Tierische Karrierestrategien: Aufsteigen wie die Affen
Karriere-Tipps aus dem Tierreich Grunzen Sie Ihren Chef unterwürfig an
Cholerische Chefs, unterwürfige Untergebene, klüngelnde Kollegen - wenn Dominic-Nicolas Gansen-Ammann, 33, seiner Arbeit nachgeht, taucht er tief ein in den deutschen Unternehmensalltag. Der Wirtschaftspsychologe von der Kölner Fachhochschule Fresenius erforscht Macht und Einflussnahme in Organisationen.
"Der Mensch lebt, gerade im beruflichen Kontext, in Hierarchien", sagt er. Weil Verhalten erlernbar ist, interessierte ihn die Frage, wie unsere nächsten Verwandten das machen - die Affen. "Und ob wir uns von denen vielleicht Karrierestrategien abgucken können."
Zwei Affenarten suchte sich Gansen-Ammann dafür aus: Schimpansen und Bonobos. Über deren Netzwerk-Aktivitäten gibt es bereits Untersuchungen von Verhaltensforschern. Seine Erkenntnisse trägt der Psychologe im schwülwarmen Affenhaus des Kölner Zoos auf der Wissenschaftswoche der Stadt vor. Tapfer schwitzt er im Jackett und erklärt vor dem Bonobo-Gehege seine Theorie.
Tiere als Karrierehilfe: Esel im Führungsseminar
"Die Schimpansen leben in männlich geprägten Kulturen, da werden Hierarchien oft durch Drohungen, Zähnefletschen und Gewalt ausgehandelt", erklärt er. Bei den Bonobos dagegen, deren Rudel von den Weibchen beherrscht werden, stehe eher das Teilen von Futter und die Kooperation im Mittelpunkt: "Da stellte sich für mich natürlich die Frage, welche Aufstiegsstrategien erfolgreicher sind."
Netzwerke gegen Oberaffen
Die Antwort fällt überraschend eindeutig aus: "Machen Sie es wie die Bonobos", rät Gansen-Ammann. Wie auf Bestellung kreischt in diesem Moment ein Weibchen hinter ihm. Erst dann kann er weiter erklären: Untersuchungen in Schimpansengruppen hätten gezeigt, dass sich ein starkes Alphatier nur an der Macht halten kann, solange die schwächeren Untergebenen sich nicht zusammenschließen. Gegen ein gutes Netzwerk jedoch könne auch ein zähnefletschender Oberaffe nichts ausrichten, "und diese Prinzipien der Koalitionsbildung können problemlos auf Verhaltensweisen im Berufsalltag übertragen werden".
Kurz gesagt: freundlich sein zu Kollegen und Vorgesetzten, zusammenarbeiten, kommunizieren. Heißt das, man muss das Frühstücksbrötchen mit allen teilen und dem Chef mal eine Weile den schütteren Haarschopf kraulen, so ganz nach Bonobo-Art? "Wir nennen das zwar Lausen, aber es geht den Affen nicht um Körperpflege, sondern um Kontakt und damit letztlich auch um Hierarchiebildung", erklärt der Wissenschaftler.
Ein Fünftel des Tags in direktem Körperkontakt
Schimpansen und Bonobos würden bis zu einem Fünftel ihrer wachen Zeit in direktem körperlichem Kontakt mit Artgenossen stehen. "Beim Menschen hat sich das im Wesentlichen auf den Handschlag zur Begrüßung und zur Verabschiedung reduziert", sagt Gansen-Ammann. Er empfiehlt aber ausdrücklich nicht, diese soziale Konvention im Alleingang zu durchbrechen und mit Vorgesetzten und Kollegen auf Kuschelkurs zu gehen.
Gegenseitige Hilfsbereitschaft und Unterstützung aber seien schon erlaubt - und sogar zu empfehlen. "Untersuchungen zeigen, dass der Zusammenhang zwischen der eigenen Fachkompetenz und dem Status auf der Karriereleiter überschätzt werden." Viel stärker wirkten das eigene Ansehen und die Vernetzung im beruflichen Umfeld. Im Zusammenspiel führten diese beiden Faktoren zum Aufstieg.
Vorteile habe außerdem, wer unterschiedliche Karrierestrategien beherrscht und je nach Situation einzusetzen weiß. "Wenn es sein muss, kann man schon mal drohen und sich auf die Brust trommeln."
Eine Fähigkeit sollten Menschen dabei aber auf keinen Fall vernachlässigen: das rationale Taktieren, in Diskussionen etwa durch eine schlüssige Argumentation. "Das ist ein entscheidender Unterschied gegenüber den Rangkämpfen in einem Affenrudel."
Den größeren und nachhaltigeren Einfluss als die Dominanz-Strategie würden die weichen Taktiken entfalten: "Schmeicheln, Loben, Anerkennen - und bei einem ausgeprägten Schimpansen-Chef vielleicht auch mal unterwürfiges Hecheln und Grunzen", empfiehlt Gansen-Ammann. Zumindest so lange, bis das Netzwerk stark genug ist, um den Affen auf dem Chefsessel abzusetzen.
Armin Himmelrath (Jahrgang 1967) ist Wissenschafts- und Bildungsjournalist mit einem Faible für eher abseitig erscheinende Forschungsthemen - etwa rund um den Fußball. Darüber hat er das Buch "Macht Köpfen dumm? Neues aus der Fußball-Feldforschung" (Herder, 2006) geschrieben.