Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Widerwärtige Machenschaften
Heft 8/2022 Ihr Job: Wahlbetrug Ihr Preis: 15 Millionen
Kommt, Leute, die Geschichte glaubt doch kein Mensch! Da lassen sich angeblich supergeheime Superprofis von Journalisten, getarnt als potenzielle Interessenten, mittels verdeckten Kameras übertölpeln – eine Strategie, wie man sie aus B-Movies bei der Überführung von Drogenbaronen kennt. Auch ist »bis zu 15 Millionen« ein eher lächerlicher Betrag angesichts der Reichweite der angedienten Aktionen; so viel machen manche Despoten in einer Woche. Mir scheint es hier eher so zu sein, dass die Jungs um Tal Hanan auf unserer Seite sind: mal testen, wie weit Menschen zu gehen bereit sind, um ihre Demokratie zu schützen. Dazu mussten sie natürlich »auffliegen«, um die Bedrohung glaubhaft dokumentieren zu können.
Klaus Roemer, Zweibrücken (Rhld.-Pf.)Die in der Recherche genannten Ziele der Wahlbetrüger legen den Schluss nahe, dass ein Land wie Deutschland mit einem funktionierenden öffentlich-rechtlichen Mediensystem und kritischen Zeitungen ein gutes Stück weit gegen diese widerwärtigen Machenschaften gewappnet sein sollte. Oder?
Thomas Clemen, Norderstedt (Schl.-Holst.)
Freiwilligkeit reicht nicht
Heft 7/2022 Der gesunde Menschenverstand: Guten Flug!
Markus Feldenkirchen hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Beitrag jedes Einzelnen von uns kann selbstverständlich zur Einsparung von Energie und CO₂ beitragen und ist somit wichtig. Gelöst wird das uns alle bedrohende Problem Klimawandel auf diese Weise aber nicht. Das geht nur über strukturelle Lösungen, die »von oben« kommen müssen. Dies beinhaltet natürlich auch Gebote und Verbote. Hier ist zunächst einmal die Politik gefragt. Und die traut sich in diesem Fall nicht so richtig. Manchmal in der Vergangenheit hat sie sich aber durchaus getraut. Zwei Beispiele: In den Siebzigerjahren wurden Sicherheitsgurte in Autos vorgeschrieben. Jahrzehnte später kam das Rauchverbot in Gaststätten. Beide Veränderungen sind schon lange her und von der Gesellschaft längst allgemein akzeptiert. Eines ist in beiden Fällen aber sicher: Mit Freiwilligkeit wäre das nicht erreicht worden. Beim aktuellen Thema Klimawandel geht es nun um deutlich mehr. Es geht um unsere Zukunft als Menschheit. Die Politik muss jetzt liefern, sicher auch mit zunächst unbequemen Geboten und Verboten, die im ersten Moment nicht von allen eingesehen werden.
Dr. Franz Thoren, Renningen (Bad.-Württ.)Endlich eine Stimme, die sich wohlwollend vom Bashing gegen die jungen Klimaaktivisten abhebt und deren Engagement wertschätzt, anstatt sich an die Stimmungsmache gegen diese Generation zu kleben, die doch nur versucht, das zu reparieren, was unsere Generation verbockt hat, und das ohne Gewalt. Wie allerdings ein »klimafreundliches Reisen« nach Thailand aussehen soll, erscheint mir schleierhaft.
Wolfgang Vieler, DarmstadtDie individuellen Einschränkungen, die durch den Kampf gegen den Klimawandel notwendig werden, werden wir so ertragen lernen müssen, wie wir sie bereits bei den derzeitigen Gas– und Energie–Folgemaßnahmen hingenommen haben. Sie sind notwendig und unabwendbar! Da ist glaubwürdige Überzeugungsarbeit der Politik gefordert.
Udo Bauer, Wedel (Schl.-Holst.)Markus Feldenkirchen halte ich für einen der oder gar den zur Zeit besten Journalisten in Deutschland. Dass er deshalb für sich und die ihm nahestehenden Klimakleber einen Fernurlaub für den »gestressten Geist« fordert, finde ich allerdings sehr elitär und abgehoben. In Deutschland sind viele Menschen mit dem Auto unterwegs, die zur Arbeit, zur Kita, zum Arzt oder ins Krankenhaus und so weiter müssen. Zum Urlaub für ihre »gestresste Seele« fahren die dann mit ihrem Golf Diesel, älteres Baujahr, an die Ostsee. Sich das Recht zu nehmen, diese Menschen auf einer öffentlichen Straße zu nötigen, halt ich im Gegensatz zu Herrn Feldenkirchen für zutiefst verachtungswürdig.
Ekkehard Engels, Bréhal (Frankreich)Der Beitrag klingt für mich ein wenig wie eine trotzige Ausrede: Wenn die Politiker keine strukturellen Lösungen zum Bremsen der Erderwärmung schaffen, so kann man auch weitere Fernreisen machen. Für mich bleibt die Erkenntnis: Zum Abschwächen der Erderwärmung braucht es schnelle strukturelle Lösungen seitens der politisch Verantwortlichen und ein sofortiges verantwortungsvolles Verhalten des Einzelnen, denn jeder verbrannte Energieträger verschärft die Lage, und Strukturveränderungen dauern (leider).
Michael Ruffert, Hamburg
Nicht nur ein Teilzeitjob
Heft 7/2022 Lehrer und Bestsellerautor Ewald Arenz spricht über unglückliche Schüler und fordernde Eltern
Studiendirektor Ewald Arenz zeigt sich im SPIEGEL-Gespräch erfrischend offen, authentisch, selbstkritisch, selbstironisch und erfreulich pragmatisch und unideologisch. Unverstellte Sprache, klare Kante – ein Interview-Genuss. Wenn demnächst auch eine Lehrkraft aus der Haupt- oder Gemeinschaftsschule mit vollem und vielfältigem Lehrauftrag, intensiver Elternarbeit und überlangen Konferenzen im SPIEGEL zu Wort kommt, ebenso unverstellt und erfrischend, wird der SPIEGEL journalistisch Erstaunliches geleistet haben.
Heiner Mees, Rosengarten (Bad.-Württ.)Die Romane von Ewald Arenz sind zweifellos eine Bereicherung für die deutsche Literatur. Als weniger bereichernd empfinde ich die Tatsache, dass durch seine Aussagen der Eindruck entsteht, man könne als Lehrkraft nebenher noch Bücher schreiben und sich vormittags eine Runde auf einem Sofa ausruhen – falls nicht, sei man wohl zu perfektionistisch oder mache sich einfach selbst zu viele Probleme. Dass Herr Arenz mit seinen wöchentlichen 16 Unterrichtsstunden fast 10 Stunden unter einer Vollzeitstelle liegt, bleibt leider unerwähnt.
Sarah Ruhnau, Borken (NRW)Schade, dass der SPIEGEL in Titel und Untertitel den Eindruck erweckt, der Bestsellerautor hätte eine besondere Kompetenz, die Arbeit von Lehrerkollegen zu bewerten, die weit mehr Stunden unterrichten und manche Dinge etwas genauer nehmen. Interessant wäre es gewesen, bei den Vorschlägen der Kultusministerkonferenz nachzuhaken. Was würde Herr Arenz tun, wenn man ihm Vollzeitunterricht verordnete? Mit 40 Jahren Unterrichts–, Korrektur–, Verwaltungs– und Klassenfahrtenerfahrung gilt meine Kritik der SPIEGEL–Redaktion, die das Interview nicht angemessen einordnen kann.
Matthias Walther, MünsterDer Überschrift stimme ich zu, doch dann las ich »gut bezahlter Job, der einem viel freie Zeit lässt«. An welcher Märchenschule unterrichtet der Mann? Da wollte ich auch hin! Ach so, erfuhr ich beim Weiterlesen, nur 16 Unterrichtsstunden, zeitweise nur 14 Schüler. Die Wirklichkeit sieht anders aus. In Berlin unterrichten Lehrer 26 Stunden, das heißt, sie sind Klassenleiter von mindestens zwei, manchmal drei Klassen. Also haben sie mindestens 56 bis 84 Schüler zu betreuen. Dazu kommen zwei bis drei Sitzungen pro Woche. Natürlich nach dem Unterricht. Die Anzahl der Klassenarbeiten ist vorgeschrieben. Dazu kommen Leistungskontrollen und Laborberichte. Ich habe einmal ausgerechnet, dass ich 27 Arbeitstage á acht Stunden benötige, wenn ich für deren Korrektur zehn Minuten ansetze. Pro Halbjahr! Deutschlehrer brauchen zwei Stunden für einen Schüleraufsatz. Die Herbst- und Winterferien sind also »Korrekturferien«.
Gabriele Herbach, Hoppegarten (Brandenb.)Ich kenne Ewald Arenz nicht als Schriftsteller, aber das, was er als Lehrer von sich gibt, ist unsäglich. Natürlich würde auch ich gerne nur in der Oberstufe mit den Besten der Besten philosophisch-literarische Themen erörtern, aber das ist leider nicht der Normalfall. Mein Normalfall besteht im Alltag einer Gesamtschule aus Kindern mit über 80 Prozent Migrationsanteil und Inklusionskindern, Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, oder Kindern, die so arm sind, dass man ihnen das Material kaufen oder mal das Essen bezahlen muss. An diesen Schulen ist man eben nicht um 13 Uhr fertig. Mein Arbeitstag beginnt um 7:15 Uhr und endet nicht immer um 17 Uhr, und Korrekturen erfolgen meist am Wochenende.
Martin Schlu, BonnIch bin seit 38 Jahren Lehrer an Gymnasien und kann dem Kollegen Arenz in allen Bereichen nur zustimmen. Die Ratschläge zur Behebung der Probleme des Lehrermangels scheinen mir jedoch nicht von Fachleuten gemacht worden zu sein, die den Alltag in Lehrerkollegien kennen: Teilzeit arbeiten in der Regel Lehrkräfte, die in ihrer Familie Erziehungs- oder Pflegeaufgaben übernehmen. Eine Reduzierung der Teilzeit führt nur zu einer Verschiebung des Mangels in andere Felder gesellschaftlicher Arbeit, in denen es auch schon Arbeitskräftemangel gibt. Die Verwaltungsarbeit zu reduzieren ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Wichtiger wäre es, die Menge an Stoff deutlich zu reduzieren, sich zu fragen, was junge Menschen wirklich können und wissen müssen, und sich auf diese Kernkompetenzen und -inhalte zu konzentrieren.
Martin Wilms, HamburgAls Autor schätze ich Ewald Arenz sehr. Im Interview zeigt er sich als kompetenter Lehrer und sympathischer Zeitgenosse, der die Schwierigkeiten mit seinen eigenen Kindern nicht beschönigt. Allerdings erweist er seinen Lehrerkolleginnen und -Kollegen einen Bärendienst, indem er zur Rufschädigung dieses Berufsstandes beiträgt. Der nicht weiter informierte Leser sagt sich: Da ist mal einer, der die Wahrheit spricht. Es ist wirklich nur ein Teilzeitjob. Doch ein Gymnasiallehrer mit voller Stundenzahl (23 bis 26 Stunden) hat eine vollwertige Arbeitsstelle. Es klingt überheblich, wenn Arenz die Überforderung der Kollegen ihrer Unorganisiertheit und nicht den großen Klassen und aufwendiger Verwaltungsarbeit zuschreibt. Als Funktionsträger in Direktorenstellung mit nur 16 Stunden in der gymnasialen Oberstufe und ohne die Arbeit mit zum Teil nervigen, erziehungsunwilligen oder -unfähigen Eltern und pubertierenden Kindern der 8. und 9. Klassen kann man leicht solche Töne spucken. Solidarität sieht anders aus!
Anne Chavez, Frankfurt am MainEs ist schön, wie Herr Arenz sich über seine gut bezahlten 16 Unterrichtstunden an einer gymnasialen Oberstufe freut, die ihm Zeit schenken für seinen zweiten Beruf als Autor von Büchern. Kolleginnen und Kollegen, die in den Burn-out geraten, stellt er als unorganisiert dar, weil sie nicht »schlampig« korrigieren können. Englisch und Geschichte zu unterrichten ist natürlich auch etwas ganz anderes als beispielsweise Technologie in IT-Berufen oder Mediengestalter an einer Berufsschule, wo sich die Innovationen im Halbjahresrhythmus überholen. Dafür muss der Unterricht permanent aktualisiert werden. Gleiches gilt für Klassenarbeiten, Prüfungen an der Berufsschule und im Abitur. Diese müssen erst erstellt werden, bevor man sie korrigieren kann. Ich gönne Herrn Arenz sein schönes Gymnasial-Oberstufen-Lehrerdasein, aber es bildet in keinem Satz die Realität an den verschiedenen Schularten ab.
Karl-Heinz Richter, Villingendorf (Bad.-Württ.)
Terminator des Kahlschlags
Heft 7/2022 SPIEGEL-Gespräch mit Bertelsmann-Chef Thomas Rabe über den Kahlschlag bei Gruner + Jahr
War das Interview mit Herrn Rabe – der ein bisschen ja auch Ihr Chef ist – das Einzige, was dem SPIEGEL zum Untergang seines großen Nachbarn Gruner + Jahr eingefallen ist? Und warum haben Sie sich nur im Ressort »Wirtschaft« um das Thema gekümmert? Viel interessanter ist es gesellschaftspolitisch: Die Bertelsmänner zerpflügen mit Bulldozern unwiederbringliche journalistische Biotope, die man mit gutem Willen, Fantasie, vor allem aber mit gedrosselter Geldgier hätte erhalten können. Es ist alarmierend, dass dem sich oft so kritisch gebärdenden SPIEGEL nichts zu diesem spektakulären Kulturverlust eingefallen ist. Sie geben seitenlang dem Terminator des Kahlschlags Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Die Besatzungsmitglieder des zwangshavarierten Dickschiffs G+J hingegen kommen nicht zu Wort. Keine Silbe ist Ihnen der beherzte Rücktritt der Chefredaktion von GEO wert. Keine Zeile über die Folgen für die große Zahl von Freien, die ins Bodenlose fallen. Das ist einseitig, das ist unjournalistisch. Das wäre Ihnen nicht passiert, wenn Sie unabhängig von Bertelsmann wären. So wie Sie das Interview abschließen, mit fürsorglichen Erkundigungen nach der beruflichen Beanspruchung dieses Tausendsassas, fehlt eigentlich nur noch ein Hinweis an die Leserschaft, wo man Autogrammkarten von Herrn Rabe beziehen kann. Ist das Thema für Sie damit erledigt? Oder machen Sie doch noch einen beherzten Vorstoß und lassen sich von Bertelsmann erlauben, die ganze traurige Geschichte darzulegen? Und vielleicht traut sich jemand – nehmen Sie einen Freien! – etwas Scharfzüngiges beizusteuern.
Jörgpeter von Clarenau, Hamburg
Gut für uns
Heft 7/2023 Berlin – 50 Argumente, die Hauptstadt zu lieben oder zu hassen
50 Argumente unterschiedlicher Menschen – klasse, prima, eine gute journalistische Idee. Bei aller Aufregung: Alle anderen Hauptstädte vergleichbarer Größe sind noch erheblich schlimmer. Gut für uns, Berlin zu haben.
Klaus Wellhardt, Essen
Wichtiges Interview
Heft 7/2023 SPIEGEL-Gespräch mit der Soziologin Eva Illouz über die neuen Fundamentalisten an der Macht in Israel
Danke für das ausgezeichnete und wichtige Interview mit Eva Illouz – gut gefragt und gut geantwortet. Sehr gut.
Siegfried Ullmann, Alfter (NRW)
Zu positives Bild
Heft 8/2023 Nachrufe
Ihr Nachruf auf Hans Modrow ist recht positiv ausgefallen, was mich insofern irritiert, als er ein verurteilter Wahlfälscher war. In einer Demokratie halte ich Wahlfälschung für eine so schwerwiegende Straftat, dass das Weglassen ein zu positives Bild ergibt.
Rüdiger Mueller, Meckenheim (NRW)
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