Von Beruf Videothekar: Die goldenen Zeiten sind vorbei
Videothekare Pornos reichen nicht mehr für die Miete
Vor ein paar Monaten hatte die FSK-18-Abteilung in Lars Hartlages Osnabrücker Videothek plötzlich großen Zulauf. "Nach dieser Redtube-Abmahnwelle merkte man sofort, dass wieder mehr Pornos ausgeliehen wurden." Die pure Angst habe die Leute zu ihm getrieben, meint Hartlage.
Er ist 24 Jahre alt, eigentlich zu jung, um eine Videothek zu leiten. Seine Generation leiht Filme nicht aus, sie guckt oder bestellt sie im Netz. Die goldenen Zeiten des Videoverleihs kennt Lars Hartlage nur aus Erzählungen. Die goldenen Zeiten, das waren die Achtziger und Neunziger, als jeder Filmfan mindestens einen Videothekausweis besaß. Und in der FSK-18-Abteilung, meist versteckt hinter einem schmuddeligen Vorhang, herrschte oft Hochbetrieb. "Mein alter Chef sagte immer: Von den Pornos haben wir früher die Miete bezahlt."
In Karsten Rodemanns Berliner Videothek findet man überhaupt keine Pornos. "Für unser Publikum wäre es ein Abturner, wenn wir so was hätten." Zwei oder drei Ausnahmen gibt es, der Fellatio-Klassiker "Deep Throat" ist eine davon. Wenn Schmuddelfilm, dann bitte einer, der Kinogeschichte geschrieben hat.
Requisitenfundus: Skalpell bitte, sofort!
Karsten Rodemann bedient in seinem "Videodrom" vor allem das Arthouse-Publikum. Mainstream ist hier nicht Roland Emmerich, sondern Wes Anderson. Bekannt ist die Kreuzberger Videothek dafür, dass sie seltene Filme bietet und ihre Kunden sehr gut berät. Wissenslücken in der Filmgeschichte dürfen Rodemanns Mitarbeiter nicht haben: "Wenn jemand sagt, er möchte einen Film von Stroheim haben, dann dürfen meine Angestellten nicht fragen: Von wem?" Für alle Nicht-Cineasten: Erich von Stroheim war ein gebürtiger Österreicher, der in den zwanziger Jahren zu den führenden Regisseuren in Hollywood gehörte.
Habt ihr Filme, die in Supermärkten spielen?
Weil Karsten Rodemann viele Kunden aus der Filmbranche hat, können die Anfragen sogar noch spezieller ausfallen. "Am Wochenende war jemand da, der nach Filmen aus den letzten zehn Jahren gesucht hat, die in Supermärkten spielen."
Lars Hartlage steht gerade einem Stammkunden gegenüber, der den Film "Licht im Dunkel" ausleihen möchte. "Tut mir leid... den habe ich nicht", sagt Hartlage nach kurzer Recherche. "Licht im Dunkel" ist ein amerikanisches Drama aus dem Jahr 1962 und handelt von der Beziehung zwischen einer sehbehinderten Lehrerin und einem taubblinden Mädchen. In einer World-of-Video-Filiale nach so einem Film zu fragen, das muss man sich erst mal trauen.
Für jeden Kunden ist hier sofort sichtbar, worauf Hartlage setzt: Neuheiten. Die aktuellen Blockbuster stehen in zwanzigfacher Ausgabe nebeneinander im Regal. Sobald der große Run vorbei ist, verkauft der Videothekar die meisten Filme zum kleinen Preis und behält nur zwei oder drei Exemplare für den Verleih. Handelt es sich um eine Filmreihe, bunkert er mehr: "Wenn der zweite Teil vom Hobbit im Kino läuft, wollen ganz viele Kunden wieder den ersten Teil sehen."
Auch nach dem Fernsehprogramm müsse er sich richten, sagt Hartlage. Zeigt ProSieben einen Film der "Twilight"-Reihe, kommen in den nächsten Tagen viele Kunden - in diesem Fall: Kundinnen - und wollen den Film ausleihen. Wahre Horden von Frauen würden übrigens bei ihm auftauchen, wenn im Fernsehen Fußball läuft. "Die machen dann einen Mädelsabend und besorgen sich hier die Romanze dafür." Bestückt Hartlage also an Champions-League-Abenden eine Wand nur mit DVDs von "Pretty Woman"? "Nein", sagt er lachend, "den haben die alle eh schon zu Hause."
Hoffentlich scheidet Deutschland bei der WM aus
Auch Karsten Rodemann lacht, wenn man mit ihm darüber spricht, welche Folgen Fußballübertragungen für sein Geschäft haben. Allerdings schwingt bei ihm auch Verzweiflung mit: "Ich wünsche mir bei jeder WM oder EM, dass Deutschland so früh wie möglich ausscheidet!" Arthouse-Publikum hin oder her - während großer Fußballturniere herrscht in seiner Videothek große Flaute.
Dass die Branche auch außerhalb der Public-Viewing-Monate leidet, hat Karsten Rodemann inzwischen ebenfalls zu spüren bekommen. Früher hatte er vier Mitarbeiter, jetzt sind es nur noch zwei. "Gerade in den Sommermonaten frage ich mich manchmal schon, wie das weitergehen soll." Einen Plan B hat er nicht, für Karsten Rodemann ist sein Beruf eine Passion. "Ich will so lange weitermachen wie möglich."
Dasselbe Motto hat Lars Hartlage, auch wenn er seinen Job nicht als Berufung empfindet. Eigentlich war er nur die Aushilfe, doch dann ging sein Chef vor einigen Jahren Pleite. "Der Insolvenzverwalter fand mich irgendwie gut und fragte, ob ich nicht den Laden übernehmen will."
Hartlage wollte und hat inzwischen selbst drei Aushilfen. Trotzdem steht er 55 bis 60 Stunden pro Woche hinter dem Tresen. "Ich denke, in der Selbständigkeit ist das normal."
Hoffnung macht dem 24-Jährigen, dass er in letzter Zeit die ersten Kunden in seinem Alter begrüßen durfte. Hat er dafür eine Erklärung? "Die meisten haben heute sehr gute Fernseher und sind eine viel bessere Qualität gewohnt, als ihnen die Streams im Internet bieten."
Lars Hartlage ist zuversichtlich, dass seinem Gewerbe ein ganz kleiner Aufschwung bevorsteht. Die Zeiten aber, in denen Videothekare von Pornos die Miete bezahlen konnten - die kommen mit Sicherheit nicht wieder.
KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Steinkuhl ist freier Journalist und lebt in der Nähe von Osnabrück.