Bank, Steuern, Versicherung: Berufsstart-Beratung im Selbstversuch - DER SPIEGEL
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Berufsstart: Hilfe, ich habe keine Ahnung

Foto: Fredrik von Erichsen/ dpa

Berufsstart-Beratung Frau Quast macht mir Angst

Es muss ja doch sein: Irgendwann müssen Berufseinsteiger sich tapfer diesem öden Erwachsenenkram stellen. Bank, Steuern, Versicherungen, Altersvorsorge - ein Parcours des Schreckens. Ann-Kathrin Nezik ist losgezogen und hat sich bis zur Ratlosigkeit beraten lassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Dokumente meines Erwachsenenlebens passen in zwei Aktenordner: Mietvertrag, Krankenkassenbescheid, Kontoauszüge. Man kann sagen: Die Zeit nach meinem 18. Geburtstag war Erwachsensein light. Post von der Versicherung landete im Briefkasten meiner Eltern, Umschläge meiner Bank enthielten meist Werbeprospekte statt Kreditkartenabrechnungen. Und wenn der Briefträger ein Schreiben vom Finanzamt durch den Türschlitz warf, heftete ich es ganz hinten im Ordner ab, das leichte Unwohlsein in der Magengegend ignorierte ich.

Ich fürchte, so kann es nicht weitergehen. Denn seit kurzem klemmt zwischen Seminarscheinen und Praktikumsverträgen mein Abschlusszeugnis. Wenn ich Glück habe, fange ich bald meinen ersten Job an. Ob es mir gefällt oder nicht, ich muss vom Light- in den Vollmodus schalten.

Das Problem ist nur, dass der ganze Erwachsenenkram mir so angenehm ist wie ein Zahnarztbesuch. Ich habe null Verständnis für Geld, Versicherungen halte ich für überbewertet, Formulare für die Steuererklärung finde ich verständlich wie eine Doktorarbeit in Quantenphysik. Aber jetzt muss es wohl sein.

Deshalb steht mein Plan - ich klappere drei unausweichliche Stationen auf dem Weg ins Erwachsenenleben ab: Versicherungsvermittler, Bank- und Steuerberater. Ich will wissen, um was ich mich unbedingt kümmern muss - und was ich weiterhin ignorieren darf. Außerdem möchte ich herausfinden, was passiert, wenn eine Dilettantin wie ich auf Experten trifft. Ob ich nachher schlauer bin oder noch mehr Panik schiebe - und ob die Fachleute meine Naivität ausnutzen.

Station 1: Kriminell bin ich nicht, sagt die Steuerberaterin

Die Expedition beginnt bei Frau Quast. Vor ihr fürchte ich mich am meisten. Jetzt sitzt sie in einem roten Ledersessel vor mir, Mitte dreißig, attraktiv - ich frage mich, wie sie sich ausgerechnet für Steuern begeistern kann. Neben mir liegt mein gepunkteter Jutebeutel, in den ich zu Hause noch schnell meine Unterlagen gestopft habe: Abrechnungen, Lohnsteuerkarten, Briefe vom Finanzamt. Keine Ahnung, was ich davon brauche.

Der Grund für meine Angst vorm Steuerberater ist ein Besuch beim Finanzamt vor ein paar Monaten. Weil ich während des Studiums vor allem frei gearbeitet habe, hielt ich es für eine gute Idee, mich als Freiberuflerin steuerlich anzumelden. Auf dem Amt musste ich ein mehrseitiges, ziemlich kompliziertes Formular ausfüllen. Bei den meisten Fragen habe ich schlicht geraten. Seitdem habe ich Angst, mich unabsichtlich als Steuersünderin strafbar gemacht zu haben.

Frau Quast beruhigt mich. Umsatzsteuer müsse ich nur dann zahlen, wenn ich im ersten Jahr als Freiberuflerin mehr als 17.500 Euro Umsatz mache - in meinem Fall utopisch. Beim Gehalt überweist der Arbeitgeber automatisch die Steuern an das Finanzamt. Ich bin verwirrt - woher soll ich im Voraus wissen, wie viel ich verdiene? Frau Quast rät mir, zur Sicherheit eine Steuererklärung für die letzten beiden Jahre zu machen. Darin muss ich alles angeben, womit ich Geld verdient habe - egal ob freiberuflich oder fest. Jetzt zahlt es sich doch aus, dass ich meine Honorarabrechnungen mal mehr, mal weniger ordentlich abgeheftet habe, denke ich.

Frau Quast blättert durch den leicht zerknitterten Papierhaufen. Welche Kosten mir durch meine freiberufliche Arbeit entstünden, will sie wissen. Auch wenn ich nicht mehr benötige als Laptop, Telefon und Gehirnschmalz, könnte ich als Journalistin eine Betriebskostenpauschale abrechnen. Guter Tipp.

Aber eigentlich war ich aus einem anderen Grund hergekommen: Ich wollte meine Unterlagen bei Frau Quast abladen und sie nie wiedersehen. Das kann ich vergessen. "Ich fürchte, wir sind ein bisschen teuer", sagt Frau Quast. Wenn sie die Steuererklärung komplett für mich übernähme, könnten locker ein paar hundert Euro zusammenkommen.

Viel schlauer bin ich nicht, als ich meine Unterlagen wieder in den Jutebeutel schiebe. Die Steuererklärung macht mir nach wie vor Angst. Aber immerhin weiß ich jetzt, dass ich keine Kriminelle bin. Ich frage Frau Quast, wie viel die halbstündige Beratung kosten wird: 55 Euro, die Rechnung lasse sie mir zuschicken. Erwachsenwerden kostet.

Station 2: Der Bankberater fragt nach Ruhestandsplänen

Auf dem Glastisch vor mir liegt ein Blatt Papier, auf dem mein Leben als diagonale Linie verläuft. Auf der Linie trägt Herr Pöhl mit blauer Tinte die Eckdaten meiner Zukunft ein: "erster Job", "größere Wohnung".

Herr Pöhl, so müssen wir ihn nennen, weil er mit seinem echten Namen lieber nicht in der Zeitung stehen will, ist Berater bei der Berliner Sparkasse und soll mir erklären, wie ich mein Geld anlegen muss, um später nicht als Flaschensammlerin meine Rente aufbessern zu müssen. Er trägt Anzug, eine gegelte Igelfrisur und ist Mitte zwanzig, vor kurzem hat er seine erste Eigentumswohnung gekauft, vollfinanziert.

Und das rät der Experte

Als Erstes möchte Herr Pöhl von mir wissen, wann ich damit rechne, in den Ruhestand zu gehen. Ich starre an die weiße Wand. Geht man davon aus, dass ich bis mindestens siebzig arbeiten muss, wäre das im Jahr 2056. Ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, wie es ist, dreißig zu werden.

Meinem Geld bin ich stets mit Gleichgültigkeit begegnet: ein gelegentlicher Blick auf den Kontostand, der regelmäßige Gang zum Geldautomaten, das war's. Bislang glaubte ich, dass ein monatliches Gehalt auf dem Konto diesen Zustand nicht großartig ändern würde. Meine Vorstellung von mehr Geld: im Restaurant immer das große Getränk bestellen. Mehr Geld gleich weniger Nachdenken.

Jetzt, bei Herrn Pöhl, kommt es mir so vor, als sei das Gegenteil der Fall. Wolle ich mehr mit meinem Geld machen, als es bei mickrigen Zinsen auf dem Sparbuch herumliegen zu lassen, müsse ich langfristig planen, erklärt er.

Wenn ich noch nicht einmal weiß, in welcher Stadt ich nächstes Jahr lebe, wie soll ich da wissen, welcher Anlagetyp ich bin? Aber die Tabelle in Herrn Pöhls Mappe kennt keine Unsicherheiten, sondern nur Anlagetyp 1 (Angsthase) bis Anlagetyp 5 (Zocker). Weil ich kein totaler Langweiler sein will, entscheide ich mich für Anlagetyp 2: "Mit meiner Anlage möchte ich moderate Erfolgschancen wahrnehmen. Dabei möchte ich mäßige Risiken eingehen." Wenn ich im Alter auch mal eine Kreuzfahrt machen wolle, müsse ich langfristig jeden Monat 600 Euro zur Seite legen, rechnet Herr Pöhl aus. Er empfiehlt mir eine Kombination aus Fonds und niedrig verzinster, aber sicherer Anlage.

Zum Schluss will ich Herrn Pöhl ein bisschen ärgern. Ich schaue ihn ernst an und sage: "Ich möchte auf keinen Fall, dass mit meinem Geld Waffenkonzerne und Nahrungsmittelspekulanten unterstützt werden." Herr Pöhl blickt irritiert in seine Mappe. Die sparkasseneigenen Fonds garantieren, dass kein Geld mit Nahrungsmittelspekulation verdient werde, sagt er schließlich. Geschäfte mit Rüstungsfirmen könne er aber nicht ausschließen.

So richtig überzeugt bin ich nicht. Ich frage Herrn Pöhl, ob es nicht sicherer wäre, mein Geld ins Kopfkissen einzunähen. Finanzkrise, Euro-Crash - wer weiß. Sollte die Berliner Sparkasse pleitegehen, springe der Haftungsverbund der Sparkassen ein, erklärt er mir geduldig. Wenn alle deutschen Sparkassen bankrottgehen, helfe der Staat. Und wenn der zusammenbricht, sollte ich mir um andere Dinge Sorgen machen als um mein Sparbuch.

Station 3: "Ohne Haftpflicht sind Sie dran", raunt der Versicherer

Meine letzte Station: ein vollgestopftes, schlauchförmiges Büro in Berlin-Neukölln. Hinter einem furnierten Schreibtisch sitzt Herr Röpke, der wie Herr Pöhl nicht mit seinem echten Namen genannt werden will: hellgelber Pullover, weißer Schnauzer. Röpke ist seit Jahrzehnten in der Versicherungsbranche, neben der Eingangstür steht eine Pappfigur von Herrn Kaiser, der uralten Werbefigur einer Versicherung, die es so nicht mehr gibt.

Eine Haftpflichtversicherung sei ein Muss, sagt Herr Röpke. Wenn ein Blumenkasten von meinem Balkon falle und einen Passanten treffe, sei der querschnittsgelähmt. Er drückt sich tief in seinen Ledersessel und guckt finster: "Ohne Haftpflichtversicherung sind Sie dran." Ich mustere meine Schuhspitzen.

Aus SPIEGEL JOB 1/2013

Der Text zur Berufsstarter-Beratung ist aus dem Magazin SPIEGEL JOB mit Beiträgen aus der Berufswelt - für Einsteiger, Aufsteiger, Aussteiger. Weitere Themen sind zum Beispiel: Die Sinn- und Glückssucher der Generation Y. Gripsgewinnler - Karrierefaktor Intelligenz. Geschichten vom Gelingen und Scheitern. Wie junge Deutsche ihr Glück in Hollywood versuchen. Und noch viel mehr. Schauen Sie doch mal rein.Heft bei Amazon: SPIEGEL JOB 1/2013 

Außerdem solle ich ernsthaft über eine Hausratversicherung nachdenken, rät Herr Röpke. Die springt ein, wenn Feuer, Sturm oder Leitungswasser meine Wohnung zerstört - oder Einbrecher sie ausräumen. Ich besitze fast nur Ikea-Möbel und eine Musikanlage aus dem letzten Jahrtausend, sage ich. Und dass ein Feuer meine Wohnung zerstört, halte ich für unwahrscheinlich - ich hasse Kerzen.

Röpke guckt mich vorwurfsvoll an. Die Polizei in Neukölln warne vor Einbrechern. Erst kürzlich habe er einen Kleinbus mit bulgarischem Kennzeichen beobachtet, der verdächtig in der Straße herumstand. Ich merke: Der nette, besorgte Onkel ist seine Masche, sein Ziel ist, mir mal so richtig Angst zu machen.

Herr Röpke hackt in seine Tastatur. "139 Euro", sagt er nach ein paar Minuten. So viel würden mich Haftpflicht- und Hausrat- inklusive Fahrradversicherung kosten, pro Jahr. Weniger, als ich dachte.

Aber Herr Röpke ist noch nicht fertig, jetzt breitet er sein gesamtes Portfolio vor mir aus: Berufsunfähigkeitsversicherung - die bewahrt mich davor, in Hartz IV abzurutschen, wenn ich nicht mehr arbeiten kann; Unfallversicherung - ratsam bei gefährlichen Hobbys; Rechtsschutz - falls ich einen streitlustigen Vermieter habe. Herr Röpke wirft mit Begriffen wie "Zusatzbaustein" oder "Wiederbeschaffungswert" um sich. Mir brummt der Kopf.

Ich verabschiede mich und verspreche, in Ruhe über alles nachzudenken. Draußen steige ich auf mein Fahrrad und strample die Straße hinauf. Auf dem Weg halte ich nach Kleinbussen mit bulgarischem Kennzeichen Ausschau - man weiß ja nie.

Bei der Recherche stand Ann-Kathrin Nezik, 27, kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Und war froh, den Beraterrundgang schon mal hinter sich zu bringen. Bald darauf wurde sie SPIEGEL-Redakteurin.