Tat umzusetzen. Im Meeting, das sich mit der seit Monaten verkorksten Entwicklung eines neuen Kaugummis beschäftigt, verkündet Borlage von Forschung & Entwicklung endlich einen "Durchbruch". Er wolle nicht zu viel versprechen, fährt Borlage umständlich fort, aber bezüglich der Geschmackssynthese sehe man "endlich Licht am Ende des Tunnels". Achtenmeyer macht ein sauertöpfisches Gesicht: "Das könnte auch ein entgegenkommender Zug sein."

Dauernörgler wirken geheimnisvoll

Und das war nur der Anfang. Grußformeln ("Guten Morgen, wie geht's?") beantwortet Achtenmeyer von jetzt an entweder kurz ("Schlecht!") oder mythisch-trauerumflort ("Ich hab ein ganz schlechtes Gefühl, was den Tag heute angeht") oder auch einfach nur mimisch (Mundwinkelabsturz). Kollegen, die ihre performance schönreden wollen ("Wir müssen das Ganze auch mal positiv sehen") lässt er gnadenlos über die Klinge springen: "Nein, das müssen wir nicht. Das können wir auch gar nicht positiv sehen, weil es einfach eine Katastrophe ist."

Und betont jemand in einem Meeting die "großartigen Chancen", die ein Produkt/ein Markt/eine Kampagne eröffne, lehnt sich Achtenmeyer genervt zurück und sagt: "Wussten Sie eigentlich, dass das chinesische Schriftzeichen für 'Chance' auch 'Krise' bedeutet? Nein? Think about it!"

Nach einer Woche hassen ihn all seine midmanagement-peers, dafür erreichen ihn jetzt häufiger Mails von top-level, die ihm für sein "ausgesprochen ehrliches Feedback" danken. Unter all den Positiv-Denkern gilt Achtenmeyer mit seiner Depri-Masche plötzlich als irgendwie geheimnisvoll, als Mann, der sich auf das Schlimmste gefasst macht, weil er mehr weiß als die ganzen Schönwetter-Prediger.

In dieser Konstellation ist der showdown mit Ruger unausweichlich. Wie immer scheint die optimistische Nervensäge vor Zuversicht aus allen Nähten zu platzen. Eine super Zahl mit steilem Aufwärtspfeil nach der anderen beamt Ruger an die Wand und entblödet sich nicht, seine Ansammlung von Hoffnungswerten einen forecast zu nennen. Nach der achten Folie hält Achtenmeyer es nicht mehr aus: "Das nennen Sie einen forecast?", faucht er. "Der Wunschzettel meiner Nichte an den Weihnachtsmann ist ja realistischer. Schon mal einen Blick in die Konjunkturdaten geworfen?"

Glänzender Sieg mit Wermutstropfen

Die Sitzung endet im Streit und ergebnislos, doch eine Woche später hat Ruger bereits die erste benchmark verfehlt, wieder eine Woche später die zweite, und Achtenmeyer ist plötzlich der Typ, der das alles schon wusste. Ergebnis: Ab sofort muss der Vertrieb dem Marketing seine forecasts zum Gegencheck vorlegen. "Vier Augen sehen schließlich mehr als zwei", begründet Dr. Karl seine Entscheidung lapidar. Aber jedem in der company ist klar, was hier wirklich passiert: Ruger wird unter Kuratel gestellt. Ausgerechnet von den Kollegen im ewig belächelten Marketing.

Ganz klar, das ist ein glänzender Sieg. Der nur einen Wermutstropfen hat: Achtenmeyer muss jetzt zweimal im Quartal mit Ruger essen. Eine Katastrophe. Aber auf Katastrophen steht er ja jetzt.

+++ Lessons learned +++

1) Be different: Die alte Marketing-Weisheit gilt natürlich auch für Karrieren. Wer auffällt in der Masse, wird oben wahrgenommen als kreativer Querdenker, als jemand, der gegen den Strich bürstet. Und Auffallen ist schon mal ein guter Start zum Aufsteigen.

2) Operation "Drei Fragezeichen": Alle Menschen sind fasziniert von Rätseln und Mysterien. Der Vorteil des Mahners und Warners ist es, dass er stets im Ungefähren bleiben kann. Er hat eben nur "eine dunkle Ahnung", die er leider nicht näher begründen kann. Tritt sie nicht ein, ist sie schnell vergessen. Falls aber doch, hat er es ja gleich gesagt.

3) Kleiner Watchout: Trotzdem kann es nicht schaden, mit einer düsteren Prognose mal richtig zu liegen. Sonst wird aus dem Warner und Mahner ein ewiger Bedenkenträger. Und den kann niemand gut leiden.

Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Reporter beim manager magazin und Buchautor. In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert der Protagonist - der fiktive, aber lebensnahe Mittelmanager Achtenmeyer - regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.Buch bei Amazon: "Ziemlich beste Feinde" von Klaus Werle Klaus Werle vei Twitter