Nach Diktat verreist Jetzt geht die Post App
Böse Zungen behaupten, Achtenmeyer habe sich aus optischen Gründen für eine zwanzig Jahre jüngere Sekretärin entschieden. Tatsächlich hat Achtenmeyer damals beim Recruiting keinen Blick auf das Bewerbungsfoto verschwendet. Die Wahrheit ist: Er hat Frau Schnitzel eingestellt, damit sie die kommunikative Kluft zwischen seiner und der digitalen Welt überbrückt. Dieser gap ist mit den Jahren immer größer geworden, was kein Problem war, bis Frau Schnitzel vorgestern mit einem komplizierten Beckenbruch ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
Achtenmeyer scheiterte schon bei der Recherche einer Telefonnummer. Auf der Homepage der angesagten Werbeagentur fand er unter "Kontakt" die Zahl der Likes auf Facebook und Google+, ein Instagram-Logo, eine beeindruckende Menge an Blogs und die nicht minder beeindruckende Menge an Followern bei Twitter, sowie die Aufforderung, sich dieser Menge anzuschließen. Was er nicht fand, war eine Telefonnummer. Tief unten im Impressum versteckt stieß er auf eine Mail-Adresse, doch selbst Achtenmeyer weiß inzwischen, dass Mails, die er an info@irgendwas.com verschickt, frühestens dann bearbeitet werden, wenn die katholische Kirche den Zölibat aufhebt.
Social Media Manager: Hilfe, ein Wutsturm kommt
Viel Zeit, sich in Niedergeschlagenheit zu suhlen, blieb nicht, denn am späten Vormittag begann sein Telefon ohne Unterlass zu klingeln. Mindestens drei Dutzend Kollegen erkundigten sich besorgt bis empört, warum er ihre dringende Anfrage nicht beantwortet habe.
Der Dialog ging jedes Mal so: "Hey, ich bin's, sag mal, ich warte hier auf die management decision. Was ist los bei dir?" - "Wieso, was ist los? Ich hab keine Mail von dir gekriegt." - "Mail?? Ich hab dir doch gewhatsapped, wie immer."
WhatsApp - das nehm ich auch
Am letzten Satz irritierte Achtenmeyer weniger das "gewhatsapped", denn nach der ersten Handvoll Anrufer hatte er das Wort gegoogelt und war im Bilde. Verstörender war der Zusatz "wie immer". Ein Anruf bei Frau Schnitzel brachte Aufklärung: Um einerseits ihren ohnehin gestressten Chef nicht mit den Anforderungen moderner Kommunikation zu überfordern, ihn andererseits aber in ebendieser Kommunikation à jour sein zu lassen, hatte die gute Seele in seinem Namen einen WhatsApp-Account angelegt. Die Nachrichten kopierte sie in Mails, die sie Achtenmeyer schickte, denn die E-Mail war der letzte Schritt in der Kommunikationsevolution, den er ganz mitgegangen war.
Nachdem Achtenmeyer sich kurz und eher pro forma echauffiert hatte, lotste ihn Frau Schnitzel per Telefon durch den Download von WhatsApp und Facebook Messenger und sicherheitshalber auch noch Line. Dann beantwortete Achtenmeyer gewohnt entscheidungsstark die rund hundert kleinen Managerproblemchen, die man den Vormittag über an ihn herangetragen hatte - und verlor sich dann in den Tiefen seiner Chats. Seinen Status änderte er von "Hey there, I am using WhatsApp" in "Beschäftigt", denn ein solches tool, das ihm offiziell den Vielarbeiter-Orden verlieh, hatte er schon immer gesucht.
Dr. Karl? Ist sehr Festnetz!
Dann schrieb er wahllos Satzfetzen an alle, derer er habhaft werden konnte, verschickte Bilder und Smileys und wechselte zwischendurch zum Facebook Messenger, weil ihn die drei hüpfenden Punkte so begeisterten, die anzeigen, dass das Gegenüber gerade eine Antwort schreibt. Bilanz nach drei Stunden Daumentippen: zwölf Schulfreunde und drei Ex-Freundinnen wiedergefunden, 164 Verabredungen zum Mittagessen in der Company ("Lass mal lunchen gehen, ich schreib dir 'ne WhatsApp.") und mit den Kollegen aus Forschung&Entwicklung neue Produktvarianten entwickelt.
Blöd nur, dass plötzlich das Handy klingelte und Frau Schnitzel ihn fragte, ob er das Meeting vergessen habe? Man warte schon auf ihn, aber er beantworte ja weder Mails noch gehe er ans Telefon. Achtenmeyer schreckte auf: Im Sprechblasengewitter hatte er tatsächlich seinen Mail-Account ein wenig aus den Augen verloren und das Telefon ausgestöpselt. "Also ehrlich, Frau Schnitzel, wer ruft denn noch auf dem Festnetz an?" - "Dr. Karl tut das, und er ist nicht gutgelaunt."
Fast Forward - nicht nur in der Company
Eilig hastet Achtenmeyer zum Konferenzraum, ändert seinen Status auf "Besprechung" und beschließt nach einem raschen Blick auf Dr. Karls finstere Miene eine Strategie der Vorwärtsverteidigung. "Sorry, ich bin zu spät, mea culpa. Aber mal ehrlich, Kollegen, wer lädt denn heute noch per E-Mail zum Meeting ein? Sind wir hier auf dem Finanzamt, oder was?" Es folgt eine kurze Debatte über den Unterschied zwischen Fast Forward Companies (wir) und Schnarchnasen-Firmen (alle Wettbewerber) und am Ende hat sich nicht nur Dr. Karls Miene aufgehellt, sondern Achtenmeyer hat auch einen neuen zusätzlichen Posten.
Supervisor Social Media & Communications, das klingt tatsächlich nicht schlecht. Achtenmeyer postet die Neuigkeit erst mal überall, dann lässt er einen hübschen Blumenstrauß und eine Schachtel Petits Fours an Frau Schnitzel schicken. Soll sie ihre Auszeit genießen. Mit seiner neuen Aufgabe kommt schließlich eine Menge Arbeit auf sie zu, wenn sie wieder gesund ist.
+++ Lessons learned +++
1) Read my lips: Anders als sonst oft im Management bringt es in der Kommunikation wenig, dem Gegenüber voraus zu sein. Egal, ob Gebärdensprache, Englisch oder Suaheli: Wer verstanden werden will, sollte auf einer Ebene mit dem Adressaten sein. Und zumindest die gleichen Kommunikationsmittel nutzen.
2) Phönix aus der Asche: Pläne sind eine gute Sache, aber ein guter Manager muss auch in der Lage sein, spontan Führungsstärke und Entschlossenheit zu zeigen. Im besten Fall lässt sich so eine drohende Niederlage in einen Sieg verwandeln - wie Achtenmeyer es bei dem Meeting tut.
3) Hands off von Hands-on: Überzeugende Führungskräfte konzentrieren sich auf die großen Linien und verzetteln sich nicht im operativen Klein-Klein. Wahrscheinlich übertreibt es Achtenmeyer ein wenig, wenn er nahezu die komplette Kommunikation auslagert - doch Delegieren steht jedem Manager gut zu Gesicht.