Boom vom Baum - DER SPIEGEL
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MUSIK / MAYALL Boom vom Baum

• aus DER SPIEGEL 25/1969
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Seinen ersten Blues sang er für Amsel, Drossel, Fink und Star -- er sang ihn auf einem Baum im heimischen Bramshall bei Manchester. und dort oben wohnte er auch zwei Jahre lang in einer Hütte, »weil ich für mich sein wollte.

Damals war John Mayall zwölf Jahre alt. Nunmehr, mit 35, ist das Eremitendasein nur noch eine musikalische Reminiszenz: »Ich möchte brackiges Wasser trinken und in einem hohlen Baumstamm schlafen«, so singt er im Blues »Muddy Water«, doch er ist nicht mehr für sich -- immer mehr Teenager hören ihm in meist ausverkauften Lieder-, Musik- und Stadthallen zu.

Zehn Langspielplatten hat der »weiße König des schwarzen Blues« (Werbeslogan) binnen fünf Jahren aufgenommen -- Bits allesamt, von denen seine Londoner Vertragsfirma allein in England jeweils 60 000 bis 100 000 Stück absetzen konnte. Denn in seinem Vaterland macht Mayall mühelos auch dem weichen Riesen Tom Jones Konkurrenz, und auch in Deutschland strömten jetzt die Fans zu seiner ersten Neun-Städte-Tournee: Hunderte standen in Berlin und Hamburg vergebens Schlange nach -- längst vergriffenen -- Eintrittskarten, in Frankfurt wurde ein zusätzliches Konzert angesetzt.

Dabei hätte der eigenwillige Sänger. der nur im Cowboy-Look mit Lederwams, Stiefeln und Texashut auf die Bühne geht, die (krankheitshalber) schon einmal verschobene Tournee beinahe am ersten Tag abgebrochen: In Düsseldorf hatte ihm ein Bewunderer das Pistolenkoppel gestohlen, in dem Mayall ein selbstgebasteltes Bowiemesser und seine zwölf Mundharmonikas verwahrt.

Aber dann nahm er doch die große Mühe auf sich: Zur Nachtzeit ließ er sich zum Frankfurter »Western Store« chauffieren und kaufte einen neuen Gurt. Und erst als ihm ein Sattler In Hannover Schlaufen für zwölf neue Harmonikas aufgesteppt hatte, trat der Blues-König wieder vor sein Volk: Die Harmonikas saßen wie gewohnt nach Tonarten sortiert im Gürtel, und auch die Stimme klang wie immer -- weniger nach schwarzem Blues als nach weißer Hillbilly- und Cowboy-Musik.

Sein Lehen lang hat John Mayall die großen schwarzen Blues-Sänger Amerikas verehrt, kopiert und bei ihren Konzerten in England begleitet; doch meist, das weiß er, war er dabei mit seinem »gutgemeinten, energiegeladenen, aber ungehobelten« Gesang »auf dem falschen Weg": Zwar sind seine Blues-Suiten »Bare Wires« und »Blues from Laurel Canyon« im Text einfallsreicher und formal geschlossener als die bewunderten Platten aua dem Getto von Chicago und vom Mississippi-Delta -- die Ausdruckskraft seiner farbigen Vorbilder hat Mayall dennoch nie erreicht, so verbissen er sich auch darum bemüht.

Schon als Kind hatte er auf dem Schulklavier Boogie-Woogie geklimpert und nach der Schulzeit den Blues in Kneipen und Bars gespielt. Und selbst als er 1952 in Korea dienen mußte, dachte er nur an seine Musik. Vom ersparten Sold kaufte er sich eine sechssaitige Gitarre, denn »der Blues«, so Mayall« »war schon immer mein einziges seriöses Geschäft«.

Erst nach seiner Rückkehr jedoch wurde daraus auch sein Beruf. In London gründete John Mayall die Band Bluesbreakers« und hatte zum erstenmal Fans, die er sogleich zu einem »Blues-Kreuzzug rekrutierte. Ihre Briefe an Zeitungsredaktionen, Rundfunksender und Plattenfirmen machten Mayall populär und den Blues zur neuen Mode-Musik: Etwa 60 000 junge Briten musizieren derzeit in dem schwarzen Idiom, und rund ein Viertel der englischen Schallplatten-Bestseller sind Blues -- voran die Aufnahmen von Mayall.

Inzwischen leitet der »Pionier des englischen Blues-Booms« ("Melody Maker") sein neuntes Profi-Ensemble, und die meisten berühmten Londoner Blues-Musikanten haben schon bei ihm gearbeitet; kaum einer freilich länger als ein paar Monate. Denn wenn seine Musiker besser spielen als er selbst, löst Mayall, der niemals schriftliche Verträge mit ihnen abschließt, jedesmal seine Combos wieder auf.

Am liebsten würde der Blues-Fanatiker seine Musik ganz ohne Begleiter produzieren, und auf der Platte »The Blues Alone« hat er das -- im Playback-Verfahren mit Gitarre, Klavier, Hammondorgel, Mundharmonika, Baßgitarre, Celesta und Schlagzeug -- auch so gemacht.

Nach solchen Trick-Aufnahmen und seinen differenzierten Blues-Suiten verzichtet John Mayall in seiner neuesten Combo auf Schlagzeug und Verstärker-Lärm: Er will wieder »einfach und unkompliziert« musizieren -- wie einst auf dem Baum.

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