Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 74 / 77

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Babys, Mehrwertsteuer, Coronapolitik, Boeing, Trump und Ableismus – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 13/2024

Säuglinge sind keine Multitalente

Heft 12/2024 Titel: Was Babys denken 

  • Ihre aufschlussreiche Titelstory ließ meine Ehrfurcht vor der -Natur, der Evolution und ihren wundersamen Geschöpfen noch weiter wachsen. Schade, dass wir Menschen mit einigen naturgegebenen Anlagen und Fähigkeiten nur wenig anzufangen lernen. Wenn man sich beispielsweise das »Miteinander« in den sozialen Medien oder das Verhalten vieler Zeitgenossinnen und -genossen im Straßenverkehr anschaut, sollte man kaum meinen, dass diese mehr oder weniger erwachsenen Menschen als Säuglinge gut darin waren, die Perspektive anderer zu übernehmen. Die eine und andere natürliche Grundausstattung scheint in unserer Kultur nicht gefördert zu werden.
    Erwin Bixler, Rodalben (Rhld.-Pf.)

  • Säuglinge sind keine Multitalente, auch wenn alle Fähigkeiten
    im Ansatz vorhanden sind. Die Hirnforschung neigt zur Überinterpretation, wie das von Entwicklungspsychologen immer wieder festgestellt wurde. Zum Beispiel übersieht der bekannte Psychologe Meltzoff mit seiner Annahme, Neugeborene würden bewusst nachahmen, dass diese Nachahmung in den ersten Wochen reines Reflexverhalten ist. Das Gleiche gilt für die Reaktionen des Ungeborenen, wenn auf den Bauch der Mutter gedrückt wird. Von Bewusstsein kann -deshalb nicht die Rede sein. Auch die Angaben der Wissenschaftler:innen zum sozialen Verhalten der Kleinsten passen nicht zu
    den fundierten Forschungen zur Gefühlsansteckung, die bis ins dritte Lebensjahr hinein das -vermeintlich soziale Verhalten steuert. Leider werden mit solchen Aussagen Eltern und Krippenerzieher:innen auf die falsche Fährte gelockt und die Kleinsten durch zu hohe Erwartungen überfordert.
    Dr. Erika Butzmann, Entwicklungspsychologin, Wildeshausen (Nieders.)

Es wurde nicht leerer

Heft 11/2024 Die Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer frustriert die Gastwirte 

  • Es sollte zur Kenntnis genommen werden, dass der Staat, der immerhin wir sind und nicht irgendeine Ampel, sich nicht 3,4 Milliarden Euro mehr an Steuereinnahmen erhofft, sondern dass der Staat durch die Reduzierung
    der Gaststättenmehrwertsteuer 3,4 Milliarden Euro weniger eingenommen hat. Wir, die Bürger, haben doch wohl ein Recht da-rauf, dass nach der Krisenzeit auch die Gastwirte wieder ordentlich ihre Steuern bezahlen wie alle anderen Unternehmen. Und: In den Gaststätten und Restaurants, in welchen ich verkehre, wurden sämtlichst die Preise erhöht, aber leerer wurde es nicht. Immer noch ist Reservieren angesagt. Also bitte, was sollte dieser Artikel bewirken, außer sehr subtil auf der Regierung herumzuhacken?
    Rainer Mebes, Waldkirchen (Bayern)

  • Ihre Redakteure haben vermutlich das Grundprinzip des Umsatzsteuerrechts nicht so ganz erfasst. Eine Umsatzsteuer-erhöhung beim Einkauf von -Lebensmitteln lässt wegen des Vorsteuerabzugs natürlich nicht den Materialaufwand steigen. Das sollte eigentlich jeder Aus-zubildende kaufmännischer Be-rufe im ersten Ausbildungsjahr wissen.
    Peter Hecht, Berlin

Als Ungeimpfter ausgegrenzt

Heft 11/2024 Politiker und Experten bilanzieren die Coronapolitik 

  • Chapeau für das Autor:innen--Team. Schon jetzt sind diese fünf Seiten Berichterstattung und Einordnung die Geschichte des Jahres. Denn die kommenden Ergebnisse der Landtags- und der Europawahlen lassen sich auf diese Zeit zurückführen. Der Hass vieler entstand aus einem staatlichen Handeln, das viele als im Stich lassend und als freiheitsredu-zierend empfanden. Zum ersten Mal nach 1949 oder 1990 gab es nicht mehr, sondern gefühlt und tatsächlich weniger individuelle Freiheit. Damit konnten und wollten viele nicht umgehen. Die Alternative? Mehr als die 182.636 Menschen, die im Zusammenhang mit Covid-19 starben. Aber das ist denen, die bis heute diesen Staat wirklich hassen, nicht bewusst oder schlicht egal.
    Alexander Möller, Berlin

  • Ich bin ungeimpft. Ich wurde ausgegrenzt, wie ich es in Deutschland niemals für möglich hielt. Mein Land hat mich mit der -Kampagne »Pandemie der Ungeimpften« zu Unrecht an den Meinungspranger gestellt. Ich wurde daraufhin von meinen Mit-menschen als »Bösewicht« beschimpft, der an allem Corona-geschehen schuld sei. Jetzt wird behauptet, als Ungeimpfter stehe man der AfD nahe. Schon wieder neue Verunglimpfung. Man wird ausgegrenzt, indem man in die rechte Ecke gestellt wird.
    Ralf Brechtel, Pommelsbrunn (Bayern)

  • Was bei der Bilanz fehlt: das Versäumnis, genug Impfstoff bereitzustellen. Ich erinnere mich noch gut an die ungläubigen Gesichter meiner Gastgeber in der Türkei ob meiner »Ungeimpftheit«. Dort war der Impfstoff von Biontech verfügbar, in Deutschland am -Anfang nicht in ausreichender Menge.
    Michael Kiefer, Donaueschingen -(Bad.-Württ.)

  • Dringend notwendig ist die Aufarbeitung der Maßnahmen in der Coronakrise. Schließlich gibt es jetzt jede Menge Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben und die faschistische Parteien wählen. Professor Pörksen hat das relevante Thema benannt: die Frage, ob es in Ordnung gewesen wäre, viele Tausend alte, vulnerable Menschen sterben zu lassen. Diese Frage muss ich mit Ja beantworten, nachdem meiner dementen Stiefmutter im Altenheim jedweder Besuch verwehrt wurde. Da hätte sie einsam sterben können. Da hat die Politik in ihrer Fürsorge weit über das Ziel hinausgeschossen. Das ist aber trotzdem alles kein Grund, eine faschistische Partei zu wählen.​
    Adam Romoth, München

  • Wir kannten Covid-19 überhaupt nicht richtig. Es sah zwar für Kinder schnell sehr gut aus. Was aber, wenn dieses Virus bei Kindern aus irgendwelchen Gründen deutlich verzögert reagiert hätte (siehe beispielsweise das Papillomvirus)? Und es ein massives Kindersterben gegeben hätte? Es mag sein, dass viele Kinder durch die Schulschließungen psychisch getroffen wurden – das tut mir leid (und das schreibe ich nicht nur, weil ich Psychotherapeut bin). Aber die Kinder leben, und das gibt ihnen die Gelegenheit, ihre Wunden zu heilen, vielleicht sogar an manchem stärker zu werden. Tote Kinder haben keine Chance mehr dazu.
    Ronald Dittmark, Köln

  • Für eine Aufarbeitung der Geschichte der Coronapandemie bedarf es lediglich, die Ausgabe des SPIEGEL vom 14. März 2020 zu lesen. Darin ist alles beschrieben, was damals krankte und vier Jahre später nicht angefasst wird.
    Isabella von Löbbecke, Groß Denkte (Nieders.)

Kamikazeflieger aus Seattle

Heft 11/2024 Boeing bekommt seine Sicherheitsprobleme nicht in den Griff 

  • Kaum ist der Artikel erschienen, tritt an der 737 Max ein neues gefährliches Problem an der Seitenrudersteuerung auf. Dem Text ist zuzustimmen, jedoch fehlt der Bezug zur Billigflugmanie. Höhere Umsatzrendite beim Hersteller und Preisdrückerei durch Herren wie Niki Lauda und Michael O’Leary auf der Käuferseite – das geht nur auf Kosten der Sicherheit. Fliegen muss bezahlt werden, beim Flugscheinkauf oder mit einem Unfall. Luftfahrt sollte man den Ingenieuren und Piloten überlassen, die erkennen die Konsequenzen ihres Handelns.
    Dipl.-Ing. (Flugzeugbau) und Flugkapitän Claus Cordes, Bad Schwartau (Schl.-Holst.)

  • Karl Marx postulierte, dass der Kapitalist über Leichen gehe, um seinen Profit zu maximieren. Die Boeing-Bosse haben das bisher immerhin zur Hälfte geschafft. Zahlreiche Flugzeuge stürzten
    ab, Hunderte Menschen starben. Beim zweiten Punkt erreichten sie genau das Gegenteil: Verluste in Milliardenhöhe, dazu Gerichtsverfahren, Anhörungen vor dem Senat, Auseinandersetzungen mit der Flugsicherheitsbehörde, dramatischer Rückgang an Neubestellungen. Das Firmenrenommee ist weltweit zerstört. Eine gewichtige Ursache für das Desaster ist das in den Dreck getretene Qualitätsdenken, wohl weniger bei den Ingenieuren als im Management. Unabhängige Kontrollen abzuschaffen ist geradezu tödlich. Das Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen Mitarbeiters ist der Schlüssel zum Erfolg. Der Aufprall des Kamikazefliegers aus Seattle ist absehbar, die Folgen sind es ebenso. Denn die Konkurrenz hat volle Auftragsbücher und wartet nur darauf, sich die geeignetsten Trümmer auszusuchen.
    Dr. Klaus Swieczkowski, Hildburghausen (Thür.)

Kein Kraut gewachsen

Heft 11/2024 Wie Donald Trump von Frommen als Heilsbringer verehrt wird 

  • Danke für Ihren Artikel aus einem Paralleluniversum, der bei mir ungeahnte Heiterkeitsaus-brüche hervorrief. In den großen Weiten des US-amerikanischen kulturellen und geistigen Nichts ist solch ein lügnerischer Schwätzer und Hetzer wie Donald Trump der Messias. Das passt!
    Hildtraut Schröder, Augsburg

  • Zu diesem hervorragend recherchierten Artikel über Trumps evangelikale Wähler in den USA fällt mir eine alte Weisheit ein: Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen!
    Friedhelm Jansen, Hattingen (NRW)

  • Leider gibt es so viele Amerikaner, die sich Heilandmythen hingeben. Glaube statt Wahrheit und Fakten haben sie sich lebenslang in der Kirche eintrichtern lassen. Zudem bestaunen sie Helden aus Hollywood oder im Fernsehen, die sich nicht um Gesetze scheren. Und eine Sucht nach Schnipseln aus den sozialen Netzwerken verdummt auch das Gedächtnis. Ja, die mit wenig Intelligenz und/oder Bildung suchen leider gern Zuflucht im Glauben.
    Alan Benson, Berlin

Sag nicht: »Du bist ein Held«

Heft 11/2024 Essay: Die Psychologin Rebecca Maskos über ihre Behinderung und Ableismus 

  • Endlich wieder einmal ein Meinungsbeitrag zum Thema Inklusion. Und was für einer! Ich fände es ebenfalls wichtig, dass man die ohnehin zu knappen Fördermittel nicht in Sonderwelten stecken würde, sondern endlich Arbeitsplätze inklusiv, Schulen vollständig barrierefrei und öffentliche Orte behindertengerecht gestalten würde. Es betrifft etwa acht Millionen Bürgerinnen und Bürger. Und treffen kann es jeden: Viele Behinderungen sind nicht angeboren. Ein Dank an Frau Maskos! Und gern auch mehr -Berichte, Reportagen und Meinungsbeiträge zum Thema.
    Alexander Kistner, Mannheim

  • Die Psychologin Rebecca Maskos hat nicht nur Glasknochen, sondern auch das Recht, nicht auf ihre dadurch folgenden Behinderungen reduziert zu werden. Als Angehöriger einer Frau mit Grad der Behinderung 100, Schwer-behindertenmerkmal »H« und Pflegegrad 5 fordere ich das sogar gegenüber mir als Angehörigem: Reduziert mich nicht auf den, der mal wieder mit der anstrengenden Kranken unterwegs ist. Sagt nicht: »Das könnte ich nicht.« Oder: »Toll, Herr Küper, andere Männer hätten ihre Frauen verlassen, Sie nicht.« Und: »Sie sind ein Held, du bist ein Held.«
    Hannes Küper, Werne (NRW)

  • Danke für diesen bereichernden, aufklärenden, sezierenden und ehrlichen Artikel! Er schafft Bewusstsein dafür – und Beschämung darüber –, wie Menschen mit Behinderung ableistische Bemerkungen erleben. Immer geht es ums Anders-als-die-Norm-Sein. Übergewichtige Menschen leiden unter »Komplimenten« wie: »Du hast so ein hübsches Gesicht«, afrikanischstämmige Menschen unter: »Kein Wunder, dass du so gut tanzen kannst.« Anderssein kommt leider immer noch einem Stigma gleich. Jede/r ist dazu aufgerufen, die eigenen Haltungen und Denkmuster diesbezüglich zu hinterfragen. Am besten, bevor er/sie sie äußert! Was für eine klare Analyse von dieser klugen Frau.
    Marika Winter, Stegen (Bad.-Württ.)

  • Die Auseinandersetzung mit Ableismus will gerade nicht das individuelle Verhalten kritisieren, sondern die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und ihre Reproduktionsmechanismen auf-decken, die es erzeugen. Dies setzt aber eine viel tiefer gehende Analyse der Zusammenhänge als das Klagen über mangelnde Inklusion voraus. Die ganzen zu Recht genannten Beispiele stellen ja nur die sichtbaren Ergebnisse von Ableismus dar, aber sie beantworten nicht, warum es so -gekommen ist und wie sie sich reproduzieren. Dann könnte man vielleicht in die Machtmechanismen eingreifen, um sie zu ändern.
    Christian Lührs, Hamburg

Schneller, aber länger

Heft 11/2024 Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Studierendenwerks erläutert, weshalb Studierende oft so lange auf ihr Bafög warten müssen

  • 1972 stellte ich meinen ersten Antrag auf Bafög-Förderung. Die entgegennehmende Sachbearbeiterin sagte damals zu mir: »Wir haben jetzt auf EDV umgestellt, da geht alles viel schneller, aber dafür dauert es länger.« Wie wahr, wie wahr.
    Johannes Zauner, Laaber (Bayern)

Gruselige Lebensform

Heft 11/2024 Stefanie de Velascos Roman über Frauen, die keine Kinder wollen 

  • Endlich wagt jemand auszusprechen, dass man moralisch nicht verpflichtet ist, das Familienleben mit Kindern als den einzigen Lebenszweck zu empfinden, sondern dass man diese Lebensform schlicht gruselig finden kann, und das nicht aus feministischen, sondern aus hedonistischen Gründen!
    Ekkehard Grube, Dinslaken (NRW)

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