Berufetest: Elf Jobs, die schlimmer sind als Ihrer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Berufetest Elf Jobs, die schlimmer sind als Ihrer

Was sind Sargträger für Menschen? Wovor ekeln sich Putzfrauen? Und was erleben Sexshop-Angestellte bei der Arbeit? Der Berliner Autor Tobias Kurfer wollte es wissen. Er hat sich probeweise ausbeuten lassen - und ein Buch geschrieben übers Schämen, Scheitern und Durchhalten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Fotostrecke

Horrorberufe-Test: Elf Jobs, die schlimmer sind als Ihrer

Foto: Thomas Burkhardt/ dpa

Vom Tellerwäscher hat er es zum Sargträger gebracht. Klomann ist er auch geworden, ebenso wie Hundesitter, Sexshop-Aushilfe, Erschrecker. Und Autor. Denn Tobias Kurfer hat über seine Erfahrungen in solchen Aushilfsjobs ein Buch veröffentlicht. In "Horrorjobs - wie ich mich probehalber ausbeuten ließ" (Fischer Taschenbuch Verlag) erzählt der Berliner über die Arbeit in Berufen, von denen als Kind wohl niemand geträumt hat. Warum man sich sowas antut? "Ich fand das einfach spannend", sagt Kurfer, 36. "Wie eine Parallelwelt."

Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung arbeiten mehr als zehn Millionen Deutsche in Teilzeitjobs. Für jeden fünften ist das eine Notlösung, weil er keine Vollzeitstelle findet. Die Klofrau, mit der Kurfer sich eine Schicht teilte, hat zwar einen Vollzeitjob. Weil aber das Geld in ihrem Hauptberuf als Erzieherin nicht reicht, geht sie nach getaner Arbeit noch Toiletten schrubben.

Früher hat Kurfer einer Klofrau ab und an keine 50 Cent hingelegt - "wahrscheinlich passiert mir das so schnell nicht wieder". Also ein Plädoyer für Mindestlohn? "Selbstverständlich", sagt er. "Ich finde, dass Mindestlohn als Zeichen wichtig und richtig wäre."

Auch er selbst hat im Niedriglohnsektor Erfahrung. Privat arbeitete der gebürtige Bayer schon in gut zwanzig verschiedenen Nebenjobs: Er nahm Leergut in einem Supermarkt an, kratzte Tapeten von Wänden, reinigte bei einem Bulettenbrater nächtelang Frittierfettbottiche und Fettabscheidesiebe. Während des Studiums lobpreiste er auch die Vorzüge von Fernsehzeitschriften-Abos oder zählte im Baumarkt verzinkte Feingewinde-Zylinderschrauben - was man eben so tut, um irgendwie über die Runden zu kommen.

"Perverse Lust an der Selbstkasteiung"

Nach der Uni wurde Kurfer freier Mitarbeiter beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und war "selig: Nie wieder würde ich mich in Nebenjobs verdingen müssen". Es kam ganz anders - weil ein Redakteur von "Das Magazin"  anrief und ihn zu einer Kolumne über skurrile Nebenjobs überredete. Seine erste Reaktion: "Mich schinden lassen? Irgendwelcher nervtötenden, unterbezahlten Arbeit nachgehen? Nein, unmöglich." Nach etwas Bedenkzeit spielte Kurfer mit. Und entdeckte, dass neben dem journalistischen Interesse auch eine "gewisse perverse Lust an der Selbstkasteiung" in ihm wohnte, ein sportiver Eifer, seine Grenzen auszuloten.

Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf. Aus der Kolumne wurde später sein Buch. Unterhaltsam, wenn auch mit viel anekdotischem Anlauf und manchmal etwas fahrig erzählt Tobias Kurfer darin über elf Jobs, in denen er anheuerte - vom Fußballmaskottchen bis zum Kinderanimateur, vom Erschrecker in der Geisterbahn bis zum Museumswärter (siehe Fotostrecke).

Manche Tätigkeiten waren ihm peinlich, andere anstrengend oder auch sterbensöde. Ob es sich um Horrorjobs handele, sei immer eine Frage der persönlichen Definition: "Wenn Sie fanatischer Fußballfan sind, kann auch der Fußballmaskottchen-Job die Erfüllung sein." Er selbst fand es eher anstrengend - "Sie sehen nichts, Sie hören nichts, Sie stolpern ständig über Ihre eigenen Füße."

Tageskarte für den Sexshop

Besonders kurios wurde es für den 36-Jährigen im Sexshop. "Um zehn Uhr morgens war da die Hütte voll - und damit meine ich nicht den Shop, sondern das Kino." Ein Gast laufe manchmal den ganzen Tag nackt durch den Laden. "Es gibt Männer, die ziehen vormittags an einem Wochentag eine Tageskarte, verbringen dort Stunden, gehen kurz essen, und kommen dann wieder zurück."

Welche Arbeit die Schlimmste ist, da will sich Kurfer nicht festlegen. An der Redensart "Vom Tellerwäscher zum Millionär" sei zumindest nichts dran. "Das hat nichts mit der Realität zu tun." Aber: "Jeder Job kann ein Horrorjob sein, wenn Sie einen Vorgesetzten haben, der Sie gängelt. Oder wenn Sie Kollegen haben, die Sie mobben."

Während sich eine vermeintlich harmlose Stelle als Museumswärter als Knochenjob herausstelle ("Es ist so hart, weil es so langweilig ist"), beeindruckten Kurfer die Sargträger ("ziemlich schweigsame Leute") hingegen sehr. "Gerade wegen dieser Würde, die sie auch bei Beerdigungen zeigen, bei denen kein Publikum ist."

Ob er jemals ein Übernahmeangebot bekommen hat? "Nee, nee. Und wahrscheinlich hätte ich es auch ausgeschlagen." Eines steht für ihn fest: keine "Horrorjobs" mehr. Auch nicht auf Probe.

Antonia Lange, dpa/jol

Mehr lesen über