Fair gründen "Firmen ohne eigene Finanzierung sind am spannendsten"
Sozialunternehmen Bookbridge: Gründer für den guten Zweck
Foto: Bookbridge
Felix Oldenburg (Jahrgang 1976) ist Deutschlandchef von Ashoka, dem globalen Fördernetzwerk für Sozialunternehmer. Vorher hat er als Unternehmer und Berater im Bereich zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gearbeitet, unter anderem als Mitglied der Geschäftsleitung einer europäischen Politikberatung, Gründer eines Internet-Start-ups sowie als Managementberater bei McKinsey in London.
KarriereSPIEGEL: Viele können sich unter einem Sozialunternehmer nichts vorstellen. Ist "sozial" und "Unternehmer" nicht ein Widerspruch?
Oldenburg: In Deutschland wird Unternehmertum meist mit sofortiger Gewinnerzielung gleichgesetzt. Das stimmt schon deshalb nicht, weil viele Unternehmen anfangs rote Zahlen schreiben, auch Konzerne wie Apple oder Facebook. Wahres Unternehmertum bedeutet, einen Markt zu sehen, wo andere noch keinen sehen. Genau das machen Sozialunternehmer. Ihr Markt ist sogar noch schwieriger, weil ihre Produkte und Dienstleistungen das Ziel haben, ein gesellschaftliches Problem zu lösen. Deshalb rechnen sich ihre Investitionen später als in anderen Unternehmen.
KarriereSPIEGEL: Ihre Organisation, Ashoka , fördert Sozialunternehmer. Was sind das für Leute?
Oldenburg: Die meisten haben einen ungewöhnlichen Lebenslauf, viele sind selbst Betroffene. Wie die besten Unternehmer in der Wirtschaft haben sie das Gefühl, dass sie keine andere Wahl haben und das jetzt machen müssen. Nehmen Sie Volkert Ruhe, der selbst acht Jahre im Gefängnis saß und von dort sein Projekt "Gefangene helfen Jugendlichen" startete, bei dem er Häftlinge darauf vorbereitet, Jugendliche von einer kriminellen Laufbahn abzubringen.
KarriereSPIEGEL: Im Gegensatz zu einem profitorientierten Unternehmen finanzieren sich die meisten Sozialunternehmer auch über öffentliche Gelder oder Spenden. Das entspricht wirklich nicht dem klassischen Bild vom Unternehmer.
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Oldenburg: Das geht oft nicht anders, weil sie häufig in Bereichen tätig sind, in denen der Staat eine große Rolle spielt, etwa Gesundheit und Bildung. Dazu kommt, dass Sozialunternehmer keine öffentliche Gründerförderung bekommen.
KarriereSPIEGEL: Warum nicht?
Oldenburg: Weil viele Sozialunternehmen auch von Spenden leben, müssen sie sich gemeinnützig aufstellen. Gründer einer gemeinnützigen Organisation werden aber nicht als Existenzgründer gefördert, auch wenn sie langfristig Märkte aufbauen. Das ist zutiefst innovationsfeindlich.
KarriereSPIEGEL: Ashoka hat im vergangenen Jahr die Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship - kurz Fase - gegründet. Erkennen Investoren langsam den Nutzen von Sozialunternehmen?
Oldenburg: Die Finanzierung von Unternehmen, die sich eigentlich nicht finanzieren lassen, halte ich für eine der spannendsten Aufgaben überhaupt. Inzwischen bekommt Fase auch viele Anfragen von Bankern, die sich dort engagieren möchten. Ich bin mir sicher, dass es auch an den Unis bald das Fach Social Finance geben wird, wo man lernt, wie man soziale Veränderungen finanzierbar machen kann. Denn Investitionen in soziale Innovationen sind Investitionen in zukünftige Märkte.
KarriereSPIEGEL: Das müssen Sie erklären.
Oldenburg: Unter einer Innovation verstehen die meisten technische Verbesserungen wie eine noch sparsamere Einspritzanlage. Dabei ist zum Beispiel die soziale Idee des Carsharings eine viel größere Innovation. Und das wurde vor 30 Jahren von Sozialunternehmern in Amsterdam erfunden. Heute müssen sich Automobilkonzerne fragen: Wer kauft noch unsere Autos?
KarriereSPIEGEL: Werden soziale Innovationen damit zur Bedrohung für die Unternehmen?
Oldenburg: Natürlich. In Deutschland fangen Großunternehmen gerade erst an zu verstehen, dass sie ihr gesellschaftliches Engagement auch als Investitionen in künftige Märkte verstehen sollten. Manchmal sind Sozialunternehmen fast so etwas wie vorgelagerte Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. So ist es für Pharmakonzerne zum Beispiel wichtig zu verstehen, welche Rolle Patientennetzwerke übernehmen werden.
KarriereSPIEGEL: Ist Social Entrepreneurship nicht eine Modewelle, die vor allem durch die Generation Y beflügelt wird?
Oldenburg: Sicher, das ist es auch. Aber die interessantesten Sozialunternehmer gehören meist nicht zur Generation Y. Das sind oft ältere Menschen mit ungewöhnlichen Lebensläufen. Das Neue bei der Generation Y ist, dass sie Karriere, Unternehmertum und Weltverbesserung erstmals zusammen denkt. Und das bringt die Unternehmen in Schwierigkeiten. Als ehemaliger McKinsey-Berater war ich vergangenes Jahr erstmals dort Redner bei einer Rekrutierungsveranstaltung. Dass meine "Karriere" bei McKinsey als Erfolgsgeschichte vorgestellt wird, ist neu. Aber damit kann man heute offenbar mehr junge Leute zu einer Bewerbung motivieren.
KarriereSPIEGEL: Lassen Sie sich damit nicht instrumentalisieren?
Oldenburg: Wenn ich so dazu beitrage, langfristig für Sozialunternehmer neue Talente zu gewinnen, die bei McKinsey erst einmal ein gutes Handwerkszeug lernen, finde ich das gut.
Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Bärbel Schwertfeger. Sie ist freie Journalistin in München.