Arbeiten im Luxushotel Nackte, Tote, Voodoo-Ärzte
Willkommen im Nobelhotel: Abgründe hinter den Kulissen
Foto: SPIEGEL ONLINEWenn Jacob Tomsky eine Tür öffnet, sind die Menschen dahinter oft peinlich berührt. Weil sie gerade nackt sind, hemmungslos weinen oder von ihm beim Seitensprung erwischt werden. Mehr als zehn Jahre lang arbeitete der Amerikaner in Luxushotels von New York bis New Orleans. Und bekam allerhand zu sehen. Was liegt nahe, wenn man allerhand erlebt und zu sehen bekommt? Entweder man pfeift auf den Hoteljob und kündigt mit viel Tschingderassabum. Oder veröffentlicht ein Buch aus der Schlüssellochperspektive.
"Wer eincheckt, hat verloren", heißt das von Jacob Tomsky (im US-Original: "Heads in Beds"). Die Diskretion, die sonst in seinem Beruf verlangt wird, vergisst der Autor hier. "Manche Gäste warten nur darauf, dass jemand ihr Zimmer betritt. Andere wiederum empfinden allein schon den Gedanken daran als puren Horror", schreibt er. Eines sei sicher: "In jedem Zimmer, hinter jeder Tür, pulsiert das pralle Leben." Er habe Männer über ihre Scheidung weinen sehen, Gäste beim Stelldichein erwischt oder aus der Wand gerissene Handtuchhalter mit Lederfesseln im Hotelzimmer entdeckt. "Irgendwann war mir nichts mehr peinlich."
Für den heute 34-Jährigen war der Weg zur Buchveröffentlichung lang: Er begann als Parkbursche, bis er irgendwann befördert wurde und blutige Handtücher ebenso in die Reinigung bringen musste wie Bettlaken, aus denen Kondome fielen. Schließlich arbeitete er sich zum Empfangschef hoch - und entschied, wer ein kostenloses Upgrade oder doch nur das Standardzimmer mit Blick auf den Hinterhof bekommt.
Horrorberufe-Test: Elf Jobs, die schlimmer sind als Ihrer
"Als Mitglied einer Reisegruppe läuft man Gefahr, in Räumlichkeiten zweiter Klasse untergebracht zu werden", verrät Tomsky, der eigentlich Philosophie studiert hat. "Auch Gäste, die über einen Billiganbieter im Internet gebucht haben, brauchen sich keinen Illusionen hinzugeben." Frauen hätten mit ihm geflirtet, um ein Upgrade zu bekommen. Ohne Erfolg. Was dagegen "tatsächlich funktioniert, ist ein bisschen Großzügigkeit". Je höher das Trinkgeld, desto besser die Behandlung: Der Rezeptionist sei nämlich der einzige Hotelangestellte, der kein Trinkgeld bekomme.
20 Extra-Kissen? Kein Problem, kommt sofort
Extrawünsche hätten die Gäste sowieso genug, weiß Tomsky: Vier Ganzkörperspiegel, fünf Mikrowellen, komplett abgedunkelte Zimmer, 20 Extra-Kissen oder seltsame Essgewohnheiten - alles Sonderwünsche prominenter Hotelbesucher. "Ein berühmter Gast bat um einen Voodoo-Arzt, der auf der Stelle in sein Zimmer gebracht werden sollte", erzählt Tomsky. Schief angeschaut wird dafür im Luxushotel niemand. "Alle dieser Anfragen wurden erfüllt."
Der Hotelangestellte kennt auch die Eigenarten einzelner Nationalitäten: Engländern etwa sei eine Badewanne besonders wichtig, Japaner verlangten häufig nach zwei Einzel- statt einem Doppelbett. Und die Deutschen? Scheinen pflegeleicht zu sein. Zumindest fallen Tomsky keine besonderen Vorlieben ein. "Außer vielleicht, dass sie Effizienz wertschätzen, wenn es ums Einchecken und den Service geht. Andererseits: Wer tut das nicht?"
Für manche Gäste kommt der Extra-Service ohnehin zu spät. "Die Leute sterben viel öfter in Hotelzimmern, als man denkt", so Tomsky. "Drogen, natürliche Umstände, Mord, Selbstmord - all das passiert in Hotelzimmern. Und das Personal muss darüber Stillschweigen waren."
Warum er selbst sogar ein Buch darüber geschrieben hat? "Hotel-Geheimnisse zu veröffentlichen, war nie mein Hauptziel", sagt er. Er wolle "Lesern die Arbeit von Hotelangestellten näher bringen und ihnen zeigen, dass wir alle nur Menschen sind, die unseren Job machen. Und es ist ein harter Job." Eigentlich habe er immer vom Schreiben leben wollen, jetzt hat er Sehnsucht nach dem Fünf-Sterne-Wahnsinn: "Man wird süchtig danach, Menschen zu bedienen", sagt Tomsky. "Ich werde zurück in ein Hotel gehen, egal welches, wenn man mich dort haben will."