Die Eremitin: Ein Leben für Gott
Beruf Eremit Manchmal schmuse ich mit Ziegen
Ein kleines Bauernhaus, eine halbverfallene Scheune, ein winziger Schuppen - alles mitten auf dem Land. Bis zur nächsten Straße ist es weit, bis ins nächste Dorf noch weiter; Nachbarn gibt es nicht. Hier, am Ende eines Feldwegs, wo die Krähen über abgeernteten Feldern kreisen, wohnt Maria-Anna Leenen - allein mit ihren Tieren, ein paar Bergziegen. Eine ungewöhnliche Frau, mit einem ungewöhnlichen Beruf: Sie lebt als Eremitin.
Meditieren, beten, arbeiten - das ist ihr Job. Fast wie bei den ersten Mönchen im frühen Christentum, die in die Wüste zogen. Sie galten als radikale Nachfolger Christi. Auch die Gottesfrau Leenen ist radikal, aber anders: 1700 Jahre später gibt es auf ihrem Hof zwischen den niedersächsischen Orten Fürstenau und Ankum immerhin Strom. Die Eremitin aus dem 21. Jahrhundert besitzt ein Handy und einen E-Mail-Account. Ins Internet wählt sie sich mit einem analogen Modem ein. Fließend Wasser und eine Heizung hat sie nicht. Dafür einen Brunnen und zwei Öfen. Verzicht - das ist Teil der eremitischen Tradition. "Das Leben ist reduziert", sagt die freundliche Frau.
Vom Anwalt zum Priester: Alles auf Anfang
Seit 20 Jahren ist Maria-Anna Leenen anerkannte Eremitin im Bistum Osnabrück. Vor elf Jahren legte sie vor dem Bischof das Ewige Gelübde ab. Seitdem führt sie ein Leben in Armut, verkündet das Evangelium und betet für alle. Besonders für die, die selbst nicht beten. In ihrem krummen Backsteinhaus mit dem blauen Hoftor gelten die Regeln des Heiligen Franziskus. Wenn Gehetzte und Getriebene mal eine Auszeit brauchen, öffnet sie die Tür, kocht Tee und erzählt aus ihrem Leben.
Doch wie wird man Eremitin? Maria-Anna Leenen hatte gerade den 30. Geburtstag gefeiert, als ihr Wunsch immer stärker wurde, Gott zu dienen. Vor 30 Jahren trat sie in den Klarissenorden ein. Doch nach einer Weile merkte sie: Nur Nonne sein, das ist nicht genug. Was gab es noch? Eine erfahrene Ordensschwester riet ihr: Werde Eremitin. "Damals war ich sehr erschrocken", sagt Leenen heute.
"Ich bekomme keinen Scheck vom Bischof"
Doch sie zog aus - weg aus dem Kloster, in die Klause St. Anna. Das war ursprünglich ein Gesindehaus mit drei Räumen: Küche, Kammer, Arbeitszimmer. Nebenan ist eine winzige Kapelle. Beten, meditieren, arbeiten - keine Menschen, viel Ruhe. Zunächst musste Maria-Anna Leenen lernen, was ein Eremit überhaupt tut. Das Alleinsein ist ihr schwer gefallen. Manchmal hat sie mit ihren Ziegen geredet und auch mal mit ihnen geschmust. Sie sagt: "Das brauche ich auch."
Dazu kamen weltliche Sorgen - Geldsorgen. "Ich bekomme keinen Scheck vom Bischof," sagt die Frau, die am liebsten Jeans, Öko-Clogs und einen schlichten Pulli trägt. Und weil vom Beten kein Brot vom Himmel fällt, und vom Meditieren keine Miete bezahlt werden kann, musste sie sich einen Zweitjob suchen, einen, mit dem man Geld verdient.
Sie ist Schriftstellerin geworden, schreibt Bücher über Berufung, Obdachlosigkeit und natürlich über Eremiten. Auch ein Krimi für Kinder ist erschienen. "Von Ziegen lernen heißt leben lernen", ist der Titel. Er hat einen tieferen Sinn. Die Tiere seien in der Bibel ein Sinnbild für Nichtgläubige, erklärt sie.
Wer Eremit werden will, muss sich lange prüfen
Geld und Tand gegen Ruhe und Zufriedenheit - auch wenn der Erlös kaum zum Leben reicht, ist die Gottesfrau glücklich: "Ich führe ein erfülltes Leben." So wie rund 90 weitere Kollegen. So viele Eremiten leben zurzeit in Deutschland. Es werden immer mehr.
Experten beobachten einen Neuaufbruch eremitischen Lebens weltweit. Pater Michael Plattig von der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster sagt: Das Eremitenwesen ist eine Gegenbewegung zu den herrschenden Idealen der Zeit. Aber er warnt auch: Wer Eremit werden will, muss sich lange prüfen. Flucht vor Menschen sei nicht die richtige Motivation.
Die Eremitin Maria-Anna Leenen hat im Moment nicht so viel Ruhe zum Meditieren. Das Dach ihrer Klause ist undicht, das Fundament muss gesichert werden. Und jetzt will der Eigentümer das Haus auch noch verkaufen. 45.000 Euro, das ist viel zu viel Geld für eine Eremitin. Deshalb sammelt ein Förderverein Geld. Und auch die Gottesfrau tut, was sie kann. Sie bietet Opfer-, Altar-, Oster- und Taufkerzen auf Weihnachtsmärkten an und kniet in ihrer Kapelle - um zu Gott zu beten.