meinung •Management trifft Mensch Als Markus bestens beraten einen Kunden verlor
Markus ist jetzt auch einer von denen. Er hatte sich lange gewehrt, schließlich lief sein mittelgroßes metallverarbeitendes Unternehmen im Sauerland hervorragend. Was sollte er also groß verändern? Never change a winning team, und so.
"Was du groß verändern sollst?", echote Lars ungläubig, sein Studienkumpel (früher) und Managing Partner einer großen Beratungsfirma (heute): "Na, alles!" Markus guckte skeptisch, Lars war schon im Studium für seine ganz spezielle Mischung aus überschäumenden Visionen und fehlender Substanz in der Umsetzung berüchtigt gewesen. Niemand war überrascht, als er Consultant wurde.
"Klar, jetzt läuft alles prima", fuhr Lars fort. "Aber da draußen, im Valley, in Israel, sogar in Deutschland und höchstwahrscheinlich auch in deinem geliebten Sauerland, da basteln Dutzende Start-ups an einer Idee, die dein Geschäft kaputt macht. Und du willst 'nicht groß was verändern'? Na, dann good night and good luck."
Einer von denen
Markus blieb unbeeindruckt, für ziemlich genau neun Stunden. Am nächsten Morgen regten sich leise Zweifel: Was, wenn Lars recht hatte? Mit seiner Disruption, seiner Agilität, seiner iterativen Planung, seinem "Fail Forward"? War Markus vielleicht wirklich zu halsstarrig, zu sehr gefangen in alten Strukturen? Er beschloss, eines dieser Seminare zu besuchen, von denen Lars erzählt hatte ("Der Trainer hat lange im Valley gelebt!") - und kam als neuer Mensch zurück. Agil, disruptiv, fehlertolerant, das sind jetzt seine Wappenworte. Wie gesagt: Er ist jetzt einer von denen.
Ziemlich beste Feinde: Absurdes aus der Arbeitswelt
Werle, KlausWas sich in der Praxis allerdings als überraschend kompliziert erwies. "Schreibt eure neuen Prinzipien mit bunten Stiften auf große Karten und hängt sie im Büro auf, damit ihr euer neues Ich immer vor Augen habt", hatte der Trainer aus dem Valley den Seminarteilnehmern mit auf den Weg gegeben. Als Markus fein säuberlich "Agilität", "Fail Forward" und "iterativ" auf drei Karten gemalt und anderthalb Stunden mit der Frage verbracht hatte, wo er diese jetzt aufhänge sollte, wusste er plötzlich nicht mehr, was tun. Wie wird man "agil"? Wie gehen Fehler, aus denen Innovation entsteht?
Wer plant so weit im Voraus?
Der alte Markus wäre jetzt zu seinem üblichen Rundgang durch die Produktion aufgebrochen und hätte ein paar Azubis zusammengestaucht, weil die Spitzen einiger Metallköpfe nicht sauber ausgefräst waren ("Ja, das sehe ich mit bloßem Auge, messen Sie ruhig nach!"). Derlei pingelige Erbsenzählerei verbot sich natürlich für The New Markus von selbst. Ebenso der Marketingplan für das nächste Jahr, den er eigentlich heute hatte durchrechnen wollen - denn welcher Management-Spießer plante bitte so weit voraus? Das wäre ja nun wirklich alles andere als agil.
Aus seiner Ratlosigkeit wurde Markus von Herrn Müller gerissen, der plötzlich im Büro stand und lamentierte, dass ein Kunde eben wutentbrannt eine Bestellung über mehrere hunderttausend Euro zurückgegeben habe, Grund: ungenaue Fräsung. "Der Dieter hatte die Verantwortung", sagte Herr Müller. "Wollen Sie ihn feuern?"
Es heißt ja nicht: "Fail immer gleich"
Markus schaute Herrn Müller sanft an und repetierte eine Geschichte, die er im Seminar gehört hatte. "Ein junger Manager bei IBM verlor einst bei einer Transaktion mehrere Millionen Dollar. Reumütig bot er seine Kündigung an. Worauf Thomas Watson, der IBM-Gründer, sagte: "Ich werde Sie keinesfalls kündigen. Immerhin habe ich gerade Millionen in Ihre Ausbildung investiert." Herr Müller guckte ratlos. "Watson hat auch gesagt: 'Wenn du Erfolg haben willst, verdoppele deine Fehlerrate'. Also, mein lieber Müller: Weitermachen!"
Als Müller schon wieder weg war, fiel Markus allerdings auf, dass besagter Dieter nicht zum ersten Mal ungenau gefräst hatte.
Prompt ließ er ihn in sein Büro kommen und verpasste ihm eine ordentliche Abreibung. Nicht wegen des Fehlers, wie er betonte, sondern wegen dessen Wiederholung. Genau darum geht es ja beim "Fail Forward", ums Lernen. Es heißt schließlich nicht "Fail immer gleich".
Anschließend schrieb Markus eine gepfefferte Mail an seinen Berater-Freund Lars, in der er sich künftige Buzzword-Orgien und Management-Moden verbat - sofern sie nicht mit konkreten Handlungen verknüpft waren. Und empfahl ihm, sich schleunigst drei kluge Strategien zur Rückgewinnung verärgerter Kunden zu überlegen. Sollte es ihm, Lars, gelingen, den Kunden zurückzuholen, könne man gerne über weitere Aufträge nachdenken. Aber erst der Kunde, Schritt für Schritt. Schön iterativ eben.