Karriere mit Knick "Die rationalisieren mich weg"
Jeden Sonntag deckt Hermann Müller* den Tisch: zwei Teller, zwei Tassen, zwei Eier. Eines Morgens holte er ein drittes Gedeck. Seine Frau wunderte sich: "Erwarten wir Besuch?" Er antwortete: "Ist schon da." Luise Müller* dachte: "Der ist irre."
Es hat eine Weile gedauert, bis sie die Botschaft verstand, die ihr Mann übermitteln wollte: "Du bist irre." Das zusätzliche Geschirr war für den Geist in ihrem Kopf. Der, den sie mitgebracht hatte, aus dem Büro. Dieser böse Geist beherrschte ihre Gedanken - beim Essen, in der Freizeit und sogar nachts im Bett.
Es ist kein Psychothriller, es ist das ganz normale Leben. Und Luise Müller ist auch keine hysterische Verrückte, sondern eine zupackende Frau mit wettergegerbtem Gesicht, Schlabberpullover und braun-grauem Pagenkopf. Sie kam mit dem Druck nicht klar. Das rasende Tempo, der scharfe Ton, die ständige Anspannung, die plötzlich im Büro herrschte. Ihr Arbeitgeber strukturierte um - vom öffentlichen Dienstleister in ein profitables Unternehmen. Der Wechsel in die "freie Wirtschaft" trieb Luise Müller fast in den Wahnsinn.
Tatort: Ein Großraumbüro im ersten Stock eines Siebziger-Jahre-Blocks. Hier sind die Möbel retro, hier ist Luise Müller in den vergangenen 14 Jahren alt geworden, mit ihren Kollegen. Durchschnitt 50 Jahre und älter. 400 Angestellte schoben hier Dienst. Dann kam die Privatisierung.
"Die Anspannung fraß meine ganze Energie"
Schneller, besser, billiger. Vor acht Jahren knallte das Gerücht wie ein Steinschlag in das geordnete Leben. Plötzlich war von Reformen die Rede, von "Profit". Auf den Fluren kursierten Fragen und Antworten: Wie macht ein Dienstleister Gewinn? Er spart. Wo kann er sparen? Am Personal. Wer muss weg? Die Alten.
Luise Müller kannte schon vorm Anfang ihr Ende. Die Beweislast gegen sie war schließlich erdrückend: bereits Mitte fünfzig, aber erst seit 14 Jahren dabei, noch dazu als Quereinsteigerin. Im Vergleich zu den anderen zu wenig. Sie war sicher: "Die rationalisieren mich weg."
"Vor den Änderungen kommt die Angst. Und die kann so heftig sein, dass sie lähmt", sagt Anne Brinkmann. Die Psychologin gehört zu einem Team der Techniker Krankenkasse, das seit drei Jahren entschlüsselt, warum immer mehr Deutsche depressiv werden. Für sie ist Müller kein Einzelfall, allein die Techniker geht im Jahr bis zu 6000 Fällen unter ihren Kunden nach. Brinkmann sagt: "Unsicherheit ist meist der Einstieg in die Angst, deshalb erklären gute Firmen ihren Mitarbeitern gleich am Anfang, was mit ihnen passieren soll." Aber leider sind nicht alle Firmen gute Firmen.
Grübelei hält keinen Rationalisierer auf
Es gab keine Gespräche, kaum Aufklärung. Deshalb hat Luise Müller das "Großreinemachen" misstrauisch beobachtet, von ihrem Tisch, ganz hinten links im Großraum. Und da sie keine Chance sah, lauerte die Gefahr überall. Die Gefahr zu versagen. Die Gefahr, sich zu blamieren. Die Gefahr zugrunde zu gehen.
Gekämpft hat sie nicht. Sie hat sich einfach nur ergeben und wurde krank: "Die Anspannung fraß meine ganze Energie. Am Ende konnte ich manchmal nicht einmal mehr eine Kaffeetasse heben."
Wie konnte es so weit kommen? Ihr Leben lief schließlich nie auf Reserve: 1975 macht Luise Müller eine Ausbildung zur MTA, zur medizinisch-technischen Assistentin. Sie arbeitet in Hannover, Hamburg, Berlin, bedient 1980 die ersten Computertomografen. 1989 kommt ihr Sohn zur Welt. 1990 scheitert die Ehe, die junge Mutter schlägt sich allein durch. Doch der Schichtdienst frisst sie auf. 1996 ergattert sie den Sachbearbeiterposten. Kein Traumjob, aber ein unbefristeter Vertrag. Und Kernarbeitszeiten von 9 bis 15 Uhr.
Die Sicherheit erlöste sie von den bangen Fragen: Was passiert, wenn... ich die Miete nicht zahlen kann?; ...vom Vater kein Unterhalt kommt?; ...der Junge krank wird? Zehn Jahre hatte Luise Müller, inzwischen neu verheiratet, Ruhe. Erst durch die Wirtschaftsprüfer kam die alte Furcht zurück: Was passiert, wenn... sie mich tatsächlich rauswerfen? Diese Frage ließ Luise Müller nicht mehr los.
Luise Müller machte sich unsichtbar und gab auf - doch dann geschah ein kleines Wunder
Doch Grübelei hält nichts auf, schon gar keine Rationalisierer: Das 14. Monatgehalt fiel weg, stattdessen gab es Leistungszulagen - Luise Müller hat nie eine erhalten. Gewöhnliche Berichte wollte niemand mehr, stattdessen puzzelte man mit vorgegebenen Textbausteinen - Luise Müller warf sie durcheinander. Sie musste nachsitzen und ihre Arbeit zeigen. Die Chefin korrigierte mit Rotstift.
Luise Müller leidet noch heute: "Die war 20 Jahre jünger. Es war entwürdigend." Ihre Sorgen interessierten nicht. Und deshalb merkte die Chefin auch nicht, dass Luise Müller nicht nur nicht wollte, sondern auch gar nicht mehr konnte. "Geschulte Manager nehmen dann die Luft raus, sprechen und suchen Lösungen", sagt Krankenkassen-Expertin Brinkmann.
Die Vorgesetzte von Luise Müller erhöhte den Druck und verteilte Punkte, wie in der Schule. Die Müller bekam ein "Ungenügend", eine Sechs. Die Angestellte schämte sich, machte sich unsichtbar, nahm die Treppe, damit sie keiner sah. Huschte am Chefzimmer vorbei, damit die Vorgesetzte nicht mit ihr sprach. Schließlich tat sie, was jeder tut, für den das Ziel unerreichbar scheint: Sie gab auf. Der Arzt schrieb sie krank. Erst für ein paar Tage, dann für ein paar Wochen, dann über viele Monate.
Immer wachsam, immer auf der Hut
F-Diagnose, das heißt Depression und stand auf der Krankmeldung, die zur Krankenkasse ging. F-Diagnose kann ein Burnout sein. Dann braucht man Hilfe, bevor das Grübeln den Kopf füllt und den Körper lähmt. Nach 14 Tagen klingelte bei Luise Müller das Telefon. Ein Mitarbeiter der Krankenkasse fragte: "Wie geht es Ihnen?"
Es war fast zu spät. Luise Müller erinnert sich: "Der Geist spukte schon in meinem Kopf." Er hatte auch ein Gesicht, das der Chefin. "Sie machte immer noch Stress." Müller fuhr zwar nicht mehr ins Büro, doch sie saß in Gedanken immer noch im ersten Stock des Betonblocks, ganz hinten links. Immer wachsam, immer auf der Hut. Ihr Mann war hilflos: "Nimm das nicht so ernst, warum trifft es dich so?" Die Angestellte konnte es sich auch nicht erklären. Heute weiß sie: "Ich hatte alles verloren. Es gab keine Hoffnung mehr."
Alles war egal. Nach sechs Wochen stoppte ihr Arbeitgeber das Gehalt. Egal. Ihre Schwester bekniete sie: "Schreib' Bewerbungen, bitte." Egal. Der Sohn gab ihr Mut: "Du schaffst das." Egal. Sie sagt: "Ich habe mich nicht mehr getraut." Nach sechs Wochen überwies die Krankenkasse das Krankengeld und bot eine Beratung an. Ein Coach organisierte ein Gespräch mit dem obersten Chef. Die beiden Männer diskutierten, Luise Müller schwieg: "Ich wollte nicht weinen." Der Vorgesetzte zeigte Verständnis, versprach: "Wir kümmern uns." Doch es geschah nichts. Wieder nicht.
Als sie kündigte, zitterte ihre Stimme nicht
Es gab ein zweites Gespräch. Diesmal hat Luise Müller geredet. Nur zwei Worte: "Ich kündige." Ihre Stimme hat nicht gezittert. Darauf ist sie bis heute stolz. Und auch auf das Wunder, das dann geschah.
Noch am selben Tag griff sie zum Hörer und wählte die Nummer einer Klinik: "Ich habe gelesen, Sie brauchen Unterstützung. Ich suche eine Stelle, aber bin schon alt...". Die Schwester auf der anderen Seite stutzte, lachte und antwortete dann: "Ich kenne doch Ihre Stimme. Luise, bist du es?" Es war eine Kollegin aus vergangenen Tagen.
Die "alte" Luise hat die Stelle bekommen. Sie hat angenommen. Ihr Herz klopfte, doch da war keine Angst. Jetzt verdient sie jeden Monat 600 Euro weniger und ist trotzdem zufrieden: "Was bedeutet schon Geld? Die Patienten schenken mir so viel mehr, nämlich Dankbarkeit."
(* Namen geändert)
KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.