Nach Diktat verreist 5.12 Uhr, der Chef macht Alarm
Achtenmeyer ist raus aus dem Alter, in dem man Sätze sagt wie "Gestern war wirklich eine lange Nacht". Nur: Gestern WAR eine lange Nacht. Das Jahrestreffen der Branche war seinem Ruf als effektivste Alkoholvernichtungseinrichtung seit der Prohibition einmal mehr gerecht geworden. Zum Glück ist diese Feier immer samstags, hatte Achtenmeyer noch gedacht, bevor er am frühen Sonntagmorgen ins Bett plumpste. Das Smartphone schaltete er aus: Alle seine Kollegen, Wettbewerber und Kunden waren auch auf der Fete gewesen und mussten sich mindestens genauso elend fühlen wie er. Niemand würde ihn anrufen.
Als sich die unbarmherzig strahlende Sonne nicht mehr ignorieren lässt, schlurft Achtenmeyer stöhnend in die Küche, macht einen Espresso und schaltet sein Smartphone ein: "1 Nachricht von Überling, Alfred". Achtenmeyer fällt die Espressotasse aus der Hand.
Überling ist der Chef von Dr. Karl, der wiederum Achtenmeyers Vorgesetzter ist. Überling ist C-Level, eine Art Gottheit, die mit Achtenmeyers Welt üblicherweise so viel zu tun hat wie ein Eisbär mit einem Moskito. Die Nachricht kann also nur eine weitere Katastrophe beinhalten, die erste hat sich ja schon ereignet: Achtenmeyer hat es versäumt, Auffassungsgabe, Engagement und Esprit unter Beweis zu stellen, weil er gepennt hat, als Überling seine Nachricht schickte, um... Moment, um 05.12 Uhr.
Jetzt ist es kurz nach zehn, Achtenmeyer hat volle fünf Stunden Rückstand auf den Ereignis-flow, das gilt es aufzuholen. Energisch tippt Achtenmeyer aufs Messenger-Fenster. Die Sanduhr kreiselt, dann: "Nachricht konnte nicht geladen werden."
Cartoons zur Bürowelt: Ziemlich beste Feinde
Achtenmeyer wird kurz schwarz vor Augen: Überling, der Übervater, hat ihm eine Nachricht hinterlassen, wichtig offensichtlich, sonst hätte er sie ja nicht mitten in der Nacht geschickt. Nicht genug, dass Achtenmeyer bei Nachrichteneingang noch ratzte - jetzt hat er sie auch noch verloren. Wie soll er da Auffassungsgabe und Engagement zeigen, wenn er keinen blassen Schimmer hat, wofür?
Okayokay, beruhigt er sich selbst, was sind meine Optionen? Erstens: Überling anrufen. Sehr schlechte Idee, Überling war auch auf der Feier und dürfte noch schlafen. Außerdem stünde Achtenmeyer wie ein Trottel da, dem man nicht mal simpelste Aufträge erteilen kann. Zweitens: Dr. Karl anrufen. Noch schlechtere Idee, dann stünde er bei Überling UND bei Dr. Karl als Trottel da. Sein nächster geplanter Karriereschritt - der neue Dr. Karl zu werden - hätte sich dann mehr als erledigt. Drittens: Frau Schnitzel anrufen. Seine Sekretärin ist natürlich nicht aktiv involviert in die Machtscharmützel im Top-Management, aber in der company entgeht ihr nichts. Andererseits redet sie gern. Nicht auszudenken, wenn sie Überlings Sekretärin erzählt, ihr Chef habe die Nachricht von deren Chef... Nein, das kommt absolut nicht in Frage.
Wer nichts macht, kann auch nichts falsch machen
Schon spürt Achtenmeyer wieder, wie sich die Schwärze nähert, als ihm eine vierte Option einfällt: Gar nichts tun. "Wenn's wirklich wichtig ist, meldet er sich noch mal", pflegte sein Mentor im ersten Job nach der Uni zu sagen. Vielleicht ist der Leitsatz mit Blick auf den Vorgesetzten des eigenen Vorgesetzten ein klitzekleines bisschen riskant, aber hey, eigentlich kann's von diesem Punkt an nur noch aufwärtsgehen, oder?
Also verbringt Achtenmeyer den Restsonntag mit Joggen, Sauna, dem Abarbeiten diverser Serien-DVDs. Am Montag im Büro klebt ein Post-it von Überling an seiner Schreibtischlampe - ein zwinkernder Smiley plus "Gefällt mir!"-Daumen: "Beste Grüße, Ü".
Offensichtlich hat sich Nichtstun bewährt. Einige diskrete Erkundigungen später weiß Achtenmeyer auch, warum: Überling hatte zu später Stunde auf dem Tisch getanzt. Diese Party-Großtat wollte er lieber nicht im Intranet verewigt sehen und bat Dr. Karl, sich darum zu kümmern. Der aber fand derlei Alltagsprobleme unter seiner Würde, weshalb Überling Achtenmeyer die unlesbare Nachricht schickte. Dass die fraglichen Bilder dennoch gelöscht wurden, war das Verdienst von Frau Schnitzel: Sie war auch auf den Fotos zu sehen, fand die Aufnahmen jedoch alle unvorteilhaft, und da es ihre Aufgabe war, das Intranet mit den Bildern der Feier zu bestücken, warf sie die Sequenz einfach in den Papierkorb.
Achtenmeyers Bilanz: Überlings Ruf als mega-seriöser Topmanager ist gewahrt. Dr. Karl gilt als kleinlicher Paragrafenreiter, während Achtenmeyer jetzt den Ruf hat, schnell, diskret und effizient auch Probleme zu lösen, die nicht in seiner offiziellen job description stehen. Und Frau Schnitzel bekommt zwei Tage Sonderurlaub.
+++ Lessons learned: +++
1) Die Kohl-Methode: "Aussitzen" nannte man das Prinzip des Alt- und Einheitskanzlers, Störungen sich selbst erledigen zu lassen. Gerade Führungskräfte tun gut daran, sich nicht sofort auf jedes Problemchen zu stürzen. Überblick zeichnet gute Manager aus, nicht hektische Klein-Klein-Tüftelei.
2) Eine Frage der Talente: Andererseits werden manche Probleme größer statt kleiner, wenn man sich nicht darum kümmert. Für einen Manager ist es deshalb entscheidend, sich auf die Einschätzung der eigenen Mannschaft verlassen zu können.
3) Bonusspiel Sonderaufgaben: Für den Chef mal was außerhalb der üblichen Aufgaben zu erledigen, bringt bisweilen mehr Sichtbarkeit als fünf ordentlich abgelieferte Projekte.
Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Reporter beim manager magazin und Buchautor. In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert der Protagonist - der fiktive, aber lebensnahe Mittelmanager Achtenmeyer - regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.Buch bei Amazon: "Ziemlich beste Feinde" von Klaus Werle Klaus Werle vei Twitter