Job: Warum Chefs nie zu sprechen sind - eine Satire - DER SPIEGEL
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Erreichbarkeit im Job Warum Chefs nie zu sprechen sind

Im Büro klingelt ständig das Telefon, aber nie ist jemand dran, den man wirklich sprechen will. Wer um Rückruf bittet, kann lange warten. Kein Wunder: Karriere machen nur die Unerreichbaren.
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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Du wirst doch heute nur noch verarscht". Autor Matthias Nöllke (Jahrgang 1962) ist Vortragsredner, Journalist und schreibt Sachbücher.

Alle klagen heute über die ständige Erreichbarkeit. Und wenn ihr Chef um Mitternacht auf dem Handy anruft, gehen sie sofort ran - auch und gerade wenn sie sich bereits im Tiefschlaf befinden. Der reine Terror, das muss man sagen.

Die Sache ist nur: Die Chefs, die ihre Mitarbeiter um Mitternacht anrufen, kannst du an den Fingern eines Faultiers abzählen. Wenn es hochkommt, sind das drei. Drei von 300.000, sagen wir mal. Ich finde, wir haben eher das gegenteilige Problem. Die Leute, die du dringend sprechen willst, kannst du eben nicht ständig erreichen. Sondern eher überhaupt nicht.

Das liegt einmal daran, dass die Leute, die du dringend sprechen willst, in Meetings und Besprechungen herumsitzen. Ich habe den Verdacht, dass viele dieser Meetings nur stattfinden, um die Teilnehmer davor zu schützen, angerufen zu werden. Stattdessen bekommst du es mit irgendeiner Kollegin zu tun, einem Praktikanten oder einer forschen Reinigungskraft: "Nein, die Frau Marhenke ist gerade nicht zu sprechen. Die ist im Meeting."

Bevor du die sinnloseste aller Fragen stellen kannst ("Wie lange wird das ungefähr dauern?"), bekommst du zu hören: "Wollen Sie später noch einmal anrufen?" Oder in der vermeintlich freundlicheren Variante: "Kann Frau Marhenke Sie zurückrufen?" Jedem Anrufer ist natürlich sonnenklar: Frau Marhenke kann jederzeit zurückrufen. Sie tut es nur nicht.

Vielleicht bist du in der glücklichen Lage und hast die Mobilnummer. Du glaubst: Jetzt kann dir Frau Marhenke nicht entkommen. Du wirst sie mit deinen Anrufen so lange verfolgen, bis sie endlich bereit ist, mit dir zu sprechen. Nun, da könntest du dich aber gewaltig täuschen. Und damit kommen wir zum zweiten Grund, warum du niemanden mehr erreichst. Es liegt an der sogenannten Rufnummer-Identifizierung. Die gibt es auch bei Festnetzanschlüssen, doch das Handy bietet weit mehr Möglichkeiten.

Rufst du irgendwo an, erscheint deine Nummer im Display. Vielleicht bist du sogar schon gespeichert - mit Namen, manchmal sogar mit Bild. Du blinkst im Display, und der Angerufene kann entscheiden: Will ich mir den jetzt anhören? Leider lautet die Antwort häufig: "Och, nö. Auf den habe ich jetzt gerade mal gar keine Lust."

Dabei gibst du dir alle Mühe. Bist freundlich, zuvorkommend, fällst nicht gleich mit der Tür ins Haus. Doch es hilft nichts. Du kommst nicht durch. Bei mir ist das wenigstens so. Ich muss den Leuten hinterhertelefonieren. Manchmal sogar, wenn die etwas von mir wollen. Das ist besonders bitter: Irgendwie schaffen sie es, dass wir ihnen nachlaufen.

Und damit sind wir beim Kern der Sache: Die Leute sind für uns nicht zu sprechen, weil sie sich dadurch wichtiger fühlen. Wir sind hinter ihnen her, sie aber nicht hinter uns.

Stell dir vor, du rufst jemanden an, und der ist sofort "am Apparat", wie man früher sagte. Da fragst du dich doch: Hat der nichts zu tun? Wartet der vielleicht nur auf meinen Anruf? Will sonst niemand mit dem sprechen?

Wenn du überhaupt nicht an jemanden rankommst, kann das nur heißen: Du bist nicht der Einzige. Sondern einer von ganz vielen in einer unendlich langen Warteschlange. Jetzt verstehst du vielleicht auch, warum niemand zurückruft. Wer zurückruft, hat verloren.

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Du wirst doch heute nur noch verarscht: Warum dein Auto kaputtgeht, deine Diät dich fett macht und der Schleimer aus dem Büro nebenan befördert wird

Nöllke, Matthias
Verlag: riva
Seitenzahl: 208
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Ganz besonders schlimm ist es, wenn du Chefin bist und bei einem anderen Chef anrufen willst. In solchen Fällen droht ein langwieriges Anrufduell - unter Beteiligung taktisch geschulten Personals. Es geht erst einmal darum, das Gelände zu sondieren und einen Telefontermin zu vereinbaren. Die Assistentin vom anderen Chef kann bis zur nächsten Jahrtausendwende leider keinen freien Termin entdecken. Aber in der nächsten Woche, da gibt es vielleicht eine Chance, dass "kurzfristig" doch ein "Slot" frei wird, nämlich am Dienstag zwischen 7.34 Uhr und 7.49 Uhr. Diesen Terminvorschlag darf deine Assistentin natürlich nicht akzeptieren. Sonst habt ihr schon in der ersten Runde verloren.

Nach mehrmaligem Hin und Her einigen sich die Assistentinnen auf einen Termin, der keinem so richtig passt. Naht er, wird entweder kurz vorher abgesagt. Oder besser noch: Er wird vergessen. Vom Chef höchstpersönlich. Dabei hat ihn seine Assistentin extra noch daran erinnert. Das ist doch Schlamperei, findest du. Oh nein, das ist nur der unmissverständliche Hinweis an dich: Du bist zu unwichtig.

Kommt irgendwann doch ein Telefonat zustande, geht es darum, bloß nicht als Erstes "in der Leitung" zu sein. Deine Assistentin ruft zum vereinbarten Termin an und bittet die Assistentin des anderen, doch mal eben durchzustellen. Eine erfahrene Assistentin weiß natürlich, dass jetzt Gefahr droht. Würde sie einfach durchstellen, würde sich ihr Chef melden - in der Meinung, dass du schon dran bist. Stattdessen spricht deine Assistentin den entscheidenden Satz: "Moment, ich verbinde Sie jetzt mit der Chefin." Und dann erst kommst du ins Spiel und behandelst ihn so, als hätte er bei dir angerufen.

Vielleicht bist du der Ansicht, dass solche Verhaltensweisen bei Dreijährigen gerade noch irgendwie durchgehen, bei Erwachsenen jedoch auf gewaltige Defizite hindeuten. Nun, das sehe ich ganz genauso. Die Sache ist nur: Alphatiere denken alle so. Und wenn du immer derjenige bist, der den anderen nachtelefoniert oder in der Leitung wartet, halten dich die anderen für schwach, ahnungslos oder im schlimmsten Fall sogar für nett. Dann kannst du einpacken.

Es gibt aber auch Leute, die nehmen grundsätzlich jedes Gespräch an. Die sind noch schlimmer. Denn besonders gerne telefonieren sie, wenn es gerade nicht passt. Dass es nicht passt, teilen sie allzu gerne mit: dir und allen, die in der Nähe sind. "Hören Sie, ich sitze hier gerade in einer wichtigen Besprechung. Es geht jetzt wirklich nicht! Rufen Sie bitte in einer Stunde noch mal an!" In einer Stunde ist die "wichtige Besprechung" noch immer nicht vorüber, was den Angerufenen zu der Bitte veranlasst: "Geben Sie mir noch zehn Minuten!"

Rufst du eine halbe Stunde später wieder an, sitzt dein Gesprächspartner bereits im nächsten Termin oder besser noch im Taxi zum Flughafen. Solche Taxigespräche sind überhaupt das Sinnloseste. Denn dein Gesprächspartner kann sich nicht eine Sekunde auf dich konzentrieren. Weil er nämlich a) den Taxifahrer anweisen muss, schneller zu fahren, b) gleichzeitig seine E-Mails checkt sowie c) viele weitere Dinge erledigt, für die er sonst keine Zeit hat. Wie zum Beispiel Yoga. Oder Rückentraining.

Und wenn du es doch irgendwann schaffst und den anderen zu einem richtigen Gespräch triffst, dann merkst du häufig erst, mit was für einer Hohlbirne du es zu tun hast. Das Dumme ist nur, dass dein Gesprächspartner genau dasselbe über dich denkt.

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