Allianz-Mitarbeiterkampagne: Mit Bildern gegen Burn-out
Allianz-Vorstand "Wir wollen kein plattes Mailverbot"
Dr. Wolfgang Brezina (Jahrgang 1961) ist seit 2009 Personalvorstand der Allianz Deutschland AG. Zuvor war er unter anderem Vorstandsmitglied der Vereinte Spezial Krankenversicherung AG.
KarriereSPIEGEL: Herr Brezina, Sie sind Vorstand eines Konzerns mit 30.000 Mitarbeitern. Wie viele Mails bekommen Sie am Tag?
Brezina: Das habe ich noch nie gezählt, aber die Zahl liegt wohl im hohen zweistelligen Bereich. Mindestens.
KarriereSPIEGEL: Wie viele davon erreichen Sie nach Feierabend?
Brezina: Ich würde sagen, nach 20 Uhr sind es fünf Prozent.
KarriereSPIEGEL: Es gibt Mittel gegen die Mailflut: VW schaltet die Mailserver abends aus, Daimler löscht Korrespondenz, die im Urlaub eintrifft. Warum machen Sie das bei der Allianz nicht?
Brezina: Ich halte es grundsätzlich für eine gute Entwicklung, dass wir uns unsere Arbeitszeit durch mobile Endgeräte freier einteilen können und auch örtlich flexibler sind. Diesen Fortschritt möchten wir nicht dadurch rückgängig machen, dass wir die Nutzung neuer Technologien blockieren. Trotzdem wollen wir unsere Mitarbeiter vor der Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit schützen.
KarriereSPIEGEL: Wie soll das funktionieren?
Brezina: Wir haben vor einem Jahr eine Kampagne gestartet, die Mitarbeiter und Führungskräfte für das Thema sensibilisieren soll, durch Flyer, Rundbriefe und Plakate. Auf einem ist ein Mann an seinem Laptop zu sehen. Neben ihm seine schmollende Tochter und der Schriftzug "Wie Sie Ihr Wochenende gestalten, entscheiden Sie selbst". Die Plakate hängen bei uns in Aufzügen und vor Kantinen.
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KarriereSPIEGEL: Eine Plakataktion und ein Rundbrief - das soll gegen den Mailstress helfen?
Brezina: Statt platte Verbote auszusprechen, wollen wir Führungskräfte für die Signalwirkung sensibilisieren, die ihr eigenes Mailverhalten hat. Es mag ja sein, dass es jemandem nichts ausmacht, abends länger zu arbeiten. Er muss aber wissen, dass sich Mitarbeiter oft verpflichtet fühlen, noch am selben Abend zu antworten, wenn ihr Chef ihnen nach Dienstschluss eine Mail schickt - und dass sie sich davon gestresst fühlen.
KarriereSPIEGEL: Am Ende ist es demnach der Vorgesetzte, der auf den Mailstress seiner Mitarbeiter maßgeblichen Einfluss hat. Schicken Sie Ihren Mitarbeitern denn am Wochenende Mails?
Brezina: Ich arbeite oft sonntagabends, weil ich nicht gern Tatort schaue. Früher habe ich um diese Zeit auch Mails verschickt - und noch am selben Abend Antworten bekommen. Das hat mich nachdenklich gemacht und war auch ein Auslöser für unsere Maßnahmen. Heute schreibe ich zwar immer noch sonntagabends Mails, datiere sie aber auf den nächsten Morgen vor. So setze ich niemanden unter Druck. Umgekehrt bekomme ich am Wochenende jetzt nur noch maximal zwei Mails. Vor der Kampagne war es ein knappes Dutzend.
KarriereSPIEGEL: Haben Sie in Erwägung gezogen, die Mails nach VW-Vorbild zu blockieren?
Brezina: Ja, und ich werde auch jetzt noch manchmal danach gefragt. Ich bin aber überzeugt, dass unserer der bessere Weg ist - zumal es Möglichkeiten gibt, ein Mail- oder Telefonverbot zu umgehen. Man kann jemanden ja auch über andere Kanäle kontaktieren. Außerdem muss man ab einer bestimmten Hierarchiestufe im Notfall auch nach Dienstschluss erreichbar sein.
KarriereSPIEGEL: Was definieren Sie als Notfall?
Brezina: Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen: Als vor einigen Jahren die Schweinegrippe ausbrach, war ich gerade im Urlaub. Es musste aber schnell entschieden werden, welche Vorsorgemaßnahmen wir treffen und ob wir Impfstoffe für unsere Mitarbeiter besorgen. Da war es äußerst sinnvoll, dass ich nicht vom Mailverkehr abgeschnitten war.
KarriereSPIEGEL: Ihre Mitarbeiter sind in ganz Deutschland verteilt. Zielt die Kampagne gegen Mails in der Freizeit auf alle Mitarbeiter ab?
Brezina: In erster Linie natürlich auf diejenigen, die ein mobiles Endgerät nutzen und damit die Möglichkeit haben, in der Freizeit Mails zu checken. Das sind immerhin circa 40 Prozent unserer Belegschaft.
KarriereSPIEGEL: Haben Sie mitgeholfen, die Flyer zu verteilen?
Brezina: Ja, ich stand abends am Ausgang unserer Tiefgarage. Für jeden gab es einen Flyer und einen Beutel Feierabendtee.
KarriereSPIEGEL: Auch für Ihre Vorstandskollegen?
Brezina: Nein, von ihnen war keiner dabei. Dafür war es wohl noch zu früh.
Das Interview führte Anja Tiedge (Jahrgang 1980), freie Journalistin in Hamburg.