Pokern um Marketing-Talente: Schaut doch mal, wie cool wir sind
Spielefirma sucht Mitarbeiter Mit Poker fängt man Marketing-Talente
Der Abend beginnt mit einer Enttäuschung. Statt mit Poker-Weltmeisterin Katja Thater, wie als Köder angekündigt, spielt Dominik Lay mit lauter Anfängern. Die Hälfte der Leute an seinem Tisch hat keine Ahnung vom Pokern. Auch der Croupier ist überfordert. Er stammelt etwas von Paaren, Drillingen und Straßen, kramt dann unter dem Tisch nach einem Stapel Spielanleitungen des Casinos. "Die könnt ihr ja offen vor euch legen."
Ein Networking-Event für Onlinemarketing-Experten soll dieses Hamburger Pokerturnier sein. Eigentlich geht es aber um mehr: Christian und Kai Wawrzinek, Gründer des Browser-Spielherstellers Goodgame Studios, suchen neue Mitarbeiter. Vor vier Jahren gründeten der Rechtsanwalt und der Zahnarzt die Firma in einem Keller in Hamburg-Othmarschen. Und setzten mit den Browser-Spielen aufs richtige Pferd: Allein das Strategiespiel "Goodgame Empire" spielen weltweit mehr als 40 Millionen Menschen.
Die Brüder haben es von null auf 500 Mitarbeiter geschafft und wollen bis Ende des Jahres 300 neue Leute einstellen. Programmierer, Designer, Personalmanager, aber vor allem Online-Marketer. Leute, die wissen, wie man in den Trefferlisten von Google ganz oben landet, die sich mit Online-Anzeigen auskennen und mit Werbung auf dem Handy. Leute wie Dominik Lay.
Nach zwei, drei Jahren geht man als Profi durch
Doch er hat schon einen Job. Er kümmert sich beim Versandhaus Bonprix um E-Commerce und Seo (Search Engine Optimization), Suchmaschinenoptimierung. Die drei Buchstaben hat hier so gut wie jeder auf der Visitenkarte stehen.
"Google ist die größte Fußgängerzone der Welt, Seo vergrößert die Schaufenster", so erklärt Gero Wenderholm, 35, seinen Job. Er leitet die Seo-Abteilung von Tchibo und hat eine goldene Kaffeebohne als Markenzeichen am Revers seines schwarzen Anzugs. Auch die anderen 14 Männer und vier Frauen, die der Einladung ins Spielcasino folgten, haben feste Verträge. Sie arbeiten für große Konzerne wie die Deutsche Bahn, für Versandhäuser, Reiseportale oder Verlage. Ihre Branche ist noch jung, wer zwei, drei Jahre im Geschäft ist, gilt schon als Profi - und kann sich die Jobs fast aussuchen.
Schöpfer von Computerspielen: Junge Gesichter und Kapuzenjacken
Knapp 10.000 Stellenanzeigen mit den Begriffen Onlinemarketing, Web Projektmanagement, Suchmaschinenoptimierung oder Social Media zählte der Branchenverband Webmasters Europe Ende April in 32 Online-Jobbörsen, 3500 Anzeigen mehr als im Vorjahr. Auffällig hoch ist die Nachfrage nach Experten für Suchmaschinenmarketing: Von 63 auf 590 schnellte die Zahl der Anzeigen binnen eines Jahres hoch.
Eigenes Schwimmbad und Fitnessstudio, gratis Obst, Müsli und Feierabendbier, dazu eine Feel-good-Managerin, die sich ausschließlich ums Wohl der Mitarbeiter kümmert - das reiche nicht mehr, um Talente zu locken, sagen die Wawrzineks. Sie setzen jetzt auf Poker.
Plaudern mit Pokerface
Zum Turnierstart stapeln sich auf dem Tisch Spielanleitungen und Häppchenteller. "Wie jetzt? Muss der Gewinner gar nicht seine Karten zeigen?", fragt einer der "Fische", der Anfänger. Dominik Lay ist ein wenig genervt. Die Neulinge lassen sich abzocken, wenigstens das. Von den Spielkarten grinsen bunte Comic-Figuren, ein Bube mit Ritterrüstung und rotem Puschel am Helm, ein König mit Knollennase. Die Wawrzineks haben sie extra für diesen Abend drucken lassen: die Protagonisten ihres erfolgreichsten Spiels.
An jeden der drei Tische haben sie mindestens einen Mitarbeiter gesetzt, zum Kennenlernen und Fragen beantworten. Doch Poker ist ein stilles Spiel, Plaudern mit Pokerface keine leichte Übung. Andererseits ist das auch eine perfekte Tarnung. "Poker als Recruiting-Tool" lautete die Überschrift eines Artikels auf einer Branchenwebseite.
"Keine Angst, wir wollen niemanden abwerben und auch keinen Job verlosen", beschwichtigt Christian Wawrzinek, 33, seine Gäste in der Willkommensrede. Man wolle sich einmal vorstellen, zur Abwechslung im schwarzen Anzug, "so sieht man uns ja sonst selten", Stichwort Networking. Damit kennen sich die Pokergäste aus. Sie kennen einander von der Seo Cruise, dem Seo Day oder Seo Oktoberfest. Im Schnitt gebe es alle zwei Wochen eine Veranstaltung für Online-Marketer, schätzt Patrick Klingberg, Vorstand von Artaxo, einer Hamburger Firma für Suchmaschinenoptimierung.
3000 Euro verzockt, jetzt geht die Party richtig los
An diesem Abend haben er und Wenderholm eine weitere Einladung in der Tasche: Eine IT-Firma feiert wenige hundert Meter entfernt. Dass die beiden jetzt trotzdem im Spielcasino sind, nehmen die Wawrzinek-Brüder als Bestätigung: Online-Marketer spielen besonders gern Poker. Oder würden es gern spielen können. Die ersten sind schon ausgeschieden.
3000 Euro haben die Verlierer jeweils verzockt - macht nichts, war nur Spielgeld. Auch zu gewinnen gibt es kein Geld, nur einen Pokal, die Getränke sind gratis. Entsprechend fröhlich prosten sich die Verlierer zu, tauschen Visitenkarten. Und so wird der Abend tatsächlich zum Networking-Event.
Ein Seo-Manager der Deutschen Bahn erzählt, er verbinde den Pokerabend mit einem Familienbesuch und zwei Tagen Home-Office. Bei den Goodgame Studios wäre das nicht möglich. "Eine Anwesenheit vor Ort in unseren Büroräumen ist zwingend erforderlich", heißt es in ihren Stellenausschreibungen. Unter einem Arbeiten von zu Hause aus würden "Teamarbeit und Geschwindigkeit leiden".
Der Bahn-Mitarbeiter ist empört: Das würde ja bedeuten, er sei an seinen Home-Office-Tagen unproduktiv? Das will nun auch niemand behauptet haben. Auch Teilzeitstellen bieten die Goodgame Studios nicht an. Aber danach fragt an diesem Abend niemand mehr. Networking ist eben kein Recruiting. Und Poker ist - einfach nur Poker.
Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.