Karriere mit Knick: Ende einer wunderbaren Freundschaft - DER SPIEGEL
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Karriere mit Knick Ende einer wunderbaren Freundschaft

Das Urteil fiel in der Kaffeepause und wurde sofort vollstreckt. Minuten später baumelte Helmuth G. als Galgenmännchen am Strang. Für die Kollegen ein Spaß, für ihn grässliches Mobbing. Das Leben des Chemikers geriet aus den Fugen - sein bester Freund, inzwischen der Chef, hatte ihn verraten.
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Die Quizfrage beim gemeinsamen Frühstück lautete: Labor-Loser mit 14 Buchstaben. Die Antwort stand unter dem Hingerichteten: Dr. Helmuth G. Die Herren Doktores hatten ihn als schwarzes Strichmännchen ans Flip-Chart gepinnt. Dort, wo sie sonst ihre chemischen Gleichungen notierten. Der Verurteilte selbst ahnte nichts.

Der kam kurze Zeit später mit einem Kunden in die Forschungsabteilung des Chemiekonzerns. Der Gast entdeckte den "Hangman" und schwieg betreten. Doktor G. versuchte noch schnell einen Witz. Doch lockere Sprüche klappten bei ihm noch nie, auch diesmal nicht. Seit dem Tag kreist bei jedem Gespräch, bei jeder Konferenz, bei jeder Diskussion ein Satz durch sein Hirn: "Ich bin tot. Sie haben mich erhängt."

Gejagt, umzingelt, gestellt. "Wenn der Chef dich zum Abschuss freigibt, bist du verloren", sagt Helmuth G. heute. Dann werden die Kollegen zu Jägern. Und der Geschasste rennt wie ein Hase über die Lichtung. Schlägt hektische Haken und läuft und läuft und läuft - immer einem Lob hinterher, einem anerkennenden Lächeln, einem netten Wort. Vergebens. Der hochintelligente, hochsensible Dr. Helmuth G. wurde schließlich von der Meute gestellt.

Die beiden Freunde wurden ein Dream-Team

"Ich war so naiv, kannte nicht die Spielchen von Karriere und Macht." Als er von der Uni ins Arbeitsleben wechselte, dachte der junge Absolvent noch, intelligente Menschen machen das nicht: schleimen, lästern, Intrigen schmieden. Dabei hatte sein Professor ihn gewarnt: "Junge, pass auf, die Welt ist nicht lieb und nett." Doch Helmuth G. hatte ein gutes Angebot aus der Industrie. "Heute weiß ich, dass Leistung nicht zählt, wenn die Chemie nicht stimmt."

Was lief schief? Helmuth G. ist bescheiden. Eigentlich lässt er sein summa cum laude, die Höchstwertung für eine Promotion, nicht raushängen. Doch die guten Noten waren der Grund, warum ihn sein bester Freund vor 16 Jahren in die Firma holte - "komm mal vorbei". Als er ging, hatte er einen Arbeitsvertrag in der Tasche. So einfach war das. "Ich war unglaublich glücklich, damals standen viele promovierte Wissenschaftler auf der Straße", so Helmuth G.

Riecht's schon brenzlig?

Die beiden waren ein Dream-Team. Sie suchten gemeinsam Wirkstoffe für Medikamente, testeten sie auf Nebenwirkungen. Wenn Helmuth G. heute auf den Anfang zurückblickt, muss er über so viel Ehrgeiz lächeln: "Wir arbeiteten Tag und Nacht, meldeten mehr Patente als die Kollegen an."

Das machte sie nicht gerade beliebt, stärkte aber die Freundschaft. Dachte er. Die beiden trafen sich auch an den Wochenenden, zum gemeinsamen Grillen oder auf ein Bier. Die Themen gingen ihnen nie aus. Da war die Firma, die Firma und eigentlich immer die Firma.

Das Mobbing begann hinter den Kulissen

Sicher, der Freund war der bessere Verkäufer. Darum präsentierte er alle Ergebnisse. Helmuth G. fand das okay. Bis sein Studien-Kollege zum Chef aufstieg und ihn zurückließ - als einsamen, einfachen Chemiker in der Riege.

Damals hätte er die Abteilung wechseln müssen. Doch Helmuth G. glaubte: "Jetzt geht's erst los." Erst Monate später erkannte er: "Die Karriere war der Freundschafts-Killer. Ein 'Wir' gab es nicht mehr." Da war die Katastrophe aber schon passiert. Der Hamburger Hirnforscher Alfred Fleissner beschäftigt sich seit Jahren mit Beziehungen am Arbeitsplatz. "Freundschaften zwischen Chefs und Untergebenen funktionieren nur, wenn ganz klar ist, wer oben und wer unten steht", erklärt er.

Nein, sie hatten nicht den gleichen Vertrag, nicht das gleiche Gehalt, nicht dieselben Kollegen. Sie verband viel mehr - Freundschaft. Dachte Helmuth G. Klar, sie trafen sich nicht mehr in der Kantine, tranken nur noch selten ein Bier. "Aber eine neue Position bedeutet schließlich Stress", wusste Helmuth G. Er nahm das alles nicht so wichtig, zog sich ins Privatleben zurück. Seine Frau bekam das erste Kind. Selbstverständlich stand der Freund Pate.

Eigentlich lief doch alles gut. Sein Vorgesetzter spornte ihn an: "Du hast immer so wahnsinnig abgefahrene Einfälle, ich brauche mehr davon." Helmuth G.: "Ich bin immer gesprungen. Sein Lob war Adrenalin. Streicheleinheiten waren mir wichtiger als Gehaltserhöhungen oder Karriere."

Gute Freunde dürfen laut streiten, ein Mitarbeiter mit dem Chef nicht - Helmuth G. war jetzt "ein Niemand". Und entschied sich fürs Kämpfen

Die Erkenntnis: Sie kam nicht von heute auf morgen. "Zuerst war da nur ein Gefühl", sagt Helmuth G. Er machte Vorschläge, freundschaftlich, wie immer. Doch sein Freund hörte nur selten zu. Es gab Ärger mit einem anderen Chef. Sein Freund schlug sich auf die andere Seite. Er machte Witze über die gute alte Zeit - "mein Gott, was waren wir damals naiv..." Da schnitt ihm sein Freund das Wort ab.

Für Alfred Fleissner, der über den Verein Klima e.V.  Konfliktlösungen und Mobbingberatung anbietet, eine ganz normale Reaktion: "Mitarbeiter, die alle Fehler und Schwächen kennen, sind für jeden Chef eine Gefahr. Unbekümmerte Aussagen untergraben seine Autorität." Er ist sicher: "Damals fing hinter den Kulissen schon das Mobbing an." Kleine Sticheleien, abfällige Bemerkungen, Kritik vor versammelter Runde, Späße, über die alle lachten. Nur Helmuth G. nicht. Er hat zu lange alles geschluckt.

Sie waren doch Freunde - oder? Der Ton änderte sich. Der Freund forderte mehr Ergebnisse. Die Arbeit nahm zu, der Chemiker sollte zusätzlich neue Roboteranlagen einrichten. Spontane Besprechungen klappten nicht mehr. Helmuth G. musste jetzt Termine bei der Vorzimmerdame .

Der Flurfunk funktionierte tadellos

Eines Tages fielen ihm zufällig seine eigenen Präsentationen in die Hand. In der Autorenzeile stand der Name seines Freundes. Da rannte der stille Mann an der Sekretärin vorbei, direkt ins Zimmer des Vorgesetzten. Er wurde laut. Schimpfworte flogen. Gute Freunde dürfen so streiten. Aber nicht ein Mitarbeiter mit seinem Chef. Mobbing-Experte Fleissner: "Der muss loyal sein und auch Entscheidungen akzeptieren, die er nicht teilt."

Hätte er doch seinen Mund gehalten. Der Flurfunk funktionierte tadellos. Schon mittags saßen die Kollegen in der Kantine an einem anderen Tisch, in der Kaffeeküche verstummte jedes Gespräch. Künftig wurden Geburtstage ohne den Chemiker gefeiert, sein Chef gab kein Material mehr frei. "Die Entscheidung war einstimmig - für den Mächtigen, gegen den Schwachen", sagt Helmuth G., "ganz logisch. Ich war ein Niemand."

Verbrannt. Nicht nur für die Firma, sondern für den gesamten Arbeitsmarkt. Die Personalabteilung schickte ein Zeugnis. Zwischen den Zeilen stand "Querulant". Er hat den Absprung nicht gewagt: "Der Markt ist klein, man kennt sich." Zu der Zeit lag er schon jeden Sonntag mit Bauchkrämpfen auf dem Sofa und beobachtete in der Firma den Flur. Kein Kollege sollte ihn sehen - "ich hatte panische Angst".

Freundschaft? Das ist schon lange vorbei

Eines Abends sitzt Helmuth G. im Auto und rast mit 120 Sachen auf einen Brückenpfeiler zu. Es knallt nicht. Er muss in letzter Minute gebremst haben. Er weiß es nicht mehr. Da hat ihn seine Frau zum Hausarzt geschleppt.

Sechs Jahre ist das jetzt her. Ein Psychiater trennte in unzähligen Sitzungen die Gefühle vom Verstand. Am Ende blieben nur Fakten: Frau, zwei kleine Kinder, keine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Aufgeben oder kämpfen? Helmuth G. hat sich für den Kampf entschieden. Er arbeitet immer noch in der Abteilung, in der alles begann, engagiert sich im Betriebsrat und hat sich so Achtung verschafft. Nicht bei den Chefs, aber bei den Mitarbeitern. Sein Freund hat es bis ganz nach oben geschafft. Helmuth G. glaubt nicht mehr an Freundschaft.

KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.