Mein Leben als Broker: "Cool, sich zu nehmen, was man kriegen kann" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Mein Leben als Broker "Cool, sich zu nehmen, was man kriegen kann"

Er arbeitete fast 15 Jahre lang als Broker, bevor er den Absprung schaffte: Ein Aussteiger erzählt von arroganten und gierigen Finanzdienstleistern - und sagt, warum sich Steuerschlupflöcher so schwer stopfen lassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Der Job hat mich mit der Zeit zermürbt. Am Anfang war er noch toll. Mein Team war klein, wir waren jung, ich war mit Anfang 30 der Zweitälteste in der Firma. Ich fing damit an, Konten abzugleichen: Ich musste dafür sorgen, dass unsere Kunden morgens einen korrekten Kontoauszug bekamen, das wurde damals noch manuell erstellt. Als Zahlenmensch machte mir so etwas Spaß.

Jede Differenz von ein paar Cent, die zum Beispiel durch Rundungen entstand, mussten wir damals noch begründen. Später scherten sich die Chefs nicht einmal mehr um Diskrepanzen im fünfstelligen Bereich.

Am meisten Umsatz machten wir mit CFDs. Das heißt: Wir ermöglichten es Kunden, mit Geld zu spekulieren, das sie gar nicht hatten. Wenn sie dabei Verluste machten, verdienten wir als Broker daran.

Wie in "Wall Street"

Ich hatte eine Naturwissenschaft studiert und fand es faszinierend, in eine völlig fremde Welt einzutauchen, die ich nur aus Filmen wie 'Wall Street' kannte. Darin ist der Hauptdarsteller Gordon Gekko ein arroganter Finanzhai, der sich illegal Insiderinformationen beschafft und kriselnde Firmen aufkauft, die er dann als Heuschrecke ausnimmt.

Solchen Leuten haben wir nachgeeifert, das waren für uns smarte Jungs. Es hat mich nicht gestört, dass wir die Welt dadurch nicht besser machten. Aber ich fand auch nicht, dass wir sie verschlechterten. So krass wie die Filmfigur haben wir es schließlich nicht getrieben. Viele meiner Kollegen fanden es einfach cool, dass jemand sich nahm, was er kriegen konnte, indem er die Spielregeln so hindrehte, dass für ihn am meisten heraussprang.

Es war über all die Jahre üblich, dass unsere Vertriebskollegen zum Beispiel Ausweisdokumente von Kunden beglaubigten, die sie nie persönlich gesehen hatten. Dabei ist das eigentlich Vorschrift, um ein Konto zu eröffnen. Sie beglaubigten am selben Tag Dokumente aus Saudi-Arabien, China und der Schweiz, um möglichst schnell und bequem Klienten zu ködern.

Ein Chef meinte einmal: 'Wenn die Aufsichtsbehörde etwas moniert, sagen wir einfach 'Ups, das wussten wir nicht.'' Ein 'Ups' hatte jeder frei. Dabei war uns klar, was die Behörden als Regelverstoß werten würden. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich selbst keine echten Straftaten beging.

Jacht mit Firmenlogo

Ich habe für drei verschiedene Broker gearbeitet, unsere Büros waren jedes Mal sehr edel und exklusiv gelegen. In einem Konferenzraum stand ein maßgefertigter Designertisch, die Chefs fuhren BMW-Dienstwagen und ihre Frauen auch. Andere Broker hatten an ihrem Sitz in Zypern Jachten liegen, auf denen das Firmenlogo prangte.

Nach etwa fünf Jahren nervte es mich zunehmend, dass der Luxus der Chefs zulasten der Mitarbeiter und Kunden ging. Von uns wurde erwartet, dass wir Überstunden schrubbten und bei fragwürdigen Praktiken wegschauten.

Ich war zu bequem, um damals schon auszusteigen. Und das Geld war nicht schlecht. Ich bekam anfangs rund 4000 Euro brutto und 450 Euro aus einem 'Minijob', den ich offiziell bei einer Tochterfirma ausübte. Wieder so ein Trick, um Steuern zu sparen. Später verdiente ich etwas mehr. Im Nachhinein weiß ich, dass mein Gehalt für die Branche ein schlechter Witz war.

Doch damals war ich zufrieden damit. Ich arbeitete im Backoffice und meine direkten Kollegen bekamen auch nicht mehr. Um richtig Kohle zu scheffeln, hieß es, müssten wir in den Vertrieb wechseln. Doch da war der Druck viel größer.

Fotostrecke

Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Meine Chefs hauten immer schlimmere Sprüche raus: 'Ein Mitarbeiter spurt nur, wenn er eine geladene Knarre am Kopf hat' oder 'Wir ficken so lange ohne Kondom, bis es nicht mehr geht.' Wir verdrehten über solche Sätze die Augen oder lachten gefällig. Jetzt schweißte uns Kollegen der Frust so zusammen wie zu Anfang die Begeisterung.

Schließlich wechselte ich den Broker, weil ich das Arbeitsklima nicht mehr aushielt. Doch nach einigen Monaten traten in der neuen Firma genau dieselben Praktiken zutage.

"Ändere endlich was"

Anfang 2015 begannen die Aufsichtsbehörden, genauer hinzuschauen. Damals gingen mehrere Broker pleite, weil sie ein zu hohes Risiko eingegangen waren. Das machte die Aufseher misstrauisch.

Wir mussten nun viel öfter und umfassender Geschäftszahlen liefern. Das machte meinen Job noch stressiger, und die Chefs sprachen zum ersten Mal davon, den Firmensitz von Zypern auf die Seychellen zu verlegen.

Erst vor einem guten Jahr wurde mir klar, wie sehr mich meine Arbeit bedrückte. Ich schlief schlecht und sprach mit meiner Frau stundenlang nur über den Job. 'Der tut dir nicht gut, ändere endlich etwas', sagte sie.

Es dauerte noch mehrere Monate, bis ich den Absprung schaffte. Ich hoffte bis zuletzt, dass die Firmenleitung zur Vernunft kommen würde. Als ich kündigte, fragte mein Chef, ob ich zur Konkurrenz gehe. 'Wir zahlen dir genauso viel', sagte er. Die glauben, dass es immer nur ums Geld geht."