Frauenquote: Was wird aus den Alpha-Männern? - DER SPIEGEL
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Frauenquote Was wird aus den Alpha-Männern?

Jetzt fahren Frauen die Ellenbogen aus - und in den Vorstandsetagen wird den Männern mulmig. Die drohende Quotenregelung gefährdet eine besondere Spezies in ihrem Lebensraum zwischen Büro, Bahnabteil und Business-Lounge: die Alphatiere. Doch es gibt Überlebensstrategien für die Mega-Machos.
Von Alexander Ross
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie können ihre Wettbewerber kleinhalten und die Profite groß, und nach jeder Niederlage rappeln sie sich wieder auf. Doch Diversity Management und Frauenförderung machen den harten Männern mit ihrem Management by Testosteron inzwischen ernsthaft zu schaffen. Denn der neue Stil in den Unternehmen setzt auf teamorientiertes, sozial kompetentes und wertschätzendes Verhalten. Da sind viele Alpha-Männer schlicht überfordert.

Die Anzeichen mehren sich, dass die fetten Jahre für die harten Kerls im Vorstand vorbei sein könnten. Spätestens seit der Versicherungsriese Ergo durch eine Budapester Sauna gehörig ins Schwitzen kam, sind Vögel-Feten auf Firmenkosten in Verruf. Wenn nun außerdem Führungsfrauen ihren Weg in die Vorstände finden, muss außerdem das Repertoire der Witze zur Auflockerung dröger Meetings dringend erneuert werden.

Hinzu kommen prominente Verfehlungen aus dem eigenen Lager - und da wird's teilweise kriminell. Berlusconi richtet lüstern sein Land zugrunde. Und auch wenn sich ein Vorstandsmacho nicht automatisch den Vorwurf der Vergewaltigung einhandelt, ahnt mancher bereits, dass der Fall Strauss-Kahn für Alphatiere ist, was Fukushima für die Atomkraft wurde: der Anfang vom Ende.

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Job-Exoten: Allein unter Frauen

Am 17. Oktober trifft sich Familienministerin Kristina Schröder erneut in Berlin mit den Personalvorständen der 30 großen börsennotierten Konzerne. Jedes Unternehmen will nach einem halben Jahr Vorbereitung eine individuelle Strategie präsentieren, wie der Anteil von Frauen in Führungspositionen erhöht werden soll.

Erwartet werden Selbstverpflichtungen ohne Einheitsquote, deren Grundproblem Daimler-Chef Dieter Zetsche kürzlich wie folgt beschrieb: "Wenn ich höre, dass in drei, vier Jahren 40 Prozent auf den Führungsposten Frauen sein sollen, dann verraten Sie mir bitte: Wohin soll ich all die Männer aussortieren? Alle zwangsweise in Rente schicken, damit überhaupt so viele Stellen frei werden?"

Doppel-Quiz: Frauen vs. Männer

Gerade die Alphatiere fragen sich also: Was wird aus mir? Doch Männer, die bisher dafür sorgten, dass das Geschäft brummt - koste es, was es wolle - geben nicht einfach auf. Sechs Strategien für Alphatiere sind bereits jetzt erkennbar und im Einsatz.

Alpha-Strategie "Vorstand für Gedöns"

Wird derzeit eine Frau in den Vorstand berufen, dann auffallend oft für den Personalbereich. Alpha-Männer meiden dieses Ressort für "Gedöns", wie es Gerhard Schröder in Anlehnung ans Familienministerium wohl genannt hätte. Denn es passiert so gut wie nie, dass ein Personalvorstand zum CEO befördert wird.

Eine im April 2011 veröffentlichte Studie des Karriere-Netzwerks LinkedIn über die Vornamen von US-Top-Managern zeigt, was Sache ist: CEOs heißen am häufigsten Peter, Bob, Jack, Bruce oder Fred - und Personalvorstände am häufigsten Emma, Katie, Claire, Jennifer oder Natalie.

Die neue Vorstandsfrau bekommt kein Machtzentrum, sondern die Resterampe. Oder anders gesagt: Jeder Vorstand bekommt seinen Frauenparkplatz. Bei einem großen deutschen Unternehmen umfasst er Personal, Einkauf, Informationstechnik, Immobilien, Rechtsabteilung, Compliance und noch mehr. Die wichtigen Funktionen bleiben bei den Jungs - dort, wo Umsatz, Gewinn und Zukunft gemacht wird.

Alpha-Strategie "Macho-Mannschaft"

Noch sind die Y-Chromosomenträger jenseits der 50 in den Unternehmen so unter sich wie die Fußball-Männer in der Champions League. Doch durch die Quotendiskussion kommt vieles in Bewegung: Plötzlich sitzt eine Frau von außen vor so manchem gereiften Alpha-Männchen.

Wenn der Konzern sie nicht angemessen würdigt, machen gestandene Alphatiere auf eigene Rechnung weiter, immer öfter auch in Deutschland. Harte Themen wie Sanierung, Fusion oder Unternehmensverkäufe eignen sich besonders. Man formt eine Mannschaft aus zu allem fähigen Kumpels, und dann zeigt man, wie gut man es noch draufhat.

Zwar gilt der Testosteron-Antrieb in der Geschäftswelt zunehmend als Auslaufmodell. Doch die Old Boys wissen: Wir sind unverzichtbar, sobald die Welt gerettet werden muss - oder auch nur die Firma. Denn harte Knochen sind immer dann willkommen, wenn die Zahlen so richtig im Keller sind. Wie zuletzt bei Air Berlin, als sie Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn riefen.

Alpha-Strategie "Lerne klagen, ohne zu leiden"

Alpha-Manager zwischen 30 und 40 haben andere Probleme: Sie fürchten, dass sie nicht mehr wie gewohnt zum Zuge kommen. Denn inzwischen haben viele Personalberater die strikte Order, passende Frauen als Kandidatinnen für herausgehobene Jobs zu finden.

Für die Jüngeren bietet sich die Strategie der "Klagemauer" an. Der Rechtswissenschaftler Jan Lüttringhaus, Forscher am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht, formuliert es nüchtern: "Auch eine umgekehrte Diskriminierung ist eine Diskriminierung." Manche Anwälte sehen deshalb gute Siegchancen und spähen bereits nach entrechteten Mandanten. Ihr Argument: Um Quotenforderungen schon rein rechnerisch auch einlösen zu können, müssten die zahlenmäßig stärker vertretenen Männer bei gleicher Qualifikation benachteiligt werden - ein Beförderungsverbot durch die Hintertür.

Für Top-Manager wie Dieter Zetsche von Daimler ist das schlicht "Unsinn", und in der "FAZ" stellte er klar: "Wir heben den Frauenanteil im Führungskreis jedes Jahr um einen Prozentpunkt. Das bedeutet, dass wir in einem Drittel aller Besetzungen weibliche Kandidaten einsetzen - bleiben also zwei Drittel für die Männer." Da rechnen richtige Alpha-Männer noch mal nach und kommen auf einen Verlust von 33 Prozent. Das ist doch ein Klagegrund, oder?

Alpha-Strategie "Der Frauenversteher"

Eine andere Strategie sieht genial aus, ist aber in Wirklichkeit brandgefährlich: die Positionierung als oberster Frauenversteher. Der bringt Frauen in wichtige Positionen, was ihm viel öffentliche Aufmerksamkeit und Lob einträgt. Wenn zum Beispiel ein Vorstandsposten gerade unbesetzt ist, ernennt er schon mal vorab eine Frau als rechte Hand des Ressorts - es gibt ja derzeit keinen Mann, der widersprechen könnte.

Ist der Neue dann an Bord, hat er eigene Vorstellungen. Es dauert nicht lange, und die Frau springt über die Klinge. Derweil tingelt der Frauenversteher über die Personalmessen und Podiumsdiskussionen und sucht weiter händeringend Frauen, die Karriere in seinem Konzern machen wollen.

Das gefährliche daran: Irgendwann merkt die Welt da draußen, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, erst die Frauen, dann auch die Männer. Und obwohl er gerne weitergemacht hätte, wird der Vertrag des Frauenverstehers schließlich nicht verlängert. Das Ressort führt jetzt womöglich eine Frau.

Alpha-Strategie "Alpha-Frauen anheuern"

Wenn eine Frauenquote kommt, dann kann sie zum Karriere-Turbo werden für eine Gruppe, die selbst Alpha-Männer ernst nehmen, nämlich Alphafrauen. So wie in Norwegen, als durch die 40-Prozent-Frauenquote für die Führungsebenen der Unternehmen die Nachfrage das Angebot überstieg.

Es geschah, was Soziologen mit Blick auf die Bibel den "Matthäus-Effekt" nennen: Wer hat, dem wird gegeben. Wer etwa als Aufsichtsrätin bereits ein Mandat hatte, erhielt noch weitere Angebote. Das führte unter anderem bei rund 70 Frauen dazu, dass sie auf fast 300 Führungspositionen in norwegischen Unternehmen berufen wurden - jede der Managerinnen übernahm im Schnitt vier Posten gleichzeitig.

Dabei wurden weniger Beruf und Familie miteinander vereinbart, sondern Beruf und Berufung. Doch die Alpha-Männer waren zufrieden: Lieber eine Powerfrau zu einem Viertel als eine ganz normale Frau, die dauernd da ist.

Alpha-Strategie "Christian Wulff"

Wer als Alphatier unter einer starken Frau etwas werden will, braucht die richtige Strategie. Kampf bedeutet oft Verlust - das können mehrere CDU-Männer bestätigen, die gegen Angela Merkel verloren haben. Mehr Weitblick bewies dagegen Christian Wulff als Ministerpräsident, denn er hielt sich an ein altes DDR-Motto: überholen, ohne einzuholen.

Schon 2008 kam er in einem Interview wie zufällig darauf zu sprechen, dass er "kein Alphatier" sei. Bundeskanzler zu werden, traue er sich nicht zu, und auch Minister in der Bundesregierung wolle er nicht werden ("Auf mich wartet in Berlin niemand"). Was viele Männer falsch verstanden, verstand eine Frau genau richtig. Kanzlerin Angela Merkel wusste, was sie an ihrem loyalen Diener hatte. Als richtig Not am Mann war, wurde Christian Wulff als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominiert und gewählt.

Übrigens, diese Form der Arbeitsteilung funktioniert bei Pferden bereits seit langem. Dort hat der Alpha-Hengst immer dann seinen großen Auftritt, wenn es ums Kämpfen geht: gegen andere Hengste oder gegen Feinde von außen. Aber die Führung der Herde übernimmt immer eine Stute.

Alexander Ross ist Wirtschaftsjournalist und Buchautor. Er arbeitete als Manager im In- und Ausland, hatte Frauen als Chefs und Alphatiere als Kollegen.