Selbstoptimierung als Comedy Manchmal hilft nur ein lautes »F*ck it«
Masood Boomgaard: »Wo ist der Typ, der mir erlaubt, auf alles zu scheißen?«
Foto:Jerome Naidoo
Masood Boomgaard hat die Sonnenbrille abgesetzt. Eineinhalb Stunden Bühnenshow in der Kölner Kulturkirche liegen hinter ihm, der letzte von fünf Deutschlandauftritten. Nur Masood, ein Mikro und sein Alter Ego »Self Help Singh«. Oder: 90 Minuten Anti-Selbstoptimierung bei sanfter Sitarmusik und Sätzen wie »Don't beat yourself up over past mistakes. You are going to fuck up again in the future« oder »Sick days are not only for when you are sick. Sick days are also for when you are sick of people’s bullshit.« Im Hinterzimmer des angrenzenden Pfarrhauses steht ein kleiner Korb mit Bananen und eingeschweißten Schokoriegeln auf dem Tisch. Dazu gibt es Wasser. Der Comedian, gerade auf seiner dritten Welttournee, reist allein. »Self Help Singh« – ein Onlineguru ohne Glamour, aber mit 1,7 Millionen Followern auf Instagram.
SPIEGEL: Herr Boomgaard, in einem Ihrer erfolgreichsten Videos sagen Sie: »Fuck your Job «, und Work-Life-Balance sei Bullshit. Wer annähernd so viel arbeite, wie er lebt, sei »fucked«. Eine Botschaft, die sich durch ihre Videos zieht. Sprechen Sie aus Erfahrung?
Boomgaard: Definitiv. Bevor ich mit Comedy Geld verdient hab, hatte ich andere Jobs.
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SPIEGEL: Welche waren das?
Boomgaard: Ich war mal Journalist. Die meiste Zeit habe ich über Politik und Kriminalität berichtet. Wenn du Action willst, werde Kriminalreporter in Südafrika. Ich habe mehr Leichen gesehen, als jeder normale Mensch sollte. Und ich war desillusioniert von der Tatsache, dass sich in einem Land wie Südafrika nie etwas änderte, selbst wenn wir darüber schrieben.
SPIEGEL: Sie wollten raus aus der Branche?
Boomgaard: Ich ergatterte einen Job in einem Start-up im digitalen Marketing. Der Journalistenberuf war frustrierend, aber dieser Job war der schlimmste. Ich habe alles gemacht: Vertrieb, Kaltakquise, Kommunikation. Man tat so, als wären wir eine Familie und jeder opferte sich dafür auf, weil er daran glaubte. Es gab keine Abgrenzung, keine festen Rollen. 2015 habe ich den Job gekündigt.
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SPIEGEL: »Self Help Singh« ist also das Ergebnis eines zynischen Journalisten, der an der Welt verzweifelt und einem von Selbstausbeutung ausgebrannten Millennial?
Boomgaard: So in etwa. Ich habe dann als Comedian gearbeitet. Das lief recht gut, 2019 hatte ich eines der besten Jahre meiner Comedykarriere. Einmal im Monat spielte ich eine öffentliche Show, den Rest der Zeit trat ich bei Hochzeiten und Geburtstagen auf. Ich hatte sogar Auftritte in anderen Ländern. Dann ging im Februar 2020 die Welt unter.
SPIEGEL: Der Beginn der Pandemie.
Boomgaard: Im ersten Jahr habe ich gar keine Comedy gemacht. Irgendwann fing ich an, online auf allen möglichen Plattformen aufzutreten. Das war zum Verzweifeln. Ich habe Zoom-Shows gemacht, bei denen der einzige Typ, der seine Kamera eingeschaltet hatte, gerade seine Wand strich. Ich weiß also, was es heißt, als Künstler auf dem Boden der eigenen Würde zu arbeiten. Meine Ersparnisse verpufften und meine kreative Energie auch.
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SPIEGEL: Ein zynischer Journalist, ausgebrannter Millennial und seiner Bühne beraubter Künstler.
Boomgaard: Ja, ich wurde wirklich depressiv. Ich las Ratgeber, die mir Bekannte gaben, aber dachte nur: Dieser Autor hat gut reden. Er ist Multimillionär, Autor eines Bestsellers, es geht ihm gut. Und ich hab mich gefragt: Wo ist der Typ, der mir erlaubt, auf alles zu scheißen, aufzugeben?
SPIEGEL: Dann gingen Sie in den Wald und erfanden »Self Help Singh«. Er ermutigt uns, aufzugeben: Erwartungen, Hoffnungen, Träume. Und einfach nur zu chillen.
Boomgaard: Es ist doch so: Wir sind die einzigen Menschen in der Geschichte der Menschheit, die Lifecoaches brauchen. Selbst zum Atmen. Ich wollte, dass mir jemand erlaubt, einfach nichts zu tun. Zu fühlen, was ich fühle, anstatt daraus eine Lektion zu machen. Aber es gab keinen Tu-nichts-Guru.
SPIEGEL: Ihr erstes Video als »Self Help Singh« hieß: »Do nothing«. Sie sagen darin: »Du bist deinem Job egal, du bist deinem Boss egal. Es gibt keinen größeren Sinn im Leben. Wenn du doch etwas tun musst, tu so wenig wie möglich. Chill einfach.«
Boomgaard: Es war wie ein Gedicht für mich selbst. Ein Freund ist mit mir in den Wald gefahren, ich habe irgendwo eine Kurta aufgetrieben.
SPIEGEL: Das für Indien typische lange Hemd, das Sie in Ihren Videos tragen.
Boomgaard: Dann habe ich einfach erzählt, was ich zu dieser Zeit fühlte. Ich lud das Video hoch und vergaß es wieder. Wochen später bekam ich eine Nachricht: ›Dein Video ist auf der Titelseite von Reddit.‹ Ich bekam einen Schock. Das Video wurde millionenfach angesehen. Die Leute wollten mehr, aber das war alles, was ich zu sagen hatte. Ich hatte schließlich aufgegeben.
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SPIEGEL: Sie drehten trotzdem ein zweites Video.
Boomgaard: Das war »Fuck your Job«. Das Video ging viral. Menschen von überall schrieben mir, wie viel ihnen das bedeutete.
SPIEGEL: Hat Sie das überrascht?
Boomgaard: Sehr. Es war wie ein Gedanke des kollektiven Bewusstseins, den ich ausgesprochen hatte. Vor der Pandemie hätte das nicht funktioniert, da waren alle noch im Hustle-Modus: Arbeite, was dich glücklich macht, auch wenn du drei Nebenjobs brauchst, und du wirst Millionär. Dann kam die Pandemie und hat alles, woran wir glaubten, zertrümmert. Das erfolgreichste Video war bisher »Wenn du einen schlechten Tag hast, gib auf. Geh nach Hause und schlaf.«
SPIEGEL: Hilft Humor gegen den kollektiven Burn-out?
Boomgaard: Humor bringt Menschen zusammen. Für einen Moment lacht man gemeinsam, fühlt sich in seiner Erschöpfung verbunden. Ein Zuschauer hat mir nach einer Show mal erzählt, er wollte sich eigentlich von seiner Frau trennen. Aber an dem Abend haben sie so viel zusammen gelacht. Es hatte ihn an das Gefühl erinnert, das mal zwischen ihnen herrschte.
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SPIEGEL: Arbeite weniger, lebe mehr – das klingt zu schön, um wahr zu sein. Was sagt »Self Help Singh« zu Menschen, die sich das nicht leisten können?
Boomgaard: Vieles, was »Self Help Singh« sagt, ist übertrieben, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Im Kern seiner Botschaft steht das Thema Gleichgewicht. Die Menschen müssen aufhören, ihre gesamte Persönlichkeit auf die Arbeit zu reduzieren. Leben ist mehr als das.
SPIEGEL: »Self Help Singh« ist auch eine Parodie auf das digitale Fast-Food-Coaching mit spiritueller Note. War es an der Zeit, dass sich ein brauner Mann über die weiße New-Age-Spiritualität lustig macht?
Boomgaard: Ja.
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