Nachricht vom Tod: Ansager sagen Nachbarn, wer gestorben ist - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Ansager auf dem Dorf: "Ich komme des Todes wegen"

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

Ansager für Verstorbene Todesannonce auf zwei Beinen

Gute Nachrichten haben sie nie, Aufgaben zu verteilen schon: Ansager informieren Nachbarn, wenn jemand im Dorf gestorben ist. Sie hören zu, spenden Trost - und klären, wer bei der Beerdigung den Sarg trägt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Bernhard Jütting in Schlips und Kragen vor der Haustür an der Tür klingelt, heißt das oft nichts Gutes. Der 55-Jährige ist Ansager im ostfriesischen Dorf Nortmoor. "Wenn ich komme, komme ich des Todes wegen", sagt der pensionierte Standesbeamte.

Stirbt im Dorf jemand, zieht Jütting ein weißes Hemd und einen dunklen Anzug an, bindet die schwarze Krawatte um und geht von Haus zu Haus. "Moin", sagt er dann. Erstmal. Und dann, dass er leider mitteilen müsse, dass der Nachbar gestorben sei. Er sagt aber auch, wann die Beerdigung stattfindet - und fragt nach, wer beim Sargtragen oder bei der Teetafel helfen könne. Jütting ist personifizierte Todesanzeige und Organisator in einem.

Ansager, auch Leichenbitter genannt, gab es lange Zeit in Deutschland, vor allem auf dem Dorf in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Manchmal übernahm spontan der nächste Nachbar des Verstorbenen die Aufgabe, manchmal der Küster, in einigen Gemeinden verdienten sich arme Witwen so etwas dazu.

Fotostrecke

Kuriose Todesanzeigen: "Und am Anfang war er so beliebt..."

Foto: Kiepenheuer und Witsch

"Die Ansager waren vielerorts eine Frühform des Bestatters, sie haben auch das Einsargen und die Leichenwäsche übernommen", sagt Norbert Fischer, Professor für Volkskunde an der Universität Hamburg. Sie hätten sich um den Termin für die Beerdigung gekümmert, um das Läuten der Kirchenglocken und darum, dass das Grab geschaufelt wurde. "Ansager zählten häufig zu den ärmeren Schichten", berichtet Fischer. Nicht jeder habe den Job machen wollen.

Heute gehen nur noch selten Ansager von Haus zu Haus. Sie sind im Auftrag eines Bestattungsinstituts unterwegs, so wie Jütting, der dort einen Minijob hat.

Stirbt jemand, nennt die Familie des Toten dem Bestatter die Straßen, in denen angesagt werden soll, und der wiederum schickt Jütting los. 15 bis 20 Häuser hat der Mann mit dem grauen Haar und der kräftigen Statur im Schnitt auf der Liste. Sie abzulaufen dauert etwa einen Nachmittag - auch weil er häufig in die Küche gebeten wird. Zum Reden. Dann geht es um die Todesumstände oder darum, wer den Hof übernimmt. Manchmal auch um die großen Fragen rund um Leben und Tod.

Er wisse schon, dass seine Aufgabe für manche einen negativen Beigeschmack habe, sagt Jütting. Dass einige Leute sich womöglich erschreckten, wenn er in feierlicher Kleidung durch das Dorf gehe. "Aber ich sehe das so: Der Tod gehört zum Leben dazu. Mit dem Ansagen helfe ich der Familie und erweise dem Verstorbenen einen letzten Dienst."

Im Grunde würde heutzutage eine Todesanzeige in der Zeitung reichen, um über einen Todesfall zu berichten. Doch in einigen ostfriesischen Dörfern hielten die Familien eben noch am Ansagen fest, berichtet Bestattungsunternehmer Martin Wassink. "Je stabiler die Dorfstrukturen, je alteingesessener die Familien, desto selbstverständlicher ist das Ansagen."

Das Ansagen helfe dabei, das Dorfgefühl zu stärken, meint auch Jütting. "Wenn die Nachbarn Besuch vom Ansager bekommen, werden sie mehr mit einbezogen in den Umgang mit dem Todesfall. Es geht sie mehr an, als wenn sie es nur aus der Zeitung erfahren", sagt der gebürtige Nortmoorer. "Und wer kann ablehnen, wenn der Ansager persönlich darum bittet, bei der Beerdigung zu helfen?"

Katrin Aue/dpa/ant