Chinesischer Striptea - DER SPIEGEL
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Chinesischer Striptea

»Alice«. Spielfilm von Woody Allen. USA 1990; 106 Minuten; Farbe.
• aus DER SPIEGEL 9/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alice, die Titelheldin von Woody Allens neuer Komödie, hat alles, was das Herz begehrt: einen prachtvollen Ehemann, der aussieht wie William Hurt (der ihn spielt) und der Geld verdient, daß es nur so kracht; zwei prächtige Kinder, um die sie sich nur kümmern muß, wenn sie will; eine Wohnung in der Upper West Side Manhattans, in deren Inneneinrichtung die Kamera zu Recht fast zwei Stunden lang schwelgt.

Alice lebt in einem Wasp-Paradies, sie hat Freundinnen zum Tratschen, Kreditkarten zum Einkaufen, sie hat einen Friseur und einen Masseur, aber ach!, sie ist nicht ganz glücklich.

Das leise Unbehagen, das ihr der goldne Käfig bereitet, in dem sie der Film gefangengesetzt hat, dieses Unbehagen äußert sich in Rückenschmerzen.

Und daß sie trotz des wunderbar blonden, großartig sanften und unendlich souveränen Ehemanns Hurt nicht ganz glücklich ist (nicht ganz ausgefüllt, sagt man wohl), wird deutlich, wenn sie ihre Kinder in die Vorschule bringt.

Denn dort trifft sie einen geschiedenen Vater, der sein Kind auch bringt und abholt - und rasch merkt man, der Mann, nicht ganz so fein wie der Vater ihrer Kinder, Saxophonspieler und von italienischer Herkunft, gefällt ihr.

Da trifft es sich gut, daß Alice von Freundinnen die Adresse eines chinesischen Arztes in New Yorks Chinatown bekommt, den Keye Luke mit muffigem Charme als radebrechenden Quacksalber und Wunderheiler spielt.

Der mixt Alice einen Tee - und schon traut sie sich an den Saxophonisten ran, sagt ihm, was er für tolle Augen hätte - als wäre er die Frau und sie der Macker.

Dank einer anderen Teemischung kann sie unsichtbar werden, doch das lohnt sich nicht, denn sie sieht, daß Männer (auch ihr eigener) unbeobachtet immer nur das eine mit anderen treiben. Am Schluß ist weder aus ihrem Seitensprung noch aus ihrer Ehe was geworden, und das verwöhnte Hausmütterchen mausert sich zu einer Art Mutter Teresa: Da der Armen nicht zu helfen ist, hilft sie den Armen.

Im Dauerstrom von Woody Allens filmischen Selbstentäußerungen bildet »Alice« gewiß eine von sanfter Komik und milder Trauer umspülte Untiefe.

Vor allem aber ist dieser Woody-Allen-Film ohne Woody Allen eine Mia-Farrow-Hommage: Und da zeigt es sich, daß dieses blasse Geschöpf in seinem komischen Unglück und seiner dünnhäutigen Verzweiflung die weibliche Ausgabe des Stadtneurotikers und Unglücksraben ist. Nur daß sich der Regisseur und Ehemann Allen nicht traut, mit der gleichen unbarmherzigen Ironie über seine Mia herzufallen, mit der er sich selbst sonst komisch zur Schau stellt. Der Film lehrt: Frauen sind zwar die besseren Menschen, aber leider schlechtere Komiker.

Für Alice, die anämisch und mit tapfer trippelnden Schritten durch die Torturen des Luxuslebens stolpert, entfaltet Mia Farrow ihren zeitlosen Kleinmädchencharme, eckig, rührend und garantiert busenfrei.

Obwohl dieser Film auch von Liebe und Lust handelt, ist man überzeugt, daß Alice ihre Kinder durch Zellteilung bekommen hat. Kein Wunder: Ihre Ehe mit William Hurt, dem seine Rolle etwa so viel Chancen bietet wie die 100-Meter-Strecke einem Marathon-Läufer, ist reine Innendekoration - schöner Wohnen in Manhattan.

So sieht man »Alice«, wie man einem erlesenen Möbel-Geschäft in bester Verkaufslage einen neugierigen Besuch abstattet; man betrachtet amüsiert die Hartlackkommoden ehelicher Gefühle, die rosaseidigen Kissen erträumter Seitensprünge und die warm schimmernden Leuchten des leicht kriselnden Zusammenlebens.

Hellmuth Karasek

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