Junger Landwirt: Auf dem Hof der Väter
Junger Bauer Land in Sicht
Der Himmel über Stommeln sieht an diesem Morgen aus, als hätte er seine Gabe, in lichtem Blau zu erstrahlen, auf ewig verloren. Ein bleiernes Grau ohne Nuancen. Thomas Decker legt den Kopf in den Nacken und die Stirn in Falten. "Das sieht nicht gut aus", sagt er.
Eigentlich wollte er heute Zuckerrüben säen. Die Maschine, ein grünes Ungetüm mit roten Rädern und vielen kleinen Walzen vorn und hinten, steht schon bereit. Doch die dichten Wolken werden Decker wohl einen Strich durch die Rechnung machen. Fachmännisch drückt der Jungbauer, schwarze Haare, rot-weiß kariertes Hemd, die Spitze seines Arbeitsschuhs in den Lehmboden. "Viel zu weich", sagt der 29-Jährige. "Ohne Sonne kann ich nicht rausfahren."
Es ist noch nicht lange her, da war Thomas Decker das Wetter egal. Er saß in Vorlesungen über die "Biologie der Nutzpflanzen" und studierte in Bonn Agrarwissenschaften - ein Fach mit guten Zukunftsaussichten.
Die Absolventen sind begehrte Fachkräfte in der Lebensmitteltechnik, im Maschinenbau oder im Groß- und Einzelhandel. Einige landen auch als Sachbearbeiter bei Behörden oder als Berater bei Banken. Doch für Decker kam das alles nicht infrage, er wollte seinen Kindheitstraum leben: den väterlichen Bauernhof in Stommeln bei Köln übernehmen, einer Gemeinde mit 8000 Einwohnern.
"Hier bin ich mein eigener Chef"
Heute, drei Jahre später, ist er Herr über 5 Traktoren, 20 Landmaschinen, 2 Pferde und 250 Hektar Acker - eine Fläche, so groß wie 350 Fußballfelder. Den Kragen seiner grauen Arbeitsjacke hochgeschlagen, lädt er zu einem Rundgang ein. Er führt vorbei an seinem Elternhaus, hinüber zur Scheune, wo ein Mitarbeiter gerade Weizen vom vergangenen Jahr verlädt. Jedes Mal, wenn sich die Baggerschaufel in den mannshohen Getreideberg gräbt, rieseln Körner hinab wie an einer Sanddüne.
Rund um den gepflasterten Innenhof stehen dunkelrote Backsteingebäude und Laubbäume. Decker zeigt auf einen Basketballkorb ohne Netz, der an einer Hauswand hängt. "Dort habe ich früher immer mit meinen Geschwistern gespielt." Die sind längst nicht mehr da. Seine kleine Schwester tourt durch Australien, der jüngere Bruder arbeitet als Controller in Köln.
Das Land und die Landwirtschaft haben ein Nachwuchsproblem: Jedem dritten Hofchef fehlt ein Nachfolger. Deckers Eltern waren daher froh, dass der Älteste sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als nach Stommeln zurückzukehren.
Decker führt den Betrieb noch gemeinsam mit seinem Vater, doch er kann auf dem Hof schon viel gestalten und entscheiden - deutlich mehr als ein Angestellter in der freien Wirtschaft. "Hier bin ich mein eigener Chef", sagt der Jungbauer.
Ausgabe 3/2016
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Oft sitzt er abends am Schreibtisch, macht die Buchhaltung und rechnet hin und her. Er zeigt auf einen Traktor, das neueste Modell auf dem Hof. Das Ding kostete etwa 150.000 Euro, andere Maschinen waren sogar doppelt so teuer. "Mit solchen Summen umzugehen, ist am Anfang nicht einfach."
Seit acht Generationen ist der Hof in Familienhand. Die Verantwortung wiegt schwer - und das Umfeld wird immer härter. Landwirte stecken mittendrin in der Globalisierung. Der Milchpreis zum Beispiel ist derzeit auf dem niedrigsten Stand seit Jahren, weil die Chinesen weniger kaufen und die Russen wegen des Embargos gar nichts mehr kaufen können. Außerdem fiel vor etwa einem Jahr die Milchquote weg.
Tausende Milchbauern bangen um ihre Existenz. Inzwischen kündigte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) den in Not geratenen Milchbauern sogar ein Hilfspaket an, welches unter anderem zusätzliche Bürgschaften und steuerliche Entlastungen umfassen soll. Auch den Schweinehaltern geht es kaum besser.
Decker ist als Ackerbauer davon zwar nicht betroffen, aber auch in seinem Segment sinken die Erzeugerpreise - also das, was die Bauern für ihre Waren bekommen. Agrarkonzerne, die Zehntausende Hektar Fläche oder mehr bewirtschaften, können diesem Druck standhalten. Familienunternehmen wie das von Decker tun sich schwer.
Zweites Standbein gesucht
Jedes Jahr schließen Tausende Bauern ihren Betrieb, verkaufen ihre Maschinen, ihr Land, ihre Tiere. Derzeit gibt es in Deutschland rund 280.000 landwirtschaftliche Betriebe. 1975 waren es noch knapp eine Million.
"Es ist wichtig, ein zweites Standbein zu haben, sich nicht von den klassischen Feldfrüchten abhängig zu machen", sagt Decker. Der Unternehmer steigt auf einen Traktor und fährt los Richtung Landstraße. Nach etwa zehn Minuten stoppt er an einer Wiese mit dichtem Gras. Dort wächst Rollrasen, der dem Hof stabilere Einnahmen bescheren soll. Decker hat dafür fünf Maschinen gekauft, drei Mitarbeiter eingestellt und eine Internetseite bauen lassen.
Er weiß noch nicht, ob sich seine Investition auszahlen wird. Die neue Schneidemaschine rattert los und trennt gleichmäßige Grasstreifen aus dem Boden. Der Jungbauer läuft nebenher, prüft die Dicke der Streifen und sieht dabei zufrieden aus. Ein Jahr lang hat er auf diesen Moment gewartet. So lange dauert es, bis der Rasen ausgewachsen ist und verkauft werden kann. Ein Jahr, in dem Decker fünfmal pro Woche aufs Feld gefahren ist, gegossen und gemäht hat.
Immer in der Hoffnung, der Rollrasen möge helfen, dass der Hof weitere acht Generationen ernähren kann.