Kloster-Management: Neue Schuhe? Schwester Lioba entscheidet
Kloster-Managerin Gott fragt nicht nach Aktien
Wenn Schwester Lioba Zahn nicht weiß, womit sie zuerst anfangen soll, schaut sie auf das Bild ihrer heiligen Namenspatronin neben dem Computer. Ein Blick und ein Stoßgebet, und sie kann sich wieder konzentrieren.
Ob Lebensmitteleinkäufe oder Aktien, Renten und Versicherungen, Mahnungen, Pachten oder Rücklagen - alle wirtschaftlichen Angelegenheiten des Klosterlebens gehen über ihren Schreibtisch. Beten allein reicht im Kloster nicht aus: Klöster sind von der katholischen Kirche finanziell komplett unabhängig. Während sich die Öffentlichkeit über die Prunksucht eines Bischofs Tebartz-van Elst empört, müssen Nonnen und Mönche ihren Unterhalt selbst verdienen.
So auch in Schwester Liobas Benediktinerinnenkloster Mariendonk. Dort, in Grefrath am Niederrhein, stellen sie Kunstpostkarten und Kerzen her, vermieten Gästezimmer und veröffentlichen theologische Publikationen. Wie in einem weltlichen Unternehmen hat Schwester Lioba für die Wirtschaftlichkeit des Klosters einen Businessplan aufgestellt, den sie jedes Quartal anpasst. Für Sanierungsprojekte wie die Glockenturmstatik in der Kirche oder energetische Baumaßnahmen tritt ein Achtjahresplan in Kraft.
Wer einen neuen Mantel will, muss um Erlaubnis bitten
Solche Pläne und Zeitschienen gehören zu den Stärken von Schwester Lioba, 53. Auch Hedgefonds und High-Yield-Anleihen sind für sie keine Unbekannten. Vor drei Jahren wurde die ehemalige Psychotherapeutin zur Cellerarin ernannt, einer Art Geschäftsführerin oder Kloster-Wirtschaftsministerin. Sie musste sich erst einarbeiten, mit Fortbildungen zu Steuerrecht oder Buchhaltung und mit viel Learning by Doing.
Heute gehört der Wirtschaftsteil der Tageszeitung neben dem Evangelium zu ihrer Pflichtlektüre: "Wenn die nächste Krise kommt, muss das Kloster gewappnet sein." Für die Schwester ist Geld Teil einer unheilen Welt mit Unrechtsstrukturen, in die auch das Kloster eingebunden ist, und von denen es sich nicht gänzlich distanzieren kann. Klösterliche Ethikkriterien hin oder her, Schwester Lioba ist Realistin: "Wenn ich meine Finger mit Geld nicht schmutzig machen will, kann ich meinen Job nicht machen."
Die Eremitin: Ein Leben für Gott
Trotz der Parallelen zu weltlichen Unternehmen ist doch die Grundhaltung im Kloster eine andere: Hier geht es in erster Linie darum, die Existenz des Klosters auch für die nächsten Generationen zu sichern, nicht um Gewinnmaximierung. "Wir behandeln alles im Kloster wie heiliges Altargerät", so Schwester Lioba.
Immer häufiger müssen Klöster in Deutschland wegen Nachwuchsmangels schließen. In Mariendonk sieht es nicht so düster aus. Der Altersdurchschnitt liegt zwar bei 65 Jahren, aber immerhin sind unter den 33 Schwestern auch zwei Novizinnen.
Über die Klosterfinanzen wird auf verschiedenen Ebenen entschieden. Keine der Schwestern verfügt über Bargeld oder über Privatbesitz (der geht bei Eintritt ins Vermögen des Klosters über); daher kann jede sich Utensilien für den täglichen Bedarf aus einem Depot nehmen, etwa Shampoo, Creme oder Kugelschreiber. Der Anschaffung neuer Schuhe oder eines Mantels muss allerdings die Cellerarin zustimmen und zahlt der Schwester den Betrag nur aus, wenn auch sie es für notwendig hält.
Was ist Armut, was schon Luxus?
An diesem Punkt wägt Schwester Lioba stets den Wunsch und das Versprechen der Schwestern auf klösterliche Armut ab: "Ist es Armut oder Luxus, wenn wir die Milch beim Bauern aus dem Dorf kaufen statt bei Aldi, wo es billiger wäre, aber nicht regional engagiert?" Eine Gratwanderung zwischen spirituellen Werten und wirtschaftlichen Notwendigkeiten - "wir kaufen zwar fair gehandelten Kaffee, aber Bioprodukte können wir uns nicht leisten".
Entscheidungen über größere Summen treffen vier Schwestern im "kleinen Wirtschaftsrat". Für andere wichtige Entscheidungen wie Neueintritte ins Kloster ist der Seniorrat zuständig, mit vier Schwestern und der Äbtissin. Über große Anschaffungen oder Umbauten entscheidet der ganze Konvent der Schwestern im "großen Wirtschaftsrat", der dreimal im Jahr tagt - zuletzt etwa zum behindertengerechten Umbau des Klostereingangs.
Die Verantwortung trägt am Ende die Äbtissin, Schwester Christiana Reemts. Sie sieht sich nicht nur als Managerin des Klosters: "Ich bin dafür verantwortlich, dass wir immer und zuerst nach dem Willen Gottes fragen und ihm gehorchen. Alles andere ist zweitrangig."
So sieht es auch Schwester Lioba: "Wenn ich vor meinem Schöpfer stehe, wird er mich nicht danach fragen, ob ich die richtigen Aktien gekauft habe." Und ihr Bildschirmschoner bestätigt: "Am Ende Deines Lebens wirst Du nach der Liebe gefragt."
Heidi Friedrich ist freie Journalistin. Sie lebt in der Nähe des Bodensees.