Anonymes Job-Protokoll einer freien Journalistin "Mach was anderes!"
Tageszeitungen (Archivbild): Journalistenschulen sind nicht der einzige Weg in die Branche
Foto: Holger Hollemann/ picture alliance / dpa
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll"erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.
Lange dachte ich, der Journalismus sei ein kleiner Klub von sehr klugen Menschen, in den nur die wenigsten Einlass bekämen. Deshalb fragte ich mich während des Studiums immer wieder, was gerade mich dazu berechtigt, meine Sicht der Dinge in die Welt zu posaunen. Eindeutig kann ich das bis heute nicht beantworten, aber ich bin jetzt 30, arbeite seit vier Jahren als freie Journalistin und weiß nun, dass der Klub nicht so exklusiv ist, wie ich einmal dachte.
Als ich in meiner Schulzeit zwei Wochen lang bei einer Regionalzeitung war, sagten mir die Redakteure: "Das ist eine Scheißbranche. Mach was anderes." Aber trotz anderer Praktika, zum Beispiel in einem Kulturamt, zog es mich immer zum Journalismus zurück. Ich habe bei Radiosendern hospitiert - und kam immer mehr auf den Geschmack. Einige Jahre später schrieb ich eine Bewerbungsreportage für eine Journalistenschule - und wurde tatsächlich zum Aufnahmetest eingeladen.
Um den Wissenstest zu bestehen, las ich Tageszeitung, studierte die Jahresrückblicke der großen Zeitschriften und schaute jeden Abend das "heute journal". Unangenehmer fand ich das Gespräch mit der Aufnahmejury. Die fragte mich unter anderem, ob Angela Merkel machtversessen sei. Ich antwortete: "Da kommt jetzt die kleine Emanze in mir durch. Bei einem Kanzler würde man so eine Frage doch nicht stellen." Danach hätte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen, weil mir das viel zu aufsässig vorkam. Aber der Jury gefiel es.
Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus
Es ist schwer, an einer der bekannten deutschen Journalistenschulen angenommen zu werden, und es ist auch nicht der einzige Weg in die Branche. Die meisten Kollegen qualifizieren sich über ihren Fleiß und über freie Mitarbeit für ein Volontariat - das ist oft eine gute Vorbereitung auf den Job und führt manchmal zu einem Redakteursposten. Ich war trotzdem sehr gern an der Journalistenschule, sie bietet super Kontakte in einige Redaktionen und einen Überblick über die Branche - auch weil etliche Praktika Bestandteil der Ausbildung sind. Viele meiner Klassenkameraden waren direkt im Anschluss "feste Freie" oder Pauschalisten. Einige Redaktionen binden junge Journalisten an sich, indem sie ihnen wenig, aber regelmäßig Geld zahlen, ohne jedoch Verpflichtungen einzugehen. Versichern muss sich jeder selbst. Das klingt aber schlimmer, als es ist. Freie Journalisten können in die staatlich subventionierte Künstlersozialkasse eintreten, die den Anteil des Arbeitgebers übernimmt.
Trotzdem war ich damals unsicher, was meine Zukunft angeht. Aber ich rief mir immer wieder in Erinnerung, dass ich als junger Mensch in Deutschland kaum Risiken eingehe: Falls wirklich alles schiefgehen sollte, müsste ich mich irgendwann arbeitslos melden - aber selbst dann hätte ich keine hohen Schulden und wäre sozial abgesichert.
Es gibt wenig Sicherheit
Dazu ist es bei mir Gott sei Dank nicht gekommen. Ich habe relativ schnell eine Pauschale angeboten bekommen: einmal pro Woche fest in einer Redaktion. Der Job ist nicht der anspruchsvollste, aber ich kann damit sicher meine Miete zahlen. Außerdem habe ich genügend Zeit, um andere, viel interessantere Aufträge anzunehmen und auch mal große Geschichten zu schreiben, was mir mehr Spaß bereitet als alle anderen Jobs, die ich mir vorstellen könnte.
Um gut über die Runden zu kommen, muss ich 250 Euro am Tag verdienen, in der Regel sind es mittlerweile aber 300. Einen Alltag habe ich überhaupt nicht, deshalb ist es sehr unterschiedlich, wie viel ich im Monat zur Verfügung habe. Manchmal reihen sich die Schreibaufträge aneinander, und ich sitze zwei Wochen am Schreibtisch. Und dann gibt es Wochen, da bin ich nur auf Themensuche - und verdiene dabei gar nichts.
Die Nachteile meiner Arbeit liegen auf der Hand. Es gibt wenig Sicherheit, man muss bei Redaktionen mit seinen Ideen hausieren gehen und sie ständig mit Nachfragen nerven. Den Kontakt zu zuverlässigen Redakteuren muss man aktiv halten. Wahrscheinlich sollte man sich auch bei Twitter und Facebook vermarkten, aber das ist mir zuwider.
Klar gibt es ein paar feste Jobs, die ich mit Kusshand nehmen würde. Mein Traum wäre es, ein Magazin von Anfang an mitzuentwickeln, seine Identität aufzubauen: Was passt zur Marke, wer ist die Zielgruppe? Trotzdem bin ich gern freie Journalistin. Oft werde ich auf Partys etwas mitleidig angesehen, wenn ich erzähle, was ich mache. Manchmal heißt es dann, dass die Branche doch keine Zukunft habe, was aus meiner Sicht definitiv nicht stimmt. Wenn mich jemand so richtig nervt, sage ich ihm: "Wofür du einen Monat arbeiten gehst, das verdiene ich manchmal in sieben Tagen." Und wenn es gut läuft, ist meine Work-Life-Balance ein Traum.
Ausgabe 5/2015
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