Illustrator als Beruf: Kreative Möglichkeiten für wenig Lohn - DER SPIEGEL
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Illustratoren zeichnen: Wie sieht ein Vogel aus?

Foto: Aljoscha Blau/ Verlag Hermann Schmidt

Illustratoren Zeichne mir einen Vogel!

Vom Kinderbuch bis zur Darkroom-Impression: Illustratoren peppen mit schnellem Strich Bücher und Magazine auf. Viele träumen davon, ihre Werke mal in Galerien zeigen zu können. Bis dahin müssen sie sich häufig mit "Eisdielen-Jobs" begnügen.
Von David Krenz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Saras nächstes Projekt: Elvis erwecken. Die Studierenden der Berliner Akademie für Illustration und Design (AID) sollen die Biografien berühmter Persönlichkeiten bebildern, die Namen wurden ausgelost, und Sara Contini-Frank, 28, hat den King gezogen.

Die Italienerin hat vorher Pädagogik studiert, war Projektleiterin und Lehrerin - und "latent unzufrieden", wie sie sagt. Seit drei Semestern erzählt sie Geschichten mit Tusche und Acryl, bastelt Collagen und schöpft Papier in der Badewanne. Im abgerockten Ambiente einer ehemaligen Kreuzberger Lampenfabrik, in der die AID untergebracht ist, bringt sie ihre Bilder zum Leuchten. Seit dem Start vor zwei Jahren verzeichne die Privatakademie steigende Bewerberzahlen, versichern die Schulleiter.

Die Arbeit von Illustratoren ist schwer in Mode. Nach Pixelprunk und Photoshop-Poliererei besinnen sich Werber und Printmedien wieder auf die Vorzüge des handgezogenen Strichs. Illustratoren dürfen sich auf Magazin-Titelseiten austoben, visualisieren komplexe Sachverhalte in "illustrated journalism"-Formaten und gestalten die Firmenzentralen großer Konzerne aus. Selbst die Sparkasse wirbt jetzt mit Kritzeleien um Kunden.

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Illustratoren: Die Bilder-Erfinder

Foto: Ailine Liefeld

Auch Sara macht erste Schritte auf dem Weg zur Auftragszeichnerin. Ihre Figuren zieren das Cover eines Kinderhörspiels, mit einer Bauchspeicheldrüse im Comicstil hübschte sie die Power-Point-Folien eines Pflegeseminars auf.

Fast alle arbeiten auf eigene Rechnung

"Eisdielenjobs" nennt Felix Scheinberger solche Aufträge - und meint das nicht abfällig. Der Mittvierziger ist einer der Stars der Illustratorenszene, etliche Buchillustrationen schmücken sein Portfolio, seit 2012 lehrt er an der FH Münster. Er kritisiert die Erwartungen mancher Berufseinsteiger. "Die haben bei ihrem Professor nur Kafka-Gedichte illustriert, kommen mit hohem künstlerischen Anspruch auf den Markt - und fallen dann auf die Schnauze." Damit sich keiner seiner Studenten "nach einem halben Jahr zum Ergotherapeuten umschulen lassen muss", rät er ihnen, klein anzufangen: Plakate, Tierzeichnungen für Kinderbücher oder Bildchen für die Speisekarte im Café um die Ecke. Eisdielenjobs eben.

Felix Scheinberger - Glatze, Matrosenhemd, Filzpuschen - führt in das Arbeitszimmer seiner Altbauwohnung in Prenzlauer Berg. Zwei Jahre hat er hier über seinem jüngsten Buch gebrütet: "100 Wege einen Vogel zu malen." Ein Kompass für Berufsanfänger, mit Kapiteln zu Akquise, Honorarverhandlung, Künstlersozialkasse. Starthilfe scheint geraten: Bei einer Umfrage des Berufsverbands "Illustratoren Organisation" (IO) gab etwa die Hälfte der Befragten an, mit weniger als 1500 Euro Netto auskommen zu müssen.

Von den circa 3000 Illustratoren in Deutschland arbeitet nahezu jeder auf eigene Rechnung. Das freie Dasein der Berufszeichner ist aber nicht der Grund für die vielen Vögel im Buch. "Einen Vogel hat einfach jeder irgendwann mal gemalt", erzählt er. Das Werk versammelt Bilder von 170 Kollegen. Honorare konnte er nicht zahlen, also hat er eine Party geschmissen. "Dort haben wir den Vorschuss versoffen." Seine Studenten nutzten die Gelegenheit zum Kontakteknüpfen. Von der Hochschule werden sie mit Jobs wie dem Gestalten von Geschäftsberichten versorgt. "Damit verdienen sie Geld und können ihre geilen Comics zeichnen", sagt er.

Darkroom-Impressionen in Wasserfarbe

Neben Lehrauftrag und Buchprojekten erledigt Scheinberger selbst regelmäßig Eisdielenjobs: schnelle Striche für Printtitel. "Da kommt heute ein Anruf, und morgen macht man das fertig." Für ein Fußballmagazin entwarf er eine Fan-Typologie, für ein Berliner Boulevardblatt hielt er Darkroom-Impressionen aus dem Berghain in Wasserfarben fest. "Rockige Porträts, die scharfe Feder - dafür werde ich gebucht", sagt er.

Der eigene Strich, die persönliche Herangehensweise und der eigene Stil, das ist der Markenkern jedes Illustrators. Bekannte Namen hängen mittlerweile in Kunstgalerien. Scheinberger spricht von einer wachsenden Wertschätzung: "In Zeiten, in denen Comics Graphic Novels heißen und regelmäßig Illu-Festivals laufen, lässt sich leichter vermitteln, warum unsere Arbeit Geld kosten soll."

Eines der Kapitel im "Vogel-Buch" listet marktübliche Honorare für Gestalter auf: CD-Cover (500 - 800 Euro), Titelseiten (1200 bis 1500 Euro), Wimmelbilder (3000 bis 5000 Euro). Eine Orientierungshilfe für den Nachwuchs - und ein Fingerzeig, sich nicht unter Wert zu verkaufen. "Es hilft auch uns alten Hasen, wenn wir nicht immer eine Generation auf den Markt lassen, die an der Honorarspirale dreht", erklärt Scheinberger.

Sara Contini-Franks bisherige Honorare lagen unter den Empfehlungen. Sie findet das okay: "Anfänger wollen an Aufträge kommen. Das geht nur über einen Einstiegspreis." Sie verdiene etwa so viel wie in einem Minijob. Zwar koste Zeichnen mehr Zeit, als zwei Tage die Woche im Supermarkt zu kassieren, sagt sie. "Aber durch die Jobs knüpfe ich Kontakte, lerne dazu, finde meinen Stil." Bücher illustrieren und irgendwann die eigene Ausstellung, das wäre toll, hat aber Zeit. Erst einmal will sie mit ihren jüngsten Entwürfen losziehen: Geschenkpapier, für das sie einen Hersteller sucht.

KarriereSPIEGEL-Autor David Krenz (Jahrgang 1984) ist Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule und lebt als freier Journalist in Berlin.