Christian Schultz-Gerstein über Peter Handke: »Über die Dörfer«
Alltäglicher, gewöhnlicher kann der äußere Rahmen eines Stückes nicht sein.
Die Personen sind Bauarbeiter oder Verkäuferinnen in einem Warenhaus, die Szenen spielen an so proletarischen Orten wie etwa auf einer Großbaustelle im Gebirgstal, und die Geschichte, um die es vordergründig geht, handelt von einem Erbschaftsstreit zwischen drei Geschwistern, wie er sich jeden Tag ereignen kann.
Der Autor ist nun aber nicht Mitglied im »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt«, sondern, im Gegenteil, der Dichter Peter Handke, der die niedere Realität in Richtung Bibel oder Thukydides zu übersteigen versucht, der in aller Bescheidenheit gar meint, die Ewigkeits-Größe dieser Vorbilder bereits erreicht zu haben und also spricht: »Ich glaube schon, daß das, was ich schreibe, stärker ist als die Geschichte.«
Die faustischen Höhenflüge haben dann auch in Handkes »dramatischem Gedicht« »Über die Dörfer« seine Figuren mitzumachen.
Die Bauarbeiter reden nicht über Mörtel, Zement oder Schichtzulagen, sie sprechen wie die Seher in der attischen Tragödie. »Großer Geist des Weltalls, komm heute einmal herab auf uns, entfalte dich im weiten Luftraum ... und lüpf als Spitze des Fallschirms das Innere unsrer Brust«, hallt es da aus Arbeitermund über die Großbaustelle, die beschworen wird, sich zu »beleben gemäß dem alten Spruch zu namenloser Schlichtheit«.
Betonbögen verwandeln sich unter Handkes erschauendem Blick in »Formglieder des allerältesten Altertums«, und allen Ernstes prüft er den Beton auf seine Tauglichkeit zur planetarischen Mystifikation mit der Frage: »Kann nicht der Beton zurück zu Urgestein gedacht werden?«
Wenn endlich auch noch einer dieser Bauarbeiter in einem hymnischen Sprechgesang von seinen Marmeladenbroten kündet - »Jahrelang ernährten wir uns von Brot und gelblicher Marmelade« - und dann im dunklen Erlösungs-Deutsch fortfährt: »Doch eines Abends stand am Himmel das Sinnbild aus Jade«, dann scheint die Grenze vom hohen Pathos zur bloßen Lächerlichkeit unumkehrbar überschritten zu sein.
Doch dann, etwa in der Mitte des Stücks, geschieht etwas Unvorhersehbares, etwas, das Handke selber vielleicht gar nicht gewollt hat, aber nicht länger verhindern konnte: Die wallenden Figuren kippen ihm unversehens von den Kothurnen, die Nebelwand aus Pathos und priesterlicher Geheimnistuerei reißt jäh auf, man traut seinen Augen nicht, wenn plötzlich diese andächtigen Figuren aus dem mystischen Kleingewerbe mit kalter Raserei hervorbrechen und haßerfüllt auf jene Realität losstürmen, die sie zuvor mit dem Mantel der Religiosität gnädig verdeckt hatten.
Zum Beispiel Gregor. Aus Übersee ist er in sein alpenländisches Heimatdorf gekommen, um mit seinen Geschwistern, dem Bauarbeiter Hans und der Verkäuferin Sophie, die Sache mit dem Haus zu regeln, das er, als Ältester, von den verstorbenen Eltern geerbt hatte, auf das er aber verzichten soll, damit die Schwester eine Hypothek aufnehmen und ein eigenes Geschäft eröffnen kann.
Der Mann ist kaum angekommen, da greift ihm auch schon die Heimat derart ans Herze, daß Bäume und Sträucher, der Fluß und die Wiese, der Beton und die Großbaustelle zu Altären werden, vor denen man Gregor beten hört: »O Fluß im Nebel. O Herbstfarben am anderen Ufer ... O Erde, die man einst das Reich des Lichtes genannt hat ...«
In solchen Sphären kann der bloße Gedanke an Geschäft, Hypothek und Ladenkasse nur als teuflische Versuchung empfunden werden. Und richtig - Gregor weist Schwester Sophies Geschäftspläne im Namen der Schöpfung zurück, versucht, sie dem edlen Menschengeschlecht zu erhalten, indem er ihr die Tantalus-Qualen einer Geschäftsfrau ausmalt, die - welch mörderisches Los - »im Wald oder am Meer statt dem Rauschen bloß das Kassenrasseln« hört.
Gregors Vorrat an abgestandenen Weihwassern scheint unerschöpflich zu sein. Doch dann ist es wie abgeschnitten, der Tränensack der süßlichen Wiegenlieder ist plötzlich knochentrocken.
Das Elternhaus, der »Hauptort meiner Träume«, in endlosen Sermonen gegen das Widernatürliche von Geschäftssinn und Hypothek verteidigt, Gregor will den Plunder nicht mehr haben. Die Heimat, über Seiten hinweg in jedem Grashalm, in den Adern jedes Blättchens erschaut, sie ist ihm nur noch ein leerer Wahn, eine ausgestorbene Gegend.
Der große Weltüberwinder, der sich fast schon bis zum ewigen Leben vor- und davongebetet hatte, bricht plötzlich zusammen. »Wir stammen«, schleudert er seinen Geschwistern voller Haß entgegen, »von Verlierern ab, die wie Käselaibe ins Grab gerollt sind, und wir werden ihnen ebenso nachrollen, jeder für sich.«
Das Kind seines Bruders Hans, das mit seiner Sparbüchse rasselnd dasitzt und die sogenannte Zukunft noch vor sich hat, es ekelt ihn an, wie es dahockt »auf seinem weißen Verlierer-Hintern«, wie es jetzt schon »dumm dreinschaut wie der im voraus Schuldiggesprochene, und sein ganzer Stolz ist der Knall, mit dem sein aufgeblasener Kaugummi platzt«.
Die Einsicht in die ganze Lächerlichkeit der eigenen pathetischen Existenz fährt schließlich aus ihm heraus, wenn er dem Kind die Zukunft um die Ohren schlägt: »Er wird einer der Schreihälse sein, die im Namen aller auftreten, und die keiner haben will. Mit Geld wird er klimpern, wo es für ihn nichts zu kaufen gibt, und das große Wort wird er führen, während ihn die, die das Sagen haben, schweigend verachten.«
Wie Gregor hält auch Bruder Hans, der Bauarbeiter, die Betstunden, zu denen Handke ihn zwang, nicht durch. Den Weltgeist hatte er beschworen, die S.140 Großbaustelle antikisch besungen, das Leben zum »Rätsel« hochgeweiht. Jetzt tönt es wie Rache am eigenen kosmischen Gehabe, wie erlöst vom das Schöne, Wahre, Gute nicht stiftenden Pathos räumt Hans auf mit den falschen Tönen. »Endlich das Wort: Es heißt 'Krieg' ...« Sein eigenes Kind, »mein Fleisch und Blut«? »Das war einmal. Soll es doch Teil all der feindlichen Haufen sein.« Der blaue Berg im Herbst? »Das war einmal. Nie wieder soll ein Omnibus anhalten mit einem altvertrauten Gesicht darin.«
Aus dem äußeren Ablauf, aus dem Plan des Stückes ist kaum abzuleiten, weshalb der blanke Haß in die zuvor so schönen Seelen fährt.
Ihre Andacht wird durch kein Ereignis, durch keinen Einfall irgendeiner plumpen Trivialität gestört, nicht einmal die Anwesenheit von Betonmischmaschinen konnte ja Handkes Prediger irritieren. Und auch das Auftreten der »Alten Frau« ist von Handke nicht als Bedrohung seiner strebend um die mittlere Reife in höherer Vernunft bemühten Figuren konzipiert. Dennoch stürzen sie nach dem Auftritt der Frau aus ihren Kanzeln ab.
Mit ihr kommt in Handkes Stück eine Strenge der Sprache und der Wahrnehmung von alttestamentarischer Kraft, durch die sich die hochtrabend-bänglichen Heimat-und-Ursprungs-Frömmeleien ganz von selbst erledigen. Heimat, dieses Wort kennt die Frau gar nicht, dazu hat sie zuviel gesehen.
»Ich möchte dieses Dorf verfluchen und seine Bewohner, die nur noch auf das Läuten der elektrischen Kegelbahn hören, ich möchte ihre Mäuler verfluchen, die wie Sparbüchsenschlitze sind, in die nur hineingesteckt wird, wo aber nichts mehr herauskommt. Ich möchte ihre falschen Trachten verfluchen, mit den gipsweißen Strümpfen, den ledernen Sturmriemen vor der Brust und den Hirschhornknöpfen, groß und löchrig wie Totenschädel.«
Und sie weiht die Zuschauer ein, in welche Heimat Gregor zurückgekehrt ist. »Du bist in einem Land, das so klein ist wie bösartig; voll von Gefangenen, die in ihren Zellen vergessen werden, und noch voller von den vergeßlichen Kerkermeistern, die nach jeder Schandtat dicker im Amt sind, mit Stimmen, die tönen, als hätte man ihnen Todeslautverstärker in die Kehlen eingesetzt, mit den Arm- und Beinbewegungen von vergifteten Enterhaken, mit Augen, aus denen mit jedem Blick die Stechwespen ausschlüpfen.«
Würden nach diesen sprachlichen Attentaten auf eine unerträgliche Realität Handkes Figuren in ihrem pastoralen Singsang fortfahren, sie würden auf der Stelle zu kleinmütigen Durchhalte-Optimisten schrumpfen. Das weiß natürlich ein so effektkundiger Ästhet wie Handke instinktiv, und gerade weil dem dichtenden Jünger Jesu seine erhabenen Geschöpfe hoch und heilig sind, kann er sie S.141 jetzt nicht der Lächerlichkeit preisgeben, sie müssen notgedrungen mit der Sprache herausrücken.
Ihrer Pathetik beraubt, erweisen sie sich plötzlich als hochkarätige Hasser, als Figuren eines Dichters, der anderen Schriftstellern eine Qualität doch immer noch voraus hat - seine Unberechenbarkeit.
Die ist nun aber für Handke selber offenbar derart bedrohlich, daß er am Ende doch seine Personen aus der Apokalypse heraus- und zur göttlichen Ordnung ruft.
Diesen Akt der Willkür besorgt ein weiblicher »Geist des neuen Zeitalters«, den Handke - wir sind nun wieder im Tante-Emma-Laden der Religiosität, im Reich der andächtigen Verehrung fürs Kleine Latinum - »Nova« nennt, das heißt nämlich auf Deutsch »die Neue«. Nova erneuert nun Hans und Gregor zu den kniefälligen Meßdienern der Schöpfung, die sie freilich am Anfang schon waren.
»Dankbarkeit« haucht sie ihnen ein. »Dankbarkeit ist die Begeisterung, und erst das Bedankte erscheint als die Dauerform - erst die Dankbarkeit gibt den Blick in die weite Welt.« »Als Götter« sollen sich nun entdecken, die gerade die Schöpfung niedergerissen haben. Und das Kind, jenes mit dem ekelhaften »weißen Verlierer-Hintern«, Nova setzt ihm zum Zeichen der Zuversicht in die erleuchtete Zukunft der Götter-Menschheit eine Krone auf.
Da ist Handke schließlich doch wieder beim tiefen Sinn des Schlagers »Es wird ja alles wieder gut« eingekehrt. Aber, und da liegt die Dramatik seines »dramatischen Gedichts«, auf dem Weg ins gemütliche Wirtshaus »Zum Tiefsinn« hätte es ihn beinahe in die Hölle verschlagen, die gleich nebenan liegt.