Erste Hilfe Karriere Should I stay or should I go?
Mitten im Leben seinen Beruf zu wechseln ist riskant. Denn Arbeitgeber haben Schwierigkeiten mit Quereinsteigern und bevorzugen Leute aus der Branche. So sagt man zumindest. Dann zählt man auf, welche Kosten während eines Berufswechsels weiterlaufen: die Miete, der Kredit und die Kfz-Steuer. Als ich vor 15 Jahren mit Berufsfindung anfing, galt es als ausgemacht, dass man "in Deutschland für alles einen Schein braucht". Echte Berufswechsel - so hieß es unhinterfragt - seien nur in Amerika möglich.
Nachdem wir nun verkraftet haben, dass Sabine Christiansen zuerst Stewardess und später Talkshowmoderatorin wurde und Angela Merkel erst Physikerin und dann Bundeskanzlerin, bleibt von der angeblichen Unmöglichkeit nicht mehr viel übrig. Stattdessen redet man vom Risiko. Es sei eben hochgefährlich, mitten im Leben seinen Beruf zu wechseln.
Ist das eher German Angst oder German Gemütlichkeit? Sind wir eher faul oder furchtsam? In beiden Fällen wird jeder Flügelschlag zur Befreiung unendlich schwer.
Würden wir uns das Risiko einmal genauer anschauen, stellten wir fest, dass es oft viel riskanter ist, im ungeliebten Beruf zu bleiben. In Deutschland sind Arbeitnehmer zusehends mit der Gesamtsituation unzufrieden. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen zeigte soeben, dass die Deutschen heute lustloser zur Arbeit gehen als vor 25 Jahren.
If I go there will be trouble...
Frust im Job macht krank. Wer unglücklich ist, kann Magengeschwüre, Magenschleimhautentzündung, Neurodermitis, Tinnitus und Bluthochdruck bekommen. Und auch wenn man nichts von psychosomatischer Ursachenforschung hält, bleibt, dass diese Unlust im Job zumindest nicht fördernd für die Gesundheit ist.
Noch schlimmer sind Depressionen. Seelische Krankheiten sind in Deutschland inzwischen der häufigste Grund für Berufsunfähigkeit - noch vor kaputtem Rücken und Herzinfarkt. Knapp sechs Millionen Deutsche leiden jährlich an einer Depression. Die Dunkelziffer liegt deutlich darüber. Auch hier ist der Frust im Job nicht unbedingt alleinige Ursache für die Depression. Aber (um es in Psychodeutsch zu sagen): Der Frust im Job verstärkt die natürlich vorhandenen depressiven Anteile.
Magengeschwüre, Ohrensausen, Depressionen sind jedoch nicht die einzigen Gefahren: Wenn man einen Beruf ausübt, der nicht passt, wenn man sich ständig überfordert und gleichzeitig unterfordert fühlt, dann schlägt das aufs Selbstbewusstsein. Doch genau dieses Selbstbewusstsein ist ja die Grundlage für beruflichen Erfolg - mehr als jedes Talent oder jede gute Note. So erfolgreiche Köpfe wie Joschka Fischer oder Sarah Wiener haben ihre Karriere nicht auf Qualifikation, sondern auf Selbstbewusstsein gebaut.
...and if I stay it will be double
Zum Mitschreiben: Joschka Fischer hat kein Abitur und seine Lehre als Fotograf abgebrochen. Sarah Wiener hat keinen Schulabschluss und war allein erziehende Mutter ohne Ausbildung. Karl Lagerfeld hat keinen Abschluss, ebenso wenig wie sein Kollege Wolfgang Joop. René Obermann ist heute Chef der Telekom; sein Volkswirtschaftsstudium hat er früh geschmissen. Alice Schwarzer fiel bei der Aufnahmeprüfung zur Journalistenschule durch und studierte später ein wenig in Frankreich - ohne Abschluss.
Abbruch, Aufbruch, Durchbruch: 100 prominente Uni-Deserteure
Jeder Normalarbeitnehmer kann daraus ableiten: Sehr gute Noten sind sehr gut. Für die Karriere ist ein gutes Selbstbewusstsein wichtiger.
Sein Selbstbewusstsein zu riskieren und seine Selbstachtung zu verlieren, ist also möglicherweise das größte Risiko für alles, was man beruflich vorhat. Je länger man aber im falschen Beruf bleibt, desto schlechter fürs Selbstbewusstsein. Dadurch wird es dann noch schwieriger, einen neuen Job zu finden. Denn um einen neuen Arbeitgeber von sich zu überzeugen, braucht man ja gerade Selbstbewusstsein und eine gute, optimistische Ausstrahlung. Und eben nicht Magengeschwür, Depression und Pessimismus.
Als wäre das alles nicht schlimm genug, gefährden unmotivierte Mitarbeiter ihren eigenen Arbeitsplatz. Falls Sie Ihren Jobfrust schlecht verbergen können, sollten Sie sich wappnen. Es könnte sein, dass man Sie deswegen bei der nächsten Kündigungswelle - zu Recht - entlässt. Und eine Kündigung, die man nicht selbst ausspricht, schlägt wieder aufs Selbstbewusstsein. Der Teufelskreis hat sich spätestens hier geschlossen.
Oft ist es nicht gefährlich zu wechseln. Es ist viel gefährlicher zu bleiben.