Dunst und Traum - DER SPIEGEL
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Am Rande Dunst und Traum

• aus DER SPIEGEL 23/2002
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Wenn die alternde Marschallin im »Rosenkavalier« singt, die Zeit sei ein »sonderbar' Ding«, so hat sie eine smarte Arie und Recht. Ein noch seltsameres Ding ist indes die Gattung, der der Seufzer entstammt: die Oper. Dauernd wird sie für tot erklärt, erweist sich aber als quicklebendig, obwohl nirgendwo so viel entschlafen wird wie auf der Musikbühne. Operntote wie Aida, Carmen, Siegfried oder Othello kennt - Pisa hin, Pisa her - jedes Kind.

Genau betrachtet also sind die Opernpaläste nichts anderes als tönende Leichenschauhäuser, weshalb zart besaitete Menschen sie eher meiden sollten. Andererseits sorgen nun einfühlsame Regisseure für Abhilfe. Im neuen Stuttgarter »Don Giovanni« beispielsweise wird der (im Libretto zur Hölle fahrende) Frauenschänder zwar von Messerhelden abgemurkst, darf aber auferstehen und den Weibern vermutlich weiter an die Wäsche gehen.

In der taufrischen Zürcher »Götterdämmerung« fällt sogar das Massensterben aus. Statt am Ende für die Götter-Schlaffis ein flammendes Inferno zu entfachen, lodert laut »Süddeutscher Zeitung« nur ein »kleines Kaminfeuer, gegen das die örtliche Feuerwehr sehr leichtes Spiel hätte«. Gänzlich unlösbar schien bisher die Frage des Exitus im »Rosenkavalier«, wo kein Sterblicher, sondern gleich eine ganze Epoche, das alte Habsburg, verendet. Nun hat die Hamburgische Staatsoper dafür eine zumindest pharmakologisch interessante Lösung gefunden: Die Marschallin muss, just wenn auf ihrem Stimmband »alles zergeht wie Dunst und Traum«, zu Tabletten greifen. Nur: Bewirken die den Tod einer Ära oder nur das Ende einer Migräne? Mangels Beipackzettel tappt das Publikum im Dunkeln, weiß aber: Auch manche Pille ist ein sonderbar' Ding.

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