Hanseatische Materialverwaltung: Ein Riesen-Fundus für Kreative
Hamburger Kreativprojekt Kunst auf Lager
Wie ein Matrose steht der beinah hagere Mann mit Vollbart auf dem Bug des Segelschiffs und löst Schrauben und Seile am vorderen Mast. Nach ein paar Handgriffen schiebt er den Mast weiter hinaus. "Das ist echte Handwerkskunst. Beweglich und doch alles verleimt. Da knarrt nichts!"
Mit wehenden Haaren kommt Jens Gottschau hinter dem Schiffsbug hervor, der Blick konzentriert, der Gang aufrecht. Der Schiffsbug steht in der 700 Quadratmeter großen Lagerhalle der Hanseatischen Materialverwaltung (HMV) im Hamburger Oberhafen. Er stammt aus den Beständen des Hamburger Schauspielhauses. Speziell für ein Theaterstück handgefertigt, stabil und von höchster Qualität. In Hochregalen, die bis unter die Decke reichen, stapeln sich in unmittelbarer Nähe Unmengen von Plastikblumen, künstliche Edamer-Laibe, Lampen, alte Tastentelefone, Puppen und vieles mehr. Gottschau führt zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Petra Sommer durch die Halle. "Aktuell sind wir ein wenig abgegrast", sagt er und blickt auf die Regale, die alles andere als leer aussehen.
Was auf den ersten Blick wirkt wie ein umfangreicher Fundus für Theater- oder Filmschaffende, ist in Wirklichkeit eines der spannendsten Kulturprojekte der Hansestadt und könnte für viel Bewegung in der hiesigen Kulturszene sorgen. Die HMV macht sich die Wegwerfmentalität zunutze. Im Normalfall werden benutzte Requisiten, Bühnenbilder, Messestände und Material von Werbe- und Filmdreharbeiten einfach entsorgt oder landen bestenfalls in einem Lager. "Die Materiallager in deutschen Theatern funktionieren nach dem Prinzip: Vorne reinstopfen - und wenn hinten kein Platz mehr ist, werden die Sachen weggeschmissen", sagt Gottschau.
Schätze aller Art, eine Insel der Kreativität
Die HMV nimmt sich all dieser Schätze an. Entweder holt sie die Requisiten mit dem firmeneigenen Laster samt Anhänger ab, oder die Unternehmen liefern das Material selber an. Danach vermittelt die HMV die Sachen weiter - an Schulen, Kindergärten, Studenten, Theater. Auf diese Art fanden beispielsweise ein Märchenküchenherd und eine Schatzkiste aus dem Sankt Pauli Theater ein kurzfristiges neues Zuhause beim Märchenwald-Sommerfest einer Kita. Ein drei Meter hohes Gotik-Triptychon sowie vier Kirchenbänke aus dem Hamburger Schauspielhaus kamen beim Musical einer Kinder- und Jugendkantorei zum Einsatz.
Projekte, die das Angebot der HMV nutzen wollen, müssen sich vorstellen und werden dann in eine von drei Kategorien eingeteilt: förderungswürdig, bedingt förderungswürdig und kommerziell. Die Kategorie bestimmt den Abgabepreis für den Verleih oder Kauf der Materialien. Manche besonders zu fördernde Einrichtungen erhalten Gegenstände sogar kostenfrei. Eine Bedingung für alle geförderten Projekte: Die Verwendung muss in Wort und Bild dokumentiert werden. Der Clou für die Kulturszene: Die Differenz zwischen dem Abgabepreis für den kommerziellen Einsatz der Materialien und dem Abgabepreis für förderungswürdige Einrichtungen ergibt das sogenannte Fördergeld.
Zehn Erfolgsgeschichten: Gut gegründet
Ein Beispiel anhand des Märchenküchenherds: Sein Wert beträgt bei einem Kauf 250 Euro. Wer ihn leiht, muss 20 Prozent davon bezahlen. Die Kita als förderwürdige Einrichtung bekam den Herd für 10 statt der eigentlichen 50 Euro zur Verfügung gestellt. Dieser Rabatt über 40 Euro ist das Fördergeld, mit dem die HMV die Hamburger Kulturschaffenden unterstützt hat.
Sommer und Gottschau sitzen mittlerweile in ihrer Tiffi. So tauften sie ein elfeinhalb Meter langes Wohnmobil, das sie für einen Freundschaftspreis erstanden und zu einem recht spartanischen rollenden Büro umgebaut haben. Pressspan dominiert auf dem Boden und an den Wänden. Im Heck ist die Buchhaltung, an den Fahrersitz grenzt eine kleine Sitzecke, in der Sommer und Gottschau entspannt eine Zigarette nach der anderen rauchen.
"Der hat schon lange die gleiche Idee wie du"
Zum ersten Mal getroffen haben sich die beiden im Dezember 2011 in einem Café in Hamburg. Eine gemeinsame Freundin stellte sie einander mit den Worten vor: "Petra, das ist Jens. Der hat schon lange die gleiche Idee wie du." Zwar betrachteten der freie Künstler und die Filmausstatterin damals das Thema Materialverschwendung aus verschiedenen Blickwinkeln. Während Gottschau eher auf der Suche nach günstigem Arbeitsmaterial war, ärgerte sich die Filmausstatterin Sommer bei ihren Drehs immer über die Wegwerfmentalität.
Um eine gemeinsame Vision zu entwickeln, blieb kaum Zeit, denn die Stadt hatte das perfekte Objekt für beide schon in der Ausschreibung: eine Halle im Oberhafen, als Speerspitze eines neuen Kreativquartiers. Das Problem: Die Frist für das sogenannte Interessenverkündigungsverfahren endete bereits wenig später, im Januar 2012. "Wir haben die Materialverwaltung in acht Tagen erfunden", sagt Petra Sommer stolz. In rund einer Woche stellten sie und Gottschau eine Bewerbung inklusive Namensfindung, Gesellschaftsform, Logo und Businessplan auf die Beine. Die Kulturbehörde und ihre Partner aus der Wirtschaft waren überzeugt.
Bis zur Eröffnung im Mai 2013 arbeiteten die Gründer die folgenden 17 Monate gemeinsam mit Freunden und der Familie ehrenamtlich für ihren Traum, machten einen Gabelstapler-Führerschein, bauten Hochregale aus der Insolvenzmasse eines Elektromarktes auf, sammelten Material und organisierten die Pressearbeit. Über 10.000 Euro Privatvermögen steckten sie jeweils in ihr Unternehmen, zum Leben blieb lediglich Hartz IV. Das gesamte Investitionsvolumen betrug rund 140.000 Euro. Diese Anschubfinanzierung übernahmen zu gleichen Teilen die Kulturbehörde, die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die Hamburg City GmbH und die Kreativgesellschaft.
Um das Geld zu bekommen, mussten Sommer und Gottschau unter anderem Coachings für ihren Businessplan absolvieren - und jede Menge Kalkulationen einreichen, denn die Auszahlung des Geldes erfolgte in Form einer Fehlbedarfsfinanzierung, bei der die einzelnen Beträge jeweils neu beantragt werden. "Unsere allererste Kalkulation passt noch immer am besten", sagt Gottschau. "Wir wollten schon damals keine unrealistische Kalkulation à la Elbphilharmonie einreichen", ergänzt Sommer mit einem Seitenhieb auf den Nachbarn in der HafenCity, bei dem die Kosten geradezu explodierten.
Gründernöte: So viele Excel-Tabellen - "echt abtörnend"
Auf rund 200.000 Euro werden sich die jährlichen Ausgaben der HMV belaufen. Sie setzen sich aus der Miete für die Halle, den Betriebskosten für Laster, Anhänger und Büro, den eigenen Gehältern und dem Lohn für ihre Mitarbeiterin zusammen. Die kümmert sich unter anderem um den Betriebsablauf, die Buchhaltung und die Materialkoordination. Zudem arbeiten zwei ehrenamtliche Mitarbeiter im Oberhafen mit. Finanziert werden soll das Ganze jeweils zu einem Drittel aus den Einnahmen des Verleihs und Verkaufs, durch Spenden und Kooperationen.
Das leidige Thema Finanzierung beschäftigt die Gründer mehr als ihnen lieb ist. Bis zu 40 Prozent seiner Zeit habe er zuletzt mit Fundraising verbracht, schätzt Gottschau. Dafür spricht er Stiftungen, Mäzene und Fördervereine an. "Manchmal sind die vielen Excel-Tabellen echt abtörnend", lautet sein Fazit. Petra Sommer kümmert sich um die Werbe- und Filmwirtschaft, mit der langfristige Kooperationen angestrebt werden. Und so kam den Gründern die Sommerpause an den Theatern ganz gelegen. "Am Anfang kamen immer so rund 20 Kunden pro Tag. Im Sommer hatten wir Zeit für unsere Hausaufgaben", sagt Sommer und lächelt. "Jetzt folgte die Herbstoffensive."
Daneben gegründet: Drei, die in die Falle liefen
Die beiden Gründer haben sich viel vorgenommen: Ein Spendendinner mit der Kultursenatorin und ausgewählten Kulturförderern sowie ein Abend für die Werbe- und Filmbranche sollen neue Geldquellen erschließen. Um den Umsatz weiter anzukurbeln, sollen noch mehr Schulen auf die HMV aufmerksam gemacht werden. Außerdem möchte die HMV Betriebe, die Sperrholz, Styropor und Plexiglas herstellen, gezielt ansprechen. "Diese Verbrauchsmaterialien wurden in der Vergangenheit des Öfteren nachgefragt und wir wollen sie in Zukunft auch bei uns anbieten", erklärt Sommer. Die Vermittlung von Verbrauchsmaterialien zählt für Petra Sommer zu den vielen verschiedenen "Puzzleteilen, die an die richtigen Plätze fallen".
Puzzleteile - ein Wort, das sie immer wieder benutzt, wenn es um die Zukunft der HMV geht. Ein Puzzleteil, das die Finanzierung auf breitere Füße stellt, wurde von einem Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes initiiert. Dieser entdeckte durch Zufall ausrangierte Schaufensterpuppen in der Halle und bestellte gleich mal 33 umgebaute Modelle als Opferpuppen für BKA-Übungen. Parallel zum normalen Betrieb der Materialverwaltung wird dieser Auftrag derzeit in der hauseigenen Werkstatt umgesetzt. Diese wird ehrenamtlich von einem Werkstattmeister betrieben, der von hier aus außerdem seiner regulären Arbeit nachgeht.
Lieblingsstück: Ein Riesenbild vom Urknall
"Wir bekommen zahlreiche solcher Kooperationsanfragen. Doch wir müssen als gemeinnützige GmbH sehr aufpassen, dass wir durch solche Nebentätigkeiten nicht unsere Gemeinnützigkeit aufs Spiel setzen", sagt Jens Gottschau. Und während er über die Feinheiten der Unternehmensform, Fallstricke bei der Finanzierung und die Auswirkungen der niedrigen Zinsen auf Stiftungsvermögen und damit die Förderung neuer Projekte spricht, klopft es an Tiffis offener Tür. Es erscheinen zwei Köpfe, einer davon blutüberströmt. Die Fotografin eines Krimi-Verlags bringt ihre Requisiten zurück. "BKA und Horrorverlag - mit solchen Kunden hatten wir vorab nicht gerechnet", sagt Sommer.
Nach der Zeit der finanziellen Hausaufgaben möchten Gottschau und Sommer jetzt wieder mehr in der Halle sein. "Es ist wichtig, die Balance zu halten zwischen den Sachen, die man machen muss und denen, die einem Spaß machen", sagt Gottschau. Freude bereitet beiden vor allem das Material. Das Lieblingsstück von Gottschau stammt vom ZDF und ist ein riesiges Bild vom Urknall. Sommer liebt dagegen den Löwen, der tagsüber vor der Halle steht. Ein Hamburger Geschäft für Designermode sortierte ihn beim Umbau ihres Ladens in der Innenstadt aus.
"Es gab immer wieder Phasen, in denen wir finanziell und wegen des hohen Arbeitspensums auf Grund gelaufen sind. Doch letztendlich haben uns immer wieder erstaunliche Schicksalsfügungen geholfen", sagt Sommer. So stand zum Beispiel eines Tages ein Lastwagen voller Plastikblumen vor der Halle, und kurz darauf fragten viele Kunden nach künstlichen Blumen. "Wahrscheinlich sind wir deswegen so entspannt", ergänzt Gottschalk und zieht an seiner Zigarette.
Kurz darauf klingelt Tiffis Telefon. Der Lagerleiter von Studio Hamburg. Man wolle das Lager ausmisten. Die Hochregale der HMV werden sich also schnell wieder füllen. Und wenn ebenso schnell Kunden den Weg in den Oberhafen finden, die auf der Suche nach Requisiten aus dem "Großstadtrevier" oder anderen Produktionen von Studio Hamburg sind, würden sich Petra Sommer und Jens Gottschau nicht mehr wundern.
Der Beitrag von Phillip Bittner erschien zuerst im MagazinMagazin "enorm -:Wirtschaft für den Menschen"