Frauen in Führungspositionen "Männer zu Erziehungsurlaub verdonnern"
KarriereSPIEGEL: Mehr als 500 Titel kennt Amazon zum Thema "Frau, Beruf, Karriere", darunter Ihr Buch. Müssen denn Frauen unbedingt eine Führungsposition anstreben?
Wündrich: Müssen muss niemand, aber sie sollten es können, wenn sie wollen.
KarriereSPIEGEL: Und wollen sie?
Wündrich: Karriere zu machen, scheint für viele bestens ausgebildete junge Frauen nicht attraktiv zu sein. Das hat sicher mit Klischees tun, die immer noch in den Köpfen stecken. Mir hat eine 32-Jährige gesagt: 'Ich will nicht in der Karriereschublade landen.' Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gibt. Offenbar hat eine Karrierefrau das Image einer einsamen, ehrgeizigen Egoistin. Das hat mich verblüfft, wie auch der Satz, Schwangerschaft sei eine Option, wenn man unzufrieden ist im Beruf. Und das habe ich nicht nur einmal gehört.
KarriereSPIEGEL: Also hindern sich Frauen selbst am Aufstieg - und nicht männliche Vorgesetzte, die lieber unter sich bleiben?
Buhmann Baby: Schon wieder schwanger - zwölf Mütter erzählen
Wündrich: Es ist eine Mischung. Ein Trugschluss ist der Glaube, das Leben mit einem Kind sei stressfreier, und man könne nach einer längeren Pause problemlos in den Beruf zurückkehren. Offenbar ist noch nicht bei allen angekommen, wie wichtig es heute ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Als Chefredakteurin habe ich immer wieder erlebt, dass eigentlich ambitionierte Frauen sich extrem veränderten, kaum dass sie schwanger wurden. Über ihre Rückkehr hatten sich viele keine konkreten Gedanken gemacht: "erst mal gucken, wie alles wird…". Ich verstehe das, aber klug ist es nicht. Was Frauen ebenso ausbremst und von leitenden Positionen fernhält: das Wissen um die gläserne Decke, die männlich geprägten Strukturen in der Arbeitswelt, auch die Angst vor einem Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeitsanspruch. Denn wer eine Führungsfunktion hat oder anstrebt, ist natürlich mehr eingespannt als bei einem Job von neun bis fünf.
KarriereSPIEGEL: Und trotzdem glücklicher? Das schreiben Sie berufstätigen Frauen zu.
Wündrich: Ich will junge Frauen sensibilisieren, für das, was auf sie zukommt, für die Fallen auf ihrem Weg. Damit Frauen voneinander profitieren: Die älteren könnten Vorbild sein, und sie könnten die jüngeren fördern.
KarriereSPIEGEL: Haben Sie das getan? Gefördert?
Wündrich: Nicht institutionalisiert als Mentorin, aber ja, natürlich. Die, bei denen ich Potential gesehen habe. Allerdings: Einer jungen Grafikerin, die ich sehr talentiert fand und die nicht recht wusste, wie's für sie weitergehen soll, habe ich gesagt: "Du musst noch ein bisschen an dir arbeiten. Das bedeutet auch mal Überstunden. Aber dann, wenn du die Art-Director-Position hast, kannst du machen, was du willst." Diese Mehrarbeit und das Ellenbogen zeigen fand sie so abtörnend, dass sie bald darauf kündigte und ihr eigenes Büro aufmachte.
KarriereSPIEGEL: Klingt, als hätten Sie die Frau zum Jagen tragen wollen...
Wündrich: Vielleicht habe ich mich angehört wie ihre Mutter, vielleicht war es der falsche Ton. Aber man muss auch mal mit dem ganzen Karrierethema anders umgehen. Es geht ja nicht nur ums Hartsein und Entscheidungen fällen. Es geht auch darum, Gestalter des eigenen Lebens zu sein. Und das ist großartig.
KarriereSPIEGEL: Wurden Sie gefördert?
Wündrich: Ja, absolut. Der frühere Leiter des "SZ-Magazins" war so etwas wie mein Mentor und ließ mich das Jugendmagazin "Jetzt" entwickeln. Er hatte jemanden gesucht, der flexibel war und Lust hatte, sich auf ein so unsicheres Projekt einzulassen, das von einem Tag auf den anderen hätte zu Ende sein können. Er hat mir das zugetraut.
KarriereSPIEGEL: Sie haben dann fast 20 Jahre in Führungspositionen gearbeitet. Was war Ihr Karriere-Motor?
Wündrich: Ich habe das Bedürfnis, etwas zu tun, für das ich brenne. Und mich selbst zu fordern, auszuprobieren, an meinen Schwächen zu arbeiten: Mein Weg ist da, wo die Angst sitzt. Und natürlich Ehrgeiz. Ich versteh' gar nicht, warum diese Eigenschaft so negativ besetzt ist. Ehrgeiz bedeutet doch einen starken Drang, sich weiterzuentwickeln.
KarriereSPIEGEL: Als Führungskraft und Feministin hätten Sie gesellschaftlich etwas verändern können, haben aber vor zwei Jahren gekündigt. Warum?
Wündrich: Es stimmt: Ich arbeite nicht mehr innerhalb dieser Strukturen und Hierarchien, das kann man mir vorwerfen. Aber ich glaube, mein Einfluss ist momentan stärker als damals - ich leitete ein Magazin, das in seinem Verlag keine Zukunft mehr hatte und dann ja auch verkauft wurde.
KarriereSPIEGEL: In Führungsetagen bilden Männer meist die Mehrheit - und machen die Regeln. Glauben Sie, die lesen Ihr Buch?
Wündrich: Keine Ahnung. Das Buch wird keine Mauern einreißen. Aber der gesellschaftliche Druck hat schon etwas in Unternehmen bewirkt. Und die EU wird darauf drängen, dass befristet eine Frauenquote eingeführt wird, was ich befürworte. Einige Firmen wie ein Hamburger Verlag setzen inzwischen auf den "Female Factor". Das mag aus strategischen Gründen geschehen, aber wenn es der Idee nützt - was soll's?! Ich bin sogar dafür, Männer zum Erziehungsurlaub zu verdonnern. Nicht nur für zwei Monate, sondern für ein halbes Jahr, damit sich die Rollenbilder in den Köpfen ändern: Arbeitgeber werden dann feststellen, dass auch Väter Kinder haben - sichtbare, keine unsichtbaren, die von teilzeitarbeitenden Partnerinnen oder Vollzeitmüttern betreut werden. Ich bin der Meinung, dass wir eine Revolution der Arbeitswelt brauchen.
Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Gunthild Kupitz, freie Journalistin in Hamburg. Sie schreibt vor allem für Magazine und produziert Multimedia-Porträts für Online-Seiten.