Die Ernte eingefahren, die Sommerzeit zu Ende, und schon beginnt das Drama, das November heißt: Es sind die Tage im Jahr, an denen die Sonne das Scheinen aufgibt, der Himmel auf die Erde fällt und das Leben nach dem Tod manchmal lebenswerter erscheint als das davor. Weil es aber die Münchner Plattenfirma Trikont, seit je der Didaktik verpflichtet, eher mit Elias Canetti hält - der Tod ist ein »Skandal« -, hat sie nun passend zur Jahreszeit gleich zwei CDs veröffentlicht, die belegen, daß Trübsal blasen ganz hübsch sein kann. Die Reihe heißt »Dead & Gone« und versammelt zum einen Trauermärsche aus aller Welt: aus Saigon, Mexiko und New Orleans, jener Stadt, in der die Menschen immer dann die besten Partys feiern, wenn wieder einer von ihnen gegangen ist. Für einen zweiten Sampler wurde die Popmusik nach Todesliedern durchforstet: Lou Reed singt »Goodby Mass«, anonym bleibende steirische Grabsängerinnen »Traget mich zu meinem Grabe«, und die Geto Boys rappen »I Just Wanna Die«. Früher schimpfte man derlei Kompilationswut Eklektizismus, heute hält man es frei nach den Gebrüdern Grimm: Lasset uns gehen. Etwas Besseres als den Tod finden wir überall.
Dieser Ausdruck wurde am 17.10.2026 erstellt und ist ausschließlich für den persönlichen Gebrauch lizenziert.
Andere Nutzungen verletzen das Urheberrecht
Andere Nutzungen verletzen das Urheberrecht
Zur Ausgabe
Artikel 101 / 135
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?