Büro-Beziehungen Bin ich jetzt der Therapeut meines Chefs?
Will ich das jetzt wirklich hören? Robert De Niro als psychotischer Mafioso, Billy Crystal als unfreiwilliger Therapeut in dem Film "Reine Nervensache".
Foto: Warner Bros.
Ich arbeite seit fünf Jahren als Key Account Manager in der Zulieferindustrie. Zu meinem Chef habe ich ein eher distanziertes, aber grundsätzlich gutes Verhältnis. Und auch wenn wir regelmäßig zusammen auf Geschäftsreise sind, haben wir privat eigentlich nichts miteinander zu tun. Letzte Woche kam er abends in mein Büro, fragte irgendwie ungelenk, wie es mir geht. Dann schloss er die Tür und erzählte unvermittelt, dass er sich von seiner Frau getrennt habe. Eine Sekunde später wurde es sehr emotional. Ich war total überfordert und habe versucht, die Situation so gut es geht zu managen. Seitdem bin ich verunsichert. Wie soll ich mich ihm gegenüber verhalten? - Richard, 34 Jahre
Als Beraterin und Coach kennt Anne Weitzdörfer sich mit Problemen im Büro bestens aus. Bevor sie sich selbständig machte, war sie einige Jahre in einer Strategieberatung tätig. Heute berät sie Unternehmen im Bereich Organisationsentwicklung.Jetzt mal ehrlich: E-Mail an Anne Weitzdörfer
Management-Expertin Anne Weitzdörfer antwortet:
Sie haben es bestimmt schon einmal erlebt, dass sich aus einem unverbindlichen Gespräch mit einer wildfremden Person, zum Beispiel im Zug, ein sehr persönliches Gespräch entwickelt. Und man sich am Ende aufrichtig beieinander bedankt, weil es bereichernd war oder auch gut getan hat, offen zu reden.
Nimmt man die empfundene Not eines Menschen als Gradmesser für seine Offenheit, waren Sie für Ihren Chef vermutlich die Rettung. Weil er es in dem Moment allein offenbar nicht mehr ausgehalten hat. Gleichzeitig jedoch sehr nachvollziehbar, dass Sie seit diesem Abend verunsichert sind.
Was also tun? Wären Sie ein sensationslüsternes Waschweib, würden Sie mit großer Selbstverständlichkeit die nächste sich bietende Gelegenheit nutzen und nachfragen "wie es so geht". Und würden vermutlich unmittelbar dazu beitragen, dass ihr Chef den Abend verflucht, an dem er sich Ihnen anvertraut hat. Weil sich zu viel private Nähe einfach unangemessen anfühlt und Sie nicht ohne Grund in der Vergangenheit ein eher distanziertes Chef-Mitarbeiter-Verhältnis hatten. Sie merken, dass diese Option jetzt nicht meine erste Wahl wäre.
Was, wenn Sie ganz im Gegenteil so tun, als hätte es diesen Abend nicht gegeben? Sie machen einfach weiter Ihren Job. Mit der Haltung, dass Sie das Privatleben Ihres Chefs nichts angeht und es sich hier ganz klar um einen emotionalen Ausrutscher gehandelt hat? Wenn Sie das wollten, würden Sie das auch ausstrahlen und Ihr Chef würde vermutlich nie wieder auf Sie zugehen. Aber mal ehrlich, wollen Sie das?
Ich rate Ihnen, sich hier einfach menschlich zu verhalten. Wahrscheinlich war das nicht das angenehmste Gespräch Ihres Lebens, aber Sie waren Ihrem Chef an diesem Abend eine große Hilfe. Und auch wenn Ihr Arbeitsumfeld normalerweise keinen Raum für diese Art Interaktion vorsieht, heißt das nicht, dass Sie das nicht können.
Bedeutet konkret: Sie werden jetzt nicht zum Therapeuten Ihres Chefs. Aber sollte sich die Situation ergeben, dass er das Gespräch sucht, unterhalten Sie sich einfach von Mensch zu Mensch. So wie Sie das im privaten Umfeld auch tun würden. Sie vollziehen dann einen kleinen Rollenwechsel, vom Mitarbeiter zur privaten Vertrauensperson - und später wieder zurück. Ich bin sicher, es wird Ihnen nicht zum Nachteil gereichen.
Typologie der Bosse: Ich Chef, du nix