LITERATUR »Das Intimste formulieren«
SPIEGEL: Frau Hahn, Sie sind eine erfolgreiche Lyrikerin, eine Meisterin der kurzen Form. Was hat Sie bewogen, jetzt unter dem Titel »Das verborgene Wort« einen Roman von 600 Seiten zu veröffentlichen, die Geschichte einer - Ihrer - Kindheit auf dem Land?*
Hahn: Ich war an einem Punkt im Leben angelangt, wo ich ohne Zorn und mit einer gewissen Gelassenheit zurückschauen und mich fragen konnte: Wo kommst du eigentlich her? Zudem waren zwei gute Freundinnen von mir kurz hintereinander an Krebs gestorben. Ich empfand plötzlich eine große Dankbarkeit, dass das eigene Leben bisher gut verlaufen ist - nach schwierigen Anfängen ...
SPIEGEL: ... die Sie in Ihrem Roman anschaulich schildern. Es wirkt in der Tat wie ein Wunder, dass die Ich-Erzählerin, die kleine Hildegard, sich von Armut und geistiger Enge nicht unterkriegen lässt - ein wenig wie im Märchen.
Hahn: Es kommt mir selbst manchmal unwahrscheinlich vor, dass ich heute hier sitze. Es gibt nicht viele Mädchen meines Jahrgangs, die aus einer katholischen Arbeiterfamilie vom Dorf kommen und später studieren konnten.
SPIEGEL: Ihr Roman ist sehr präzise bei der Schilderung väterlicher Gewaltausbrüche. Hatten Sie beim Schreiben mit Selbstzensur zu kämpfen?
Hahn: Nein, ich habe es nicht zurückgehalten. Und später stehen lassen, wenn es
mir gelungen vorkam. Aber es kann schon sein, dass mir die drei Jahre intensiver Schreibarbeit eine Psychoanalyse ersetzt haben.
SPIEGEL: War das schwer auszuhalten?
Hahn: Zwischendurch habe ich manchmal geheult wie ein Schlosshund. Da gab es bittere Dinge. Mir ist noch einmal klar geworden, wie so ein Leben auch hätte scheitern können. Das stand auf der Kippe.
SPIEGEL: »Das verborgene Wort« ist demnach eine Autobiografie ...
Hahn: ... nein, es ist keine.
SPIEGEL: Aber es handelt sich doch um Ihre eigene Kindheit, wie Sie selbst gesagt haben?
Hahn: Es gibt einen autobiografischen Kern. Das kleine Mädchen, die Eltern: Sie sind weitgehend authentisch. Aber das Dorf ist fiktiv, Dondorf gibt es nicht, ganz zu schweigen von den vielen anderen Figuren, die das Buch bevölkern.
SPIEGEL: Die Romanheldin Hildegard Palm nennt sich selbst später Hilla - was doch sehr nach Ulla klingt.
Hahn: Das war nicht beabsichtigt. Im ersten Stadium des Schreibens war die Hauptfigur ein kleiner Junge. Erst später habe ich mich für die Perspektive des Mädchens entschieden. Ich wollte trotzdem weit weg vom Autobiografischen.
SPIEGEL: Welchen Vorteil hat die Form des Romans gegenüber der offenen Autobiografie?
Hahn: Eine Autobiografie hätte mich beim Schreiben zu sehr festgelegt. Es tauchten Figuren und Bilder auf, die mich selbst überraschten, die in gewisser Weise wirklicher waren als alles, was passiert ist. Das war für mich ungemein spannend. Sollte ich diese Figuren der Phantasie wieder wegschicken?
SPIEGEL: Der französische Autor Henri de Régnier hat paradox formuliert: »Man erzählt wahrheitsgemäß nur, was sich nie begeben hat.«
Hahn: Erst die erfundenen Geschichten haben mir Mut gemacht, auch die schmerzhaften eigenen Erfahrungen zu formulieren. Keiner soll erkennen können: Das ist passiert, das ist erfunden. Fiktion und Wirklichkeit sollten sich vermischen. Schon meine erste Leserin, die das Manuskript abgetippt hat, wollte wissen, was aus einer bestimmten Person geworden ist - die aber war erfunden.
SPIEGEL: Sie haben alles mit der Hand geschrieben?
Hahn: Alles, und es war zunächst viel mehr. Begonnen habe ich das Ganze vor rund zehn Jahren, zunächst waren es einzelne Geschichten, seit 1997 habe ich dann fast nur noch an dem Roman gearbeitet. Als das Manuskript ausgedruckt vorlag, waren es rund 1200 Blätter.
SPIEGEL: Da waren Sie selbst überrascht?
Hahn: Ich war geschockt! Ich hatte geschrieben, ohne mir über die Proportionen im Klaren zu sein. Gekürzt habe ich erst in der ausgedruckten Fassung. Ganze Familienstämme sind wieder rausgeflogen. Das Buch wäre wohl nie zu Stande gekommen, hätte ich früher erkannt, was für einen Umfang das annimmt - ich wäre entmutigt gewesen. So hatte ich eine Knetmasse, die ich dann formen konnte.
SPIEGEL: Hildegard lebt früh in Phantasiewelten, für die die Eltern überhaupt kein Verständnis haben. Zuspruch kommt vom Pfarrer: »Sie können stolz sein auf Ihre Tochter.« Ist das nicht eine eher untypische Erfahrung?
Hahn: Nein. Die Kirche war in so einer armseligen Dorfgemeinschaft der Kulturträger. Wo habe ich zum ersten Mal einen schönen Raum gesehen, Überfluss, schöne Gewänder, Kerzen? Wo zum ersten Mal Musik gehört? Worte, die nicht nur zum Schimpfen da waren? In der Kirche. Das war ungeheuer wichtig.
SPIEGEL: Sie beschreiben eine deutsche Nachkriegskindheit in der Provinz. Das liegt weit zurück. War es schwer, sich wieder in diese Zeit hineinzuversetzen? Haben Sie Dokumente benutzt?
Hahn: Ich habe noch einmal in den fünfziger Jahren gelebt. Ich bin beim Schreiben ganz aus der Gegenwart abgetaucht, auch für Freunde. Ich war verschwunden. Ich habe mehr in dem Romandorf gelebt als in Hamburg. Ich habe alte Quelle-Kataloge gewälzt, Zeitungen gelesen, mit meinem Bruder gesprochen ...
SPIEGEL: ... der im Roman Bertram heißt.
Hahn: Er durfte sich den Namen selbst aussuchen.
SPIEGEL: Besonders für den Vater, einen ungelernten Arbeiter, ist die Liebe der Tochter zur Hochsprache eine Provokation. Als einmal heiße Suppe mit Buchstabennudeln auf dem Tisch steht, taucht er ihr Gesicht mit den Worten »Do häs de ding Boochstabe« (Da hast du deine Buchstaben) in den Teller. Die Mutter will keinen Arzt rufen, und so bleiben der Tochter rote Flecken auf Wangen und Nase, und zwar »lebenslänglich«, wie es im Roman heißt - wo doch sonst alles aus der Perspektive des Kindes erzählt wird. Hat Sie da einfach die Wut überwältigt?
Hahn: Das konnte ich mir nicht verkneifen.
SPIEGEL: In den Dialogen nutzen Sie - vor allem zu Beginn - reichlich die Mundart, das Platt, das zwischen Köln und Düsseldorf gesprochen wird. Es gibt am Ende sogar ein Wörterverzeichnis, das von »Ääze-
zupp« (Erbsensuppe) bis »zozemode« (zuzumuten) reicht. Warum muten Sie das Ihren Lesern zu?
Hahn: Das ging nicht anders, allein schon um den Weg dieses Mädchens nachzuzeichnen. Das war ja der erste Befreiungsschlag: Raus aus dem Dialekt! Die Hochsprache wird Hildegards Waffe.
SPIEGEL: Deswegen wird auch die Schule wichtig - und fast hätten die Eltern dem Fotografen nicht einmal die Aufnahme mit der Schultüte abgekauft?
Hahn: Ja, wie im Roman beschrieben: aus Geldmangel und weil meine beiden Zöpfe nicht zu sehen waren.
SPIEGEL: Sie will »lernen und wissen«, nimmt sich die kleine Hildegard vor. Das ist der Kern des Romans: die Geschichte einer Emanzipation, fast aus eigener Kraft - eine heute, wo Bildung für alle da ist, fast rührend anmutende Verehrung von Schrift und Kultur. War das von vornherein der rote Faden der Erzählung?
Hahn: Das hat sich beim Schreiben ergeben. Da bin ich auch den ersten Lesern des Manuskripts dankbar, die empfahlen, diesen Strang noch deutlicher herauszuarbeiten.
SPIEGEL: Es gibt aber nicht nur die Welt der Bücher, sondern auch jede Menge soziale Wirklichkeit für Hildegard: Ferienarbeit am Fließband, Ausbildungsplatz in einem Büro - was wollten Sie damit zeigen?
Hahn: Hildegard ist kein Bücherwurm, sie reibt sich auch an der Wirklichkeit.
SPIEGEL: Die politischen Zeitereignisse allerdings bleiben am Rand, wie etwa der Mauerbau 1961. Warum?
Hahn: Ich schreibe aus der Perspektive des Kindes. Da darf man nicht nachträgliches Wissen hineinpacken. Den Mauerbau erlebt die 15-jährige Hilla allerdings schon sehr bewusst am Fernseher.
SPIEGEL: Auch in der Liebe sucht Hilla mehr die Phantasie als die Wirklichkeit, zurückhaltend und ahnungslos begegnet sie dem männlichen Geschlecht. »Ich wollte ersehnen, nicht erlangen« - etwas enttäuschend für neugierige Leser ...
Hahn: Finden Sie? Ich schreibe doch über eine Zeit, in der die Jugendlichen sich noch fragten, was Sünde ist und was nicht. Aber Hilla ist nicht ängstlich, sie macht ihre ersten kleinen Erfahrungen. Nie hätte ich etwas dazu erfunden, um die von Ihnen angesprochene Neugier zu befriedigen.
SPIEGEL: Am Schluss steht denn auch - anders als in vielen Büchern über Kindheit und Jugend - nicht die sexuelle Initiation, sondern Hillas Aussicht, doch noch die Prüfung für das Gymnasium machen zu dürfen. Wird es eine Fortsetzung geben?
Hahn: Eigentlich habe ich dieses Buch nur geschrieben, um eine Fortsetzung schreiben zu können. Darauf will ich hinaus: Wie konnte es möglich sein, dass ich, wenn auch nur für einige Zeit, in der DKP landete? Das wollte ich mir erzählend erklären - die Geschichte der Kindheit war ursprünglich als Auftakt gedacht. Da bin ich aufgehalten worden. Das werde ich wieder aufgreifen.
SPIEGEL: Wie ging es weiter mit Hilla/Ulla?
Hahn: Ich kann hier nicht schon das nächste Buch erzählen.
SPIEGEL: Aber Ihr eigenes Leben?
Hahn: Ich selbst habe Abitur gemacht, das Elternhaus verlassen, Germanistik und Geschichte studiert und später als Redakteurin beim Rundfunk gearbeitet.
SPIEGEL: Haben Sie schon als Schülerin Gedichte geschrieben?
Hahn: Gedichte kaum. Aber etwa die im Roman jetzt wörtlich zitierte Geschichte von der Atombombe ...
SPIEGEL: ... ein rührendes kleines Prosastück. Was macht mehr Spaß: Lyrik oder Prosa?
Hahn: Zurzeit schätze ich die Möglichkeiten der Prosa: Es gibt viel mehr Freiheiten, außerdem lassen sich ja lyrische Passagen einbauen.
SPIEGEL: Stefan Zweig hat einst behauptet, die Deutschen seien keine großen Erzähler. Jedes Kunstwerk sei ihnen immer nur ein Vorwand, näher an sich selbst heranzukommen - »statt an die Welt«. Ist da was dran?
Hahn: Kaum. Ich bin Teil der Welt - wie kann ich die Welt verstehen, wenn ich von mir absehe? Das ist eine künstliche Trennung.
SPIEGEL: Für Thomas Mann war das Intimste »zugleich das Allgemeinste und Menschlichste«. Ein Leitsatz auch für Sie?
Hahn: Ja, nur dann lohnt sich Schreiben: Wenn man sich die Mühe macht, an das Intimste heranzukommen und das dann so zu formulieren, dass es allgemein wird. Jeder Leser, der eine gute Geschichte liest, schreibt sich im Grunde eine neue hinzu: Je mehr er in die fremde Geschichte hineingeht, desto näher kommt er seiner eigenen. INTERVIEW: VOLKER HAGE
* Ulla Hahn: »Das verborgene Wort«. Deutsche Verlags-Anstalt,München; 600 Seiten; 49,80 Mark.* Rheinufer bei Monheim.