Jobmarkt für Absolventen: "Wir wollen Sie!" - DER SPIEGEL
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Jobmarkt für Absolventen "Wir wollen Sie!"

Die Jugend kommt gewaltig: Angehende Absolventen haben derzeit so gute Jobchancen wie nie zuvor, das gilt selbst für Geisteswissenschaftler. Dennoch fühlen sich nicht alle umworben. Fünf Bewerber berichten von ihren Erfahrungen - und davon, was schieflaufen kann.
Von Michael Gatermann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Soziologiestudium mit Bachelorabschluss - das klingt nicht unbedingt nach Jobgarantie und Turbokarriere. Tram Nguyen hat, während sie in diesem Frühjahr ihre Bachelorarbeit verfasste, fünf Bewerbungen geschrieben. Viermal wurde sie eingeladen, prompt bekam sie einen Job. "Ich hatte das Gefühl, umworben zu sein", sagt die Hamburgerin.

Eine schöne Überraschung. Doch es gibt auch den umgekehrten Fall, das böse Erwachen: Ein dualer Masterabschluss in Internationalem Marketing, Noten "sehr gut" und "gut", abgelegt an renommierten Universitäten im Ausland, Englisch und Spanisch fließend, Praktika im In- und Ausland - da sollte in Zeiten des Aufschwungs der Einstieg in die Karriere leichtfallen. Eigentlich. Doch die 26-jährige Turbostudentin hat seit Jahresbeginn rund 120 Bewerbungen geschrieben, ohne Erfolg.

Willkommen auf dem Bewerbermarkt 2011. Nach einem Aufruf von KarriereSPIEGEL konnten Uni- und Fachhochschulabsolventen, die sich gerade um einen Einstiegsjob bemühten, von ihren Erfahrungen berichten. Und auf Fragen wie diese Antwort geben: Bricht die Generation Y vor dem Hintergrund knapper werdender Nachwuchsjahrgänge unbeschwert in die Karriere auf, kommt die Jobgarantie quasi mit dem Examenszeugnis? Oder stammen die guten Nachrichten vom Absolventenmarkt doch wieder nur von denen, die immer leicht vermittelbar waren - den üblichen Einser-Kandidaten aus den richtigen Fächern mit dem richtigen Auftreten?

Beste Chancen sogar für Geisteswissenschaftler

Das Fazit nach rund 20 Gesprächen mit Bewerbern des Jahrgangs 2011: Die Lage ist gut, unvergleichlich besser als in den Vorjahren. Doch auch wenn den rund 275.000 Uni- und Fachhochschulabsolventen in diesem Jahr etwa die gleiche Zahl Einstiegsjobs offeriert wird, bekommt längst nicht jeder ein attraktives Angebot. Zwar sind Unternehmen heute schon zu Kompromissen in Sachen Examensnote oder Studienfach bereit, wichtiger geworden scheinen aber Person und Persönlichkeit. Wer Begeisterung und Belastbarkeit, Neugier und Durchsetzungswillen ausstrahlt, dazu noch das Gefühl auslöst, er passe gut ins Team, hat beste Chancen auf den Job - auch mit mäßigen Noten oder als Geisteswissenschaftler. Und wer umgekehrt in der noch kurzen Vita schon einen Burnout anführt oder wer im Vorstellungsgespräch Kommunikationsprobleme offenbart, hat es auch mit dem gefragtesten Abschluss schwer.

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"Persönlichkeit und Papierform klaffen oft weit auseinander", beobachtet Thorsten Grenz, Geschäftsführer und Personalchef der Veolia Umweltservice GmbH. Er stellt pro Jahr 15 bis 20 Absolventen ein und moniert, dass manche zwar gute Noten vorweisen, aber "verspannt, übermotiviert und arrogant" auftreten. Während er die formal-fachliche Qualifikation lobt, registriert er eine Schattenseite der allseits geforderten Teamorientierung: "Da gibt es manchmal schon eine Teamabhängigkeit - wer mag den Kopf hinausstrecken, wagt Widerspruch, schießt den Elfmeter?"

"Die Jungen spüren, dass sich der Markt gedreht hat"

Es sei noch schwieriger geworden, gute Leute zu finden. Grenz: "Es gibt einen doppelten Effekt. In der guten Konjunktur werden mehr gesucht, zugleich wirkt bereits der demografische Faktor, die Zahl der Jungen sinkt."

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Im Frühjahr hatte eine Umfrage der Beratungsfirma Kienbaum bei 530 deutschen Arbeitgebern ergeben, dass mehr als zwei Drittel der Unternehmen Probleme haben, hoch qualifizierte Nachwuchskräfte zu gewinnen. Die Jungen spüren, dass sich der Markt gedreht hat. "Die Absolventen sind sich bewusst, dass sie eine gesuchte Spezies sind", registriert Holger Koch, Geschäftsführer der Marktforschungsfirma Trendence, die jährlich die Stimmung und Vorlieben examensnaher Studenten erhebt, "das schlägt sich in den Erwartungen nieder".

"Wir suchen Teamplayer und haben genug Jobs für alle"

Optimistisch war auch Thomas Kögler in diesem Mai in die Bewerbungen gestartet - und musste registrieren: Der Einstieg wird nicht auf dem Silbertablett serviert. Der 28-jährige Betriebswirt mit Masterabschluss und Lehre als Bankkaufmann kam fast euphorisch von einer Bewerbermesse zurück: "Ich hatte bei neun Firmen vorgesprochen, die haben mich alle gedrängt, mich zu bewerben, vier haben mir durch die Blume signalisiert: Sie sind unser Mann." Im Hochgefühl ("Ich dachte: In zwei Wochen hast du einen Job") schrieb der Heilbronner Bewerbungen - und bekam nur Absagen. Weitere Bewerbungen folgten, allesamt im Großraum Stuttgart.

Dann gab es Vorstellungsgespräche ("In freundlicher und professioneller Atmosphäre"), die aber nur in zwei konkrete Angebote mündeten: Er entschied sich gegen den Job im Finanzcontrolling eines Handelskonzerns und stieg lieber Anfang August in der Stuttgarter Dependance der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ein. "Die Suche hat Gott sei Dank ein Ende", seufzt Kögler, "ich hatte nicht das Gefühl, dass ein Mangel an Betriebswirten herrschen würde."

"Die Konkurrenz hat man sehr deutlich gespürt"

Noch weniger herrscht am Markt eine Knappheit an Soziologen. Das erkannte Tram Nguyen schon früh in ihrem Soziologiestudium. Zwei Weichenstellungen verhalfen der 24-Jährigen in diesem Frühjahr dann trotzdem zum nahtlosen Karrierestart: Weil ihr die Soziologie im Hinblick auf Berufsanforderungen "allzu generalistisch" (Nguyen) schien, wählte sie als Nebenfach Betriebswirtschaft, spezialisierte sich auf Personalmanagement und sammelte ebenso konsequent wie ausgiebig Arbeitserfahrung als Praktikantin und Werkstudentin in Personalabteilungen. Als sie, noch während ihrer Bachelorarbeit, zum Bewerbungsgespräch bei einem Großunternehmen antrat, erkannte Tram Nguyen, dass sie da schlechtere Chancen hatte: "Die Konkurrenz hat man sehr deutlich gespürt."

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Deshalb konzentrierte sie ihre Stellensuche auf die großen Hamburger Werbeagenturen: "In den Vorstellungsgesprächen hab ich das Gesamtpaket, das ich zu bieten habe, betont, dann werden Noten und Studienfach zur Nebensache", beschreibt Tram Nguyen ihre Strategie. Prompt bekam sie mehrere Jobangebote und entschied sich für die Agentur Deepblue Networks: "Bevor ich meine Bachelorurkunde bekam, hatte ich schon meinen Vertrag in der Tasche."

Dass ihr Einstiegsgehalt etwas unter den Salären in Großunternehmen liegt - als Trainee hätte sie 40.000 Euro im Jahr verdient - stört Tram Nguyen nicht: "Hier gibt es weniger, aber die Arbeit entspricht genau dem, was ich kann und tun will. Den Ausschlag gaben die Menschen, mit denen ich arbeiten würde - das hat bei Deepblue einfach gepasst."

Berufseinstieg mit mehr als 40.000 Euro im Jahr

Benedikt Hengefeld konnte sich aussuchen, was und wo er arbeiten wollte. Dabei hat ein 26-jähriger Fachhochschulabsolvent ohne Berufs- und Auslandserfahrung nach der Papierform nicht die besten Karriereaussichten - es sei denn, er oder sie hat Informatik studiert. Sein erstes Jobangebot bekam Hengefeld beim Karrieretag eines IT-Unternehmens, lange bevor er in diesem Sommer sein Studium abschloss. Er geriet in ein spielerisches Assessment-Center ("Die haben gesagt: 'Sie brauchen sich nicht gegenseitig fertigzumachen, wir suchen Teamplayer und haben genug Jobs für alle'"), wurde zum Abendessen eingeladen und bekam ein Vertragsangebot.

Der junge Informatiker nahm es als gutes Zeichen - da war noch mehr drin - und schickte sechs Bewerbungen los. Hengefeld hatte klare Vorstellungen: Düsseldorf sollte es sein, zu viele Reisen zumindest zu Beginn lieber nicht, ein großes Unternehmen mit gutem Ruf. "Ich fühlte mich umworben", erinnert er sich an seine Vorstellungsgespräche, bei denen er vier Stellenangebote bekam. Hengefeld entschied sich für das Beratungsunternehmen Capgemini ("Die sind bekannt für anspruchsvolle Projekte und sehr gute Softwareentwicklung"), wo er mit einem Festgehalt von knapp über 40.000 Euro pro Jahr am ersten August startete.

"Der Bachelor funktioniert für uns in Deutschland nicht"

"Die Bewerber sind deutlich fordernder geworden", sagt Angelika Inglsperger, Head of Global Career Management bei der AGCS, der Industrieversicherungsgruppe der Allianz. Dabei geht es den jungen Leuten nicht in erster Linie um das Gehalt, sondern eher um Ausbildung und Karriereperspektiven, beobachtet die Personalmanagerin: "Wenn Sie ein gutes Programm bieten, müssen Sie kein Spitzengehalt zahlen, dann reicht der marktübliche Satz."

Bei der AGCS bekommen Einsteiger je nach Qualifikation und Knappheit in Deutschland ein Jahressalär zwischen 45.000 und 52.000 Euro. Dafür erwartet das Allianz-Tochterunternehmen einen Masterabschluss ("Der Bachelor funktioniert für uns in Deutschland nicht - die Absolventen haben zu wenig praktische Erfahrungen, brauchen zu lange, bis sie im Arbeitsalltag einsetzbar sind"), Zeugnisnoten im oberen Fünftel sowie ein "internationales Profil". Aufmerksam beobachtet Angelika Inglsperger die Verknappung der Nachwuchstalente: "Der Bereich IT läuft gerade heiß, Finanzen geht noch."

Nicht alle Techniker sind gleich gefragt

Nicht nur IT-Kräfte sind knapp: Das Institut der deutschen Wirtschaft bezifferte im Juli den Nachfrageüberhang nach Absolventen der sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) auf gut 150.000. Doch nicht alle Studienrichtungen sind gleich intensiv gefragt, erlebt Astrid Weiß. Die promovierte Biochemikerin ist seit April auf Jobsuche. "Biologen gibt's sehr viele", hat sie nach 26 vergeblichen Bewerbungen gelernt. Allerdings ist ihre Suche strikt auf das Rhein-Main-Gebiet beschränkt ("Ich bin hier aufgewachsen und habe hier meinen Lebensmittelpunkt"). Deshalb hat Astrid Weiß ein Angebot aus Marburg ausgeschlagen, ebenso wie eine andere Vakanz, die mit "extremen Tierversuchen" (Weiß) verbunden war. Entmutigen lässt sie sich nicht: "Ich bin immer noch guter Hoffnung, es dauert nur länger, als ich gedacht habe."

Absolventen 2011: Gehalts- und Arbeitszeit-Wünsche

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Foto: manager magazin

Auch der promovierte Biophysiker Matthias Höller steuerte in seinem Fach auf eine Nische im Arbeitsmarkt zu - mit der Universität als plausibelstem Arbeitgeber. Das war aber nicht sein Ziel, er wollte in die Entwicklung bei einem großen Autohersteller. Rechtzeitig stellte er die richtigen Weichen. "Ich habe mich gefragt: Wie verkaufe ich mich am Arbeitsmarkt?", sagt der 32-Jährige: "Während Studium und Promotion habe ich viel programmiert, das macht mir Spaß und ist gefragt." Also entschied er sich, diese Fähigkeit in seinen Bewerbungen noch stärker herauszustellen, ebenso wie seine Erfahrungen aus einem Praktikum nach der Diplomprüfung in der Entwicklungsabteilung von Ford in Australien. Dort hatte er an einem IT-Thema gearbeitet.

Ende vergangenen Jahres begann Höller, sich zu bewerben. "Ich bin gezielt auf die Webseiten von Unternehmen gegangen, die mich interessierten und habe nach Stellenausschreibungen gesucht", sagt er, "das Angebot war recht groß." Gut zehn Bewerbungen hat Höller abgeschickt, sechs Unternehmen waren an ihm interessiert. Zunächst gab es bei allen ein Telefoninterview mit einem Recruiting-Spezialisten, der sich ein Bild von der Person und den Kenntnissen des Bewerbers zu machen versuchte.

"Dann kam meistens die Zusage"

Dann folgte die Einladung zum persönlichen Gespräch mit einer Person aus der Fachabteilung, die die Stellung ausgeschrieben hatte, sowie einem Abgesandten der Personalabteilung. "Ich hatte den Eindruck: Die wollten mich kennenlernen, nicht entlarven", beschreibt Höller die Atmosphäre der Gespräche, bei denen es dann vor allem ums Fachliche ging. "Dann kam meistens die Zusage: Wir wollen Sie." Matthias Höller entschied sich für einen Job in der Entwicklungsabteilung von BMW, wo er seit April anspruchsvolle Software für die Steuerung von Hybrid- und Elektroautobatterien entwickelt.

Seinen Eindruck vom Bewerbungsprozess fasst er so zusammen: "Die Unternehmen schauen sehr genau, ob jemand fachlich und persönlich passt - und wenn sie sich entschlossen haben, geben sie sich viel Mühe um den Kandidaten." Dass er am Ende aus vielen guten Angeboten wählen konnte, liegt für Höller an seiner bewussten Akzentuierung der Fähigkeiten, die außerhalb seines eigentlichen Fachs liegen: "Wenn ich mich nur als Biophysiker beworben hätte, wäre es schwieriger geworden."

Michael Gatermann ist Chefredakteur des Medienbüros Extern. Sein Artikel erschien zuvor im Karriere-Supplement des manager magazins.